Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Vergessene Comics bei Vitos unterm Dach
Marburg Vergessene Comics bei Vitos unterm Dach
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 14.02.2020
Amerikanische Soldaten haben Comic-Helden und Pin-up-Girls während der Besatzungszeit von 1945 bis 1947 an die Wände ihrer Bar im Haus 5 der heutigen Vitos-Klinik gemalt. Psychologin Hannelore Jansky ist der Geschichte der Comics und Pin-up-Girls auf den Grund gegangen.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Nein, es sind nicht Tim und Struppi und es ist auch nicht Marilyn Monroe. Es sind Dagwood Bumstead und jede Menge Pin-Up-Girls neben Donald Duck und Bugs Bunny da oben unterm Dach im Haus der ärztlichen Direktion der ­Vitos-Klinik. Älter als 70 Jahre sind die Zeichnungen der amerikanischen Soldaten, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges in den Häusern der ehemaligen Landesheilanstalt unter­gebracht waren.

Fotos und Video

Hier gibt's jede Menge Bilder und ein Video 

Und sie haben es sich unterm Dachgebälk gemütlich gemacht. „Das war wohl ein Bar-Raum“, vermutet Psychologin Hannelore Jansky, die der Geschichte der Comics und Pin-up-Girls auf den Grund gegangen ist, zusammen mit Comic-Kenner Fiddy Bode. Der betreibt in der Marburger Oberstadt einen Comic-Buchladen und hat die Annahme, dass dort Tim und Struppi an die Wand gemalt wurden, gleich entkräftet. „Das Duo gab es damals noch gar nicht. Und außerdem stammen diese Figuren aus Belgien“, stellte er im OP-Gespräch klar.

Abdrücke von einer ehemaligen Bar

„Dort unterm Dach, das ist Dagwood Bumstead, zu deutsch Bumskopp, aus dem in Amerika sehr bekannten Comic ‚Blondie‘“, erklärt der Comic-Experte Bode. „Auf jeden Fall war der Zeichner sehr talentiert“, findet Hanne Jansky. Die Darstellung der Figuren sind sehr detailliert und farbenfroh. An der Giebelseite des etwa 30 Quadratmeter großen Raumes sieht man noch heute die Abdrücke einer ehemaligen Bar, die von zwei Pin-up-Girls flankiert wurde. Oben drüber steht unter einem großen Herz: „Mud in your eyes.“ Daneben feixt Bugs Bunny 
in einem Frauenkleid. Oder ist es seine Schwester? „Hatte der überhaupt eine Schwester?“, fragt Hannelore Jansky.

Insgesamt sind fünf verschiedene Pin-up-Girls zu sehen. Alle sehr weiblich, erotisch, fast anrüchig, aber nicht vulgär. „Pin-up-Girls spielen in der amerikanischen Geschichte eine große Rolle“, weiß Fiddy Bode und ergänzt: „Diese Mädchen zeigen das damalige Frauenbild des prüden Amerikas. Vor allem im zweiten Weltkrieg wurden sogar Kampfflugzeuge mit den Pin-up-Girls bemalt und es gab auch eine eigene Comic-Reihe 
in den Staaten.“ Viele Piloten und Besatzungsmitglieder übertrugen diese Bilder auf den Rücken 
ihrer Fliegerjacken, um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Flugzeug zu verdeutlichen.

Neben Dagwood Bumstead hat es auch noch ein anderer Mann in die Comic-Galerie auf dem Dachboden geschafft – Clem. Sein Gesicht lugt über den Türrahmen hervor und da steht in großen Lettern: „Clem is watching you“ – zu deutsch: Clem beobachtet dich. Ein weit verbreiteter Running-Gag der US-Army. Es war Gang und Gäbe diesen Spruch als erstes am Standort zu verewigen, und war dieser noch so entlegen.

Idol bei amerikanischen Soldaten

Er unterstrich die Macht und den Einfluss der US-Armee. „Ich vermute, dass Clem einer der ­Offiziere war, über den sich die Soldaten lustig gemacht haben“, sagt Hannelore Jansky. Denn auf dem Gelände der Vitos-Klinik waren keine Offiziere untergebracht, die wohnten in den ehemaligen Villen hoher NSDAP-Mitglieder in der Stadt. Nach OP-Recherchen könnte „Clem“ aber auch Clement Dowler sein, einer der bekanntesten Piloten der US-Army. Er war offenbar ein Idol bei den amerikanischen Soldaten. Der Zeichner bildete „Clem“ in eindeutiger Anmach-Pose hinter ­einer der Frauen ab, die ihn übrigens überragte.

Vor der blonden Frau mit durchsichtigem schwarzem Negligé steht einer der Neffen von Donald Duck und fotografiert die Szene mit einer Agfa-Box-Kamera. „Diese kleinen Details erzählen viel über die damalige Zeit und Lebenssituation“, ist Hannelore Jansky auch als Nicht-Comic-Fan von dem Relikt begeistert.

Eine Neuentdeckung sind die Comics auf dem Dachboden übrigens nicht. Seit dem 125-jährigen Bestehen der Einrichtung im Jahr 2001 ist die „amerikanische Bar“ im Rahmen einer Führung auf dem „Vitos-Pfad“ öffentlich zugänglich. „Und das wird auch so bleiben“, sagt Hannelore Jansky.

Pin-Up-Girls

Übersetzt man den englischen Begriff to pin up („anheften“), kommt man dem Wesen der Pin-up-Bilder näher. Denn das Typische der Pin-ups ist, dass sie häufig an die Wand geheftet werden. Sie wurden etwa von den 1920er-Jahren bis in die 1970er-Jahre von einer breiten Bevölkerungsschicht durch Tageszeitungen aber auch durch Werbeplakate oder abgebildet auf anderen Gegenständen in millionenfacher Anzahl rezipiert.

Millionenfach führten im Zweiten Weltkrieg US-Soldaten Pin-up-Bilder mit sich. Auf den Bildern sind meist hübsche, junge Frauen in verschiedenen Posen zu sehen. Meist haben diese Bilder erzählende, sentimentale, romantische oder patriotische Aspekte. Die Szenen sind häufig erotischer Natur, aber eher andeutend als enthüllend.

Der Slogan „Kilroy was here“ oder „Schmoe is watching you“ waren bei den amerikanischen Soldaten weit verbreitet und mutierten zu einem Running Gag. Es galt, den Spruch als erstes am neuen Standort zu verewigen, egal wie abgelegen dieser Ort auch war. Quelle: Wikipedia

  • Wer hat noch Bildmaterial aus der Zeit der amerikanischen Besatzung auf dem Vitos-Gelände in Marburg? Oder war vielleicht sogar jemand mal auf dem Dachboden in der amerikanischen Bar zusammen mit den US-Soldaten? Wir freuen uns auf Erinnerungen und ­Fotos unter marburg@op-marburg.de.