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Marburg Alles im Fluss: Marburg setzt auf Rad-Grünpfeile
Marburg Alles im Fluss: Marburg setzt auf Rad-Grünpfeile
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13:44 15.07.2020
Mehr Platz für flächen-schonendere Räder statt für klobige Autos: Der neue Lastenrad-Stellplatz in der Gutenbergstraße. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Als die Blicke dann an den Rand der Ampel wandern, wird im Auto wild gestikuliert. Der Fahrer des Wagens war schon bereit, auf das Gaspedal zu treten, als die Beifahrerin ihn anzuraunen scheint: Stopp, es ist doch Rot – und überall hier am Wilhelmsplatz stehen Menschen, die das, die deinen Verkehrsverstoß sehen!

Was auch stimmt – denn an der Kreuzung steht an diesem Nachmittag kein geringerer als Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) selbst. Aber als das Stadtoberhaupt höchstpersönlich dann mit seinem roten Regenschirm auf den kleinen grünen Pfeil an der Ampel deutet, das Auto wie ein Schutzmann aus vergangenen Epochen durchwinkt, dämmert es auch der Beifahrerin und allen hinter ihnen wartenden Auto- und Radfahrern: Man kann jetzt hier trotz roter Ampel rechts abbiegen.

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„Das ist eine Stelle, an der es uns sinnvoll und recht gefahrlos möglich scheint, einen Grünpfeil aufzuhängen und den Verkehrsfluss zu verbessern“, sagt Michael Hagenbring von der Straßenverkehrsbehörde, der neben Kurzzeit-Schutzmann Spies steht. Der Schritt soll das Kfz-Knäuel, das sich häufig zwischen Ockershausen, Ober- und Innenstadt bildet, auflösen und gleichsam Radfahrern ein zügigeres Vorankommen ermöglichen. Ähnlich wie es vor Wochen an der Konrad-Adenauer-Brücke gemacht wurde, was sich laut Hagenbring bewährt hat.

Der Rechtsabbieger-Pfeil am Wilhelmsplatz ist dabei nur eine von mehreren kleineren Verkehrsveränderungen, die die Stadt in den vergangenen Tagen vorgenommen hat. So gibt es nun auch „Am Grün“ in Richtung Rudolphsplatz und an der Einmündung Leopold-Lucas- zur Radestraße einen Grünpfeil – allerdings exklusiv für Radfahrer. Und auch „erstmal nur testweise“, wie Hagenbring sagt. Denn gerade im Hinblick auf die vielen Blinden und Sehbehinderten in der Stadt seien Grünpfeile nur an wenigen Stellen überhaupt denkbar. „Ob das an der Stelle tatsächlich praktikabel ist, wird sich zeigen.“

„Schneller Radweg, kein Radschnellweg“

In Anlehnung an die jüngst speziell in Großstädten populär gewordenen Pop-up-Radwege – also im Zuge der Corona-Pandemie des laut Stadtverwaltung auch in Marburg zuletzt gesunkenen Kfz-Aufkommens entstandene Radzonen – zieht die Stadtverwaltung nun ohnehin geplante Markierungsarbeiten vor.

In der Uni-Straße gibt es nahe der „Marburg Mall“ nun eine Wegeinzeichnung für Radler, auf einem Abschnitt der Neuen Kasseler Straße ist ein roter Schutzstreifen markiert worden, der zum Jägertunnel und somit in Richtung Waldtal und Ortenberg führt. In diesem Gebiet – einer Strecke unterhalb der Georg-Voigt-Straße bis letztlich zur Adolf-Reichwein-Schule – soll in Kürze ein „schneller Radweg, aber kein Radschnellweg“ entstehen, wie Hagenbring sagt.

Perspektivisch werde die Strecke nach Cölbe beziehungsweise Bortshausen verlängert. Und die politisch immer wieder geforderte Umwidmung der Uferstraße zur Fahrradstraße steht auch im Laufe des Jahres an. Noch nicht abgeschlossen, aber im Herbst Realität: Ein Seitenstreifen der Gutenbergstraße wird zur Radstrecke, ist dann entgegen der Kfz-Fahrtrichtung befahrbar und wird eine eigene Ampel-Grünphase für das Abbiegen – sowohl nach rechts als auch nach links und geradeaus in die Oberstadt – erhalten.

Parkflächen für Lastenräder reserviert

Vom vermehrten Einsatz der Ampel-App „Sibike“ über innerstädtische Radstreifen bis zu Abbiegepfeilen: Der Verkehrsfluss für Radfahrer soll sich laut Spies „mit dem Drehen an vielen kleinen Stellschrauben weiter und erheblich verbessern“. Der vom Magistrat eingeschlagene Pro-Radverkehr-Kurs wird auch durch einen Abstellanlagen-Ausbau deutlich:

In der Gutenbergstraße, in der Wilhelmstraße und in der Ketzerbach sind jetzt Parkflächen speziell für Lastenräder reserviert, an den Südviertel-Stellen verschiedenartige Bügel aufgestellt worden. Ein Schild und bald folgende Asphalt-Markierungen sollen die neuartigen Stellflächen verdeutlichen.

Im Gegensatz zur gelungenen Grünpfeil-Szene am Wilhelmsplatz lief die Generalprobe am Lastenrad-Stellplatz für Spies, Hagenbring und Co. nicht so glücklich: Promt zur öffentlichen Präsentation war ein normales Fahrrad an den Bügel gekettet. „Na immerhin nimmt das nicht so viel Fläche in Anspruch wie das auf dem Platz vorher ein Auto tat“, sagt Spies mit einem Augenzwinkern.

Von Björn Wisker

14.07.2020
14.07.2020