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Marburg Vergewaltigung? Angeklagter aus Marburg schweigt
Marburg Vergewaltigung? Angeklagter aus Marburg schweigt
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20:00 18.05.2021
Amtsgericht und Landgericht in Marburg.
Amtsgericht und Landgericht in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wegen den Vorwürfen der Vergewaltigung und Körperverletzung muss sich seit gestern ein 46-Jähriger vor dem Amtsgericht verantworten. Der Biologe soll laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Ende Februar 2016 seine damalige Ehefrau sexuell angegriffen und massiv missbraucht haben. Nach den polizeilichen Ermittlungen soll sich der Angeklagte an einem Abend auf dem Sofa in der Wohnung des Paars genähert und seine jüngere Frau zum Sex gezwungen haben.

„Das Opfer sagte trotz der mehrfachen Annäherung eindeutig Nein, weinte und wehrte sich mit Schlägen, worauf der Angeklagte ihre Arme fixierte, sich auf sie legte und ihr entgegnete, dass sie ihn fühlen müsse, um Liebe zu spüren“, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Zeugenaussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Daraufhin habe er – trotz anhaltender Gegenwehr – den Geschlechtsverkehr vollzogen.

Wegen der psychischen Belastung, den Erinnerungen an die mutmaßliche Tat, schloss das Schöffengericht die Öffentlichkeit – also Besucher und Medien – bei den Zeugenaussagen zu den Vorfällen aus. Nebenklage-Vertreter Hermann Zimmermann sprach im Nachgang auf OP-Anfrage von „schrecklichen Erlebnissen“ seiner Mandantin, die später weitere familiäre Probleme schilderte. Der Angeklagte schweigt zu Prozessbeginn zu den Vergewaltigungs-Vorwürfen.

Offenbar im Nachgang der angeklagten Haupttat und im Zuge eines Scheidungsverfahrens im Frühjahr 2018, soll der 46-Jährige seine Ex-Frau auch geschlagen, bespuckt und als „Schlampe“ beleidigt haben.

„Er hat mich an dem Tag wohl mit einem anderen Mann, einem Freund gesehen. Ich war geschminkt, hatte hellere Kleidung an – und da ist er ausgerastet“, sagt sie und schildert, wie er sie bei der Übergabe der Kinder – an dem Tattag brachte der Vater den gemeinsamen Nachwuchs vorzeitig zur Mutter nach Marburg zurück – im Auto angegriffen, sie dann verfolgt und vorher wohl noch eines der Kinder mit einem Gürtel geschlagen haben soll. Entsprechende Fotos liegen dem Amtsgericht unter Vorsitz von Richterin Melanie Becker als Beweis vor.

Das Opfer spricht von dem Angeklagten trotz der Vorwürfe als „bestmöglichen Vater“, jedenfalls zu Zeiten ihrer Ehe. Nach dem gewaltsamen Übergriff auf sie und der späteren Trennung habe dieser sich wohl „sehr stark verändert“.

9 800 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen sind in Deutschland im Jahr 2020 polizeilich verfolgt, statistisch erfasst worden. Seit dem Jahr 2015 führt das Bundeskriminalamt eine Statistik zu Partnerschaftsgewalt – die körperliche und psychische Gewalt in Beziehungen, von Stalking über Vergewaltigung bis zu Mord umfasst. Im Jahr 2019 gab es demnach 141 000 Fälle – Experten gehen davon aus, dass das maximal ein Viertel der tatsächlichen, sich in Privatwohnungen abspielenden Taten ist. Das Projekt „Marburg ohne Partnergewalt“ wollte zuletzt auf die Probleme aufmerksam machen.

Der Prozess soll am 8. Juni fortgesetzt werden.

Von Björn Wisker

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