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Marburg Vergewaltigung „innerlich konstruiert“
Marburg Vergewaltigung „innerlich konstruiert“
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21:00 09.07.2021
Landgericht Marburg spricht 41-Jährigen nach vorübergehendem Ausschluss der Öffentlichkeit vom Vorwurf der Vergewaltigung einer 31-Jährigen im Northampton Park frei
Landgericht Marburg spricht 41-Jährigen nach vorübergehendem Ausschluss der Öffentlichkeit vom Vorwurf der Vergewaltigung einer 31-Jährigen im Northampton Park frei Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung statt langer Gefängnisstrafe. Das Landgericht hat in der Berufungsverhandlung gegen einen 41-Jährigen, der beim Stadtfest „3 Tage Marburg“ im Sommer 2019 seine Ex-Partnerin (31) im Northamptonpark sexuell missbraucht haben soll, das Urteil aus der Vorinstanz geändert. Es gebe keine ausreichenden Anzeichen für eine Vergewaltigung.

Verurteilt wurde der mehrfach wegen Drogendelikten verurteilte Marburger nun wegen Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung zu einer einjährigen Haftstrafe. Eine Bewährung schloss die Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Sebastian Pfotenhauer allerdings mit Verweis vor allem auf den mangelnden Willen des Marburgers zur Drogentherapie samt somit fehlender Positiv-Prognose aus.

Die Verteidiger Nikolai Odebralski und Thomas Strecker verwiesen gegen Ende der Beweisaufnahme auf die Argumentation eines Gerichts, das vor mehreren Monaten schon die Aufhebung des Haftbefehls veranlasste und der Pfotenhauer in der Urteilsbegründung später weitgehend folgte.

Dabei stellten die Richter fest, dass die Vergewaltigungsvorwürfe „nur holzschnittartig“ seien und die 31-Jährige rund um den Tatzeitpunkt „ambivalentes Verhalten“ gezeigt habe. Denn nicht nur sei sie noch lange nach der mutmaßlichen Tat im Park mit dem Angeklagten zusammen gewesen, mit ihm zu sich nach Hause gelaufen. Vielmehr habe sie auch keine der vielen Gelegenheiten genutzt, zu fliehen beziehungsweise in der Öffentlichkeit auf ihre Not aufmerksam zu machen – weder gegenüber Fußgängern im Park, noch der auf dem Heimweg getroffenen Studentengruppe oder den von diesen Zeugen wegen des späteren lautstarken und gewaltsam verlaufenen Streits zur Ortenberg-Wohnung gerufenen Polizisten.

„Angriff aus dem Nichts“

Es scheine, so der Wortlaut der damaligen Haftbefehl-Aufhebung, als habe die Frau den Geschlechtsverkehr als „erzwungen empfunden“, ohne dass der Akt die rechtliche Grenze zur Vergewaltigung überschreite.

Die Marburger Staatsanwaltschaft erinnerte vor der Urteilsverkündung allerdings daran, dass die rechtliche Definition einer Vergewaltigung nicht nur eine Willens-Hinwegsetzung, sondern auch die Ausnutzung eines Überraschungsmoments umfasse. Und für die Geschädigte sei der Sex-Angriff, nachdem ihr Kopf von hinten auf eine Platte gedrückt wurde „aus dem Nichts gekommen“, sagte der Staatsanwalt gestern.

Genau diesen Hergang sieht aber das Berufungs- und Schöffengericht nicht als erwiesen an: Der von der 31-Jährigen geschilderte Vergewaltigungsverlauf im Park kann so nach Aussagen der Rechtsmedizin nicht gewesen sein. Denn wäre sie bei dem Geschlechtsverkehr am Nacken gepackt, ihr Kopf gewaltsam auf eine Platte gedrückt worden, hätte es bei den wenige Tage später vom neuen Freund und Ärzten erstellten Fotos andere und stärkere Verletzungsmuster im Genick, am Rücken, im Kopf oder Gesicht geben müssen. „Die tatsächlichen Schädigungen passen nicht zu den gemachten Angaben“, sagt Pfotenhauer.

Vor Urteil und den Plädoyers – die zwischen Freispruch und mehrjähriger Haftstrafe lagen – wurde das psychiatrische Gutachten vorgestellt. Zentrale Fragen: Wie stark ist das Erinnerungsvermögen des Opfers, bei dem in der Nacht des Vorfalls rund drei Promille Atemalkohol nachgewiesen wurden, beeinträchtigt? War der Angeklagte, falls die Strafkammer eine Vergewaltigung als erwiesen ansieht, wegen seines Mischkonsums von Kokain, Methadon und Alkohol schuldunfähig?

Der Sachverständige Dr. Rolf Speier verneinte mit Verweis auf die jahrzehntelange Drogenkarriere, die Gewöhnung an die Stoffe und Auswertung der von Zeugen geschilderten Eindrücke die Schuldunfähigkeit des 41-Jährigen. Er sei mit 0,4 Promille und trotz Wechselwirkung mit Kokain und Methadon „steuerungsfähig“ gewesen.

„Keine echten Erinnerungen“

Bei der 31-jährigen, ebenfalls stark drogenabhängigen Ex-Partnerin sehe das anders aus. Sie sei in einem „schweren Rauschzustand“ gewesen, allerdings offenbar auch viel Alkohol gewöhnt. Ob nun betrunken, berauscht oder nicht: Trauma-Erfahrungen würden individuell abgespeichert, „einige erinnern detailliert das Kerngeschehen, andere nur die Rahmenhandlung“, erklärt Speier. Aber: „Völlig einvernehmlichen Sex als Gewalttat zu erinnern wäre zwar ungewöhnlich. Es kommt jedoch häufig vor, dass Menschen sich eine innere Logik konstruieren, sich eine Version verfestigt. Das sind weder Lügen noch echte Erinnerungen.“

Auch wenn es laut Pfotenhauer gerade bei traumatischen Erfahrungen „kein idealtypisches Opferverhalten“ gebe, sei vieles rund um den Tattag „ungewöhnlich“. Von „zeitgleichem Beziehungsverhalten“ mit zwei Männern, inklusive Sex und Sexversuchen mit beiden, bis zu einem alkoholbedingten „Filmriss“ pünktlich zu Beginn des Park-Betretens bei Wiedereintreten der Erinnerung auf dem Heimweg: „Insgesamt gibt es sehr viele Widersprüche, die Darstellung ist nicht überzeugend.“

Der Vorsitzende Richter vermutet, dass die 31-Jährige nach den Gewalterlebnissen in der Ortenberg-Wohnung, den Schlägen und Bedrohungen durch den 41-Jährigen, den vorangegangenen Sex im Park „einer anderen Bewertung unterzog“. Sie habe den Geschlechtsverkehr im Nachgang bereut und sich wohl gefragt, wie sie erneut so mit ihrem Ex zusammen sein konnte und sich später „eine innere Logik konstruiert“. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

Von Björn Wisker