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Marburg Klingel-Gewitter auf der Stadtautobahn
Marburg Klingel-Gewitter auf der Stadtautobahn
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18:21 30.08.2020
Fahrraddemo auf der Marburger Stadtautobahn.
Fahrraddemo auf der Marburger Stadtautobahn. Quelle: foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Fünf Minuten im Fahrtwind. Für ein paar Hundert Meter die Breite des Wegs, die Ruhe der Umgebung genießen und mit einem Grinsen im Gesicht die Klingel am Lenker bimmeln: So wie Marlene Pfeiffer geht es an diesem Spätsommer-Samstag noch 249 anderen Marburger Radfahrern, als sie die Stadtautobahn-Rampe am Hauptbahnhof hoch-, die B3a entlang- und bei Marburg-Mitte abfahren. „Das ist ein tolles Gefühl, könnte ich mich dran gewöhnen“, sagt die 24-jährige Studentin. Einige Radler sausen schnell zum vordersten Polizeiwagen, nur um dann wieder umzukehren und die für rund 15 Minuten abgesperrte Strecke ein zweites Mal gemütlich fahren zu können. „Ein symbolisches Zeichen setzen wir hier: Radfahrer wollen und brauchen mehr Platz in Marburg“, sagt Hans-Horst Althaus, einer der bekanntesten und wichtigsten Marburger Radaktivisten. Er und seine Mitstreiter der „Kampagne Verkehrswende“ stoppen für Kundgebungen an mehreren Stellen, die in ihren Augen umgehend verkehrs-reformiert bedürfen: Allen voran die Leopold-Lucas-Straße, das Gebiet „Am Grün“/Schulstraße/ Wilhelmstraße und eben die Stadtautobahn.

„Autos, speziell Eltern-Taxis, haben hier nichts verloren“

Konkret: Mindestens Stoßzeiten-Sperrung der Schulviertelstrecke für Autos, Umwidmung der Wilhelmstraße zur Fahrradstraße, versuchsweise Tempo 30 in der ganzen Stadt und Tempo 60 auf der Stadtautobahn. Dazu mehr Busse in die zentrumsnahen und sowieso in außerhalb gelegenen Stadtteile, Schritte hin zu einem Gratis-Nahverkehr bis zum Jahr 2025.

„Das hier ist kein sicherer Schulweg“. Auf dem Vorplatz des Philippinums nimmt Peter Reckling das Mikrofon in die Hand und erzählt, was sich in der Leopold-Lucas-Straße alles ändern muss. „Autos, speziell Eltern-Taxis haben hier nichts verloren“, sagt er. Durch das Kommen und Gehen, das Wenden, Ein- und Ausfahren speziell vor Schulbeginn und nach Unterrichtsende würden „ständig brenzlige Situationen heraufbeschworen“.

„Eine reine Willensfrage, ob man Straßen für Autos sperrt“

Wie schon seit Jahren angedacht, sollte der Magistrat für die rund 6 000 Kinder und Jugendlichen einen autofreien Schul-Campus aufbauen – eine zentrale, für Autos erreichbare aber den Schulen vorgelagerte Bring- und Abholfläche einrichten.

Zustimmendes Nicken bei Wolfgang Schuch, im Radlobby-Verband ADFC aktiv. Er wird wenig später darüber reden, wie viel mehr Marburg für Radfahrer-Belange machen könnte. „Es ist eine reine Willensfrage, ob man manche Straßen für Autos sperrt und nur Räder drauf lässt“, sagt er. Die Strecke von Schul- über Wilhelmstraße bis Schwanallee sei dafür prädestiniert, eben weil es mit der Frankfurter Straße eine parallel verlaufende Hauptverkehrs-Autostraße gebe.

Pop-up-Radwege als kurzfristiges Mittel pro Radverkehr

Die Landkreis-Verwaltung sei verkehrspolitisch für manche Kreisstraße in ihren Überlegungen „viel weiter, viel näher am Zukunfts-Verkehrsmittel Fahrrad“, sagt er. Die während der Corona-Pandemie in manchen Städten geschaffenen Pop-Up-Radwege dienen Schuch als Beispiel für kurzfristig mögliche Entscheidungen pro Rad- und contra Autoverkehr.

Mehr Platz für Bäume, Menschen und Kulturleben

Andere Redner sehen in den Straßensperrungs- und Tempolimit-, in den Gratis-Nahverkehrs-Forderungen Gebote der Klimaschutzpolitik. „Mehr Platz für Radfahrer, weniger Raum für Autos heißt auch: Mehr Platz für Bäume, Menschen und Kulturleben, also ein besseres Leben in der Stadt.“ Von Bestrebungen des Magistrats, Marburg zu einer der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands werden zu lassen, erkennen die wenigsten der 250 Demo-Teilnehmer an diesem Tag etwas.

Neuerliche Kritik an fehlendem Radstreifen auf der Weidenhäuser Brücke

„Daran, dass es auf der Weidenhäuser Brücke nicht mal einen Radstreifen gibt, sieht man doch, wie weit Marburg weg ist von Fahrradfreundlichkeit“, sagt Marlene Pfeiffer beim Rollen eben über das Bauwerk zur Abschlusskundgebung im Südviertel.

Von Björn Wisker