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Marburg Autos Wege lassen, Radwege bauen
Marburg Autos Wege lassen, Radwege bauen
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22:05 29.04.2019
Die Ketzerbach ist die am meisten von Verkehr betroffene Strecke zwischen Hauptbahnhof und Pharmastandort. Doch nimmt der Verkehr zu oder ab? Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die Verkehrszählung weist für die Ketzerbach zwar 13. 000 Fahrzeuge, aber gleichzeitig einen auf das Jahr 2000 bezogenen, massiven Rückgang um 2.500 aus. Dieser Rückgang in der Verbindungsachse zwischen Nordstadt und Pharmastandort hängt laut Straßenverkehrsbehörde wohl auch mit dem Umbau der Straße, dem Wegfall der Parkplätze zusammen. Dadurch reduzierte sich der Parksuchverkehr, der in die 19 Jahre alte Erhebung – eine Hochrechnung – noch einfloss. 

In dem Bereich, den einen die Ketzerbach-Gegend entlastende, mögliche Westumfahrung betreffen würde – den Kreis- und Landesstraßen-Bereich zwischen Dagobertshausen und Niederweimar – fahren aktuell im Tagesdurchschnitt maximal rund 3.000 Fahrzeuge. Deutlich wird indes, dass momentan dreimal so viele Lkw den Stadtbereich befahren wie die West-Dörfer, die durch eine Westumfahrung eine Zunahme vor allem des Schwerlastverkehrs fürchten.

Neben der Gesamtzahl von durchschnittlich mehr als 530 Lkw in der Marbach – zu denen aber auch mehr als 100 Stadtbus-Bewegungen gezählt werden – sind speziell die 370 Lkw auf der Graf-von-Staufenberg-Straße auffällig. Das ist der höchste Wert abseits der Behringrouten. Eine Zahl, die wohl vor allem durch die Produktionsanlage der Firma Sälzer zustande kommt. Relativ konstant bleibt das Gesamt-Verkehrsaufkommen laut Berechnung mit rund 3.900 Alt-Ockershausen (Hohe Leuchte), im Stadtwald wurde eine Fahrzeug-Zunahme von 270 pro Tag aktiv gezählt.

Festgestellt haben die Behörden grundsätzliche Verkehrsveränderungen auf den beiden West-Landesstraßen: Plus 77 Prozent (von 2.100 auf 3.800) auf der Landesstraße zwischen Haddamshausen und Niederweimar, plus 22 Prozent zwischen Sterzhausen und der Marbach (von 5.000 auf 6.100).

Das Problem: Die Marbach-Straßen werden mit dem Verkehrsentwicklungsplan Nordstadt aus dem Jahr 2000 verglichen, die Kreis- und Landesstraßen mit den Hessen Mobil Zählungen der vergangenen Jahrzehnte, dem jüngsten aus 2015. Allen Vergleichsebenen liegen andere Berechnungsvarianten zugrunde.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) argumentierte­ gestern bei der Ergebnis-Präsentation im Bürgerhaus Marbach mit der Luftreinheit in der Innenstadt: „Das Problem lösen wir nicht durch eine einzelne Maßnahme und das löst auch die Stadt nicht alleine.“ Ziel sei vor allem, den Umstieg auf Nahverkehr und Fahrrad zu fördern, „aber denen, die Auto fahren müssen, Wege zu lassen“. Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) äußerte sich mit Verweis auf den Green-City-Plan ähnlich, erneuerte das Bekenntnis zu neuen Radwegen auch zum Behringstandort. „Wir wollen es für die Menschen attraktiver machen, Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen“, sagte er.

Hintergrund: Die Diskussion­ entbrannte nach einem vom Magistrat unterstützten SPD-Vorstoß, eine Westumfahrung – den „Allnatalweg“ zu bauen. Das Regierungspräsidium Gießen erhielt angesichts der bevorstehenden Neuaufstellung des Regionalplans von der Verwaltungsspitze den Hinweis auf die Verkehrsprobleme im Westen, die überörtliche Ursachen hätten und ebenso überörtliche Lösungen bräuchten. Ziel: Das RP solle Lösungsvorschläge machen, von denen eine Westumfahrung eine Möglichkeit sein könnte. Die CDU brachte nicht zuletzt wegen des Widerstands der Bürgerinitiative „Allnatalweg: Stopp“ den Behringtunnel ins Spiel. Für beide Großprojekte, so der kommunalpolitische Konsens, brauche es aktuelle Verkehrsdaten – die also nun vorliegen und zu unterschiedlichen Reaktionen bei Bewohnern und Kommunalpolitikern führen.

von Björn Wisker

Ein ausführlicher Bericht folgt.

Verschiedene Berechnungen

Die in den Jahren 2015 und 2010 bei Straßenverkehrszählungen­ von Hessen Mobil auf Landes- und Kreisstraßen ermittelten Werte im Westen der Universitätsstadt – zwischen den Behringwerke-Standorten Görzhausen und Marbach eine Reduzierung der Fahrzeugzahl von 6.900 auf 6.150 binnen fünf Jahren – liegt eine im Vergleich zu den aktuellen Stadt-Daten andere Berechnung zugrunde. Die Landesbehörde zählte in den jeweiligen Jahren den Auto- und Lkw-Verkehr über einen bestimmten Zeitraum, rechnete dann mit Hilfe dieser Daten aber Geringverkehrszeiten wie Wochenenden, Feiertage und Ferien hoch, ermittelte so einen täglichen Jahresdurchschnittswert. Bei den Werten der Stadt handelt es sich nach eigenen Angaben um die durchschnittliche Spitzenbelastung. Heißt: Im Schnitt fahren von Montag bis Freitag so viele Fahrzeuge auf den jeweiligen Straßen, weshalb man etwa für Görzhausen nicht auf 6.150, sondern auf bis zu 8.000 Fahrzeuge kommt.