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Marburg Bessere Schutz von Kulturgut in Bibliotheken und Archiven
Marburg Bessere Schutz von Kulturgut in Bibliotheken und Archiven
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17:00 16.04.2022
Aufräumarbeiten nach dem Starkregen-Wasserschaden 2018 in der Uni-Bibliothek.
Aufräumarbeiten nach dem Starkregen-Wasserschaden 2018 in der Uni-Bibliothek. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Ziel ist der bessere Schutz von Kulturgut in Bibliotheken oder Archiven vor Brand oder Wasserschäden, besonders im Katastrophenfall. Die jetzt im Marburger Staatsarchiv offiziell in einer Vereinbarung besiegelte Kooperation geht über die üblichen Vorkehrungen für Gebäudesicherheit oder Brandschutz hinaus, erläuterte Dr. Johannes Kistenich-Zerfass am Dienstag vor der Vertragsunterzeichnung. Kistenich-Zerfass hatte bereits bei seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren die Idee für den Verbund.

Wasserschaden in Universitätsbibliothek

Starkregen, Stürme und Gewitter treten infolge des Klimawandels immer öfter und auch heftiger auf. Kistenich-Zerfass verwies in diesem Zusammenhang auf die Jahrhundertflut im Ahrtal im Sommer vergangenen Jahres, bei dem auch fünf Kilometer an Archivgut in Kirchen und Archiven durch die heranbrechenden Wassermassen und durch Schlamm geschädigt wurden. „Wenige Stunden entscheiden im Ernstfall darüber, ob wir einen Totalverlust haben oder nicht“, machte der Marburger Archiv-Direktor deutlich.

Wie es sich anfühlt, wenn die eigene Einrichtung plötzlich mit einem unvorhergesehenen Naturereignis konfrontiert wird, davon kann auch Dr. Andrea Wolff-Wölk, die Direktorin der Marburger Uni-Bibliothek ein Lied singen. Denn wenige Wochen nach der Eröffnung der Bibliothek an ihrem neuen Standort am Pilgrimstein drang im Frühsommer 2018 aufgrund des Starkregens Wasser durch Lichtschächte in das Untergeschoss des Gebäudes ein. Auch im Staatsarchiv stand das Wasser damals übrigens an der Schwelle zu den Archivmagazinen.

Auch mit der Hilfe der Ordnungsbehörden sei die Notfallsituation damals professionell bewältigt worden und es habe keine dauerhaften Schäden an den Beständen der Bibliothek gegeben, rekapituliert Wolff-Wölk. Zurückgeblieben sei aber die Einsicht, dass auch in Zukunft mit ähnlichen Notfällen zu rechnen sei, sagte die Bibliotheksdirektorin.

Zu den Unterzeichnern der Vereinbarungen zählten neben Bürgermeisterin Nadine Bernshausen (Grüne) und Uni-Präsident Professor Thomas Nauss auch Verantwortliche des Herder-Institutes sowie des Deutschen Adelsarchivs. Viele weitere Kultureinrichtungen sind beigetreten. Der ständige Austausch mit Feuerwehr und Polizei soll essenziell für die Notfallvorsorge sein. „Wir sind aber kein geschlossener Kreis, sondern freuen uns über weitere Mitglieder“, machte Kistenich-Zerfass deutlich. Als vorbildlich bezeichnete Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) den Marburger Notfallverbund, bei dem sich die Partner fachlich, organisatorisch und praktisch unterstützen wollen.

Ministerin beeindruckt von Arsenal

Beeindruckt zeigte sich die Ministerin von dem umfangreichen Arsenal an Hilfsutensilien, die im Staatsarchiv bereits angeschafft wurden und im Landgrafensaal vor dem Podium aufgereiht standen. Der Schutz des Kulturgutes sei eine Aufgabe mit Verfassungsrang und die Notfallvorsorge sei keineswegs ein Luxus, betonte Dorn. Die Schrift-Quellen seien als „Bausteine der Erinnerungskultur“ unbedingt schützenswert, ergänzte Dr. Ursula Hartwieg, die in Berlin die bundesweite Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts leitet.

Kulturgutrettung

Die Bündelung der Kräfte und gegenseitige effiziente Unterstützung steht im Mittelpunkt der Vereinbarung, die am Dienstag im Staatsarchiv unterzeichnet wurde. Bereits Anfang des Jahres wurde in Vorbereitung der Vereinbarung eine Arbeitsgruppe gegründet. So haben die Marburger Partnereinrichtungen bereite gebäudespezifische Gefahrenabwehrpläne nach einem gemeinsamen Muster erstellt. Für die kommenden Jahre sind gemeinsame Notfallübungen vorgesehen. Auch die Beschaffung gemeinsamer Notfallausrüstung ist geplant.

Hinzu kommen Risikoanalyse, Alarmierungspläne sowie Hinweise auf besonders schützenswerte Bereiche. Jede am Notfallverbund beteiligte Einrichtung pflegt eigenständig den Kontakt zur zuständigen Gefahrenabwehrbehörde und führt Brandschauen sowie Schulungen des Personals zur Brandbekämpfung durch. 

Von Manfred Hitzeroth