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Marburg „Ein Fels in stürmischen Zeiten“
Marburg „Ein Fels in stürmischen Zeiten“
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11:59 27.11.2021
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) zeichneten den ehemaligen Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) im TTZ mit der Verdienstmedaille der Universitätsstadt Marburg aus. 
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) zeichneten den ehemaligen Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) im TTZ mit der Verdienstmedaille der Universitätsstadt Marburg aus.  Quelle: Stefan Dietrich
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Marburg

Er wurde geradezu mit Lob überschüttet – fast eine Stunde lang würdigten Weggefährtinnen und -gefährten aus Kommunalpolitik und Stadtverwaltung am Mittwochabend im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) in ihren Reden den ehemaligen Marburger Bürgermeister Wieland Stötzel. Als umgänglichen, herzlichen, ruhigen, humorvollen und friedlichen Menschen beschrieben sie ihn, als Politiker, der gut zuhören kann und umsichtig, konstruktiv, fair und mit enormer Sachkenntnis nach den richtigen Lösungen sucht. Wäre an diesem Abend jemand im Publikum gewesen, der die Hintergründe der Abwahl des CDU-Politikers nicht kannte – der- oder diejenige hätte überhaupt nicht verstanden, warum dieser offensichtlich allseits beliebte Politiker verabschiedet wird. Aber nach der Kommunalwahl haben sich eben die Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament geändert, eine neue Koalition aus SPD, Grünen, Linken und Klimaliste übernimmt die Regierung, und so erhielt Stötzel nach dem vorzeitigen Ende seiner Bürgermeister-Amtszeit nun die Verdienstmedaille der Universitätsstadt.

OB Spies dankt in freundschaftlichem Ton

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) dankte Stötzel in freundschaftlichem Ton für dessen Wirken in mehr als 15 Jahren zunächst als ehrenamtlicher, später als hauptamtlicher Politiker. Kommunalpolitik zeichne sich durch die direkte Begegnung und Auseinandersetzung mit den Menschen aus, sagte Spies. „Sie ist der Ort, wo wir gemeinsam dafür sorgen, dass das Leben der Menschen etwas besser wird. Daran, lieber Wieland, hast du mit großem Engagement mitgewirkt.“ Gerade in der Corona-Krise hätten Stötzel und er „wunderbar zusammengearbeitet“, lobte Spies. „Deine ruhige, gelassene Art, deine freundliche Umgänglichkeit haben dich nicht nur beliebt gemacht, sondern waren gerade in stürmischen Zeiten ein Fels und ein Ruhepol.“

Das bestätigte auch Fachbereichsleiterin Regina Lang im Namen der Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter: Sie lobte Stötzels juristischen Sachverstand und dass er „immer ein Ohr in Wiesbaden“ bei der Landesregierung hatte, was gerade bei der Auslegung der Corona-Verordnungen wichtig gewesen sei.

Spies erinnerte an die Verdienste von Stötzel als Bau- und Ordnungsdezernent: „Die Weidenhäuser Brücke, ein Kleinod, ein Schmuckstück, wurde in deiner Verantwortung wieder hergestellt.“ Mit dem Projekt Lisa – einer Videoüberwachung und Sprechverbindung im Jägertunnel, die auf Knopfdruck aktiviert wird – habe er „gezeigt, wie man das Sicherheitsgefühl der Menschen stärkt, ohne in übermäßige Kontrolle zu verfallen“. Ganz besonders wichtig sei Stötzel immer die Feuerwehr gewesen. Lob bekam der CDU-Politiker auch beim Thema Klimaschutz: Weil er mit dem Fahrrad zum Rathaus gekommen sei, habe er mit seinem Beispiel „in den Bemühungen um eine Mobilitätswende Maßstäbe gesetzt“, sagte Spies. „Bei der Ausrufung des Klimanotstands war Marburg Vorreiter“, betonte Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne), „das ist durchaus dir zuzuschreiben“. Spies, Neuwohner und Lang erinnerten daran, dass Stötzel als Baudezernent auch für strittige Themen zuständig war. Er habe Kritik einstecken müssen, auch unfaire, und habe sich immer vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestellt.

Stötzel: Ich habe es gerne gemacht

Für die CDU lobte Roger Pfalz das Engagement Stötzels im Stadt- und Kreisvorstand. „Bürgermeister der CDU in Marburg ist tatsächlich kein Zuckerschlecken und kein Job auf Lebenszeit – das wusstest du“, sagte Pfalz. „Wobei ich sagen muss, ich hätte mir für dich eine deutlich längere Amtszeit gewünscht.“

Stötzel sagte in seiner Dankesrede, er habe überlegt, ob er die Verdienstmedaille überhaupt annehmen solle, schließlich habe ihm die politische Arbeit auch Spaß gemacht, und er habe es nicht getan, um eine Auszeichnung zu bekommen. „Alles Gute für die Universitätsstadt Marburg in den nächsten 800 Jahren ihrer Geschichte“, sagte er, „der Teil, den ich dazu beitragen konnte, ist überschaubar – gleichwohl habe ich es gerne gemacht“. Mit minutenlangem stehenden Applaus würdigten die Anwesenden – darunter neben Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern auch Landtags- und Bundestagsabgeordnete sowie Fachdienst- und Fachbereichsleitungen der Stadtverwaltung – den ehemaligen Bürgermeister.

Einen Rat gab Stötzel den Anwesenden zum Abschied noch mit: Als Richter und Politiker sei sein Leitmotiv, erst Informationen zu beschaffen, dann abzuwägen und miteinander zu diskutieren und erst dann zu einem Entschluss zu kommen. „Politik krankt manchmal daran, dass man zu früh meint, man wüsste die Lösung“, warnte er.

Zur Person

Der Jurist Wieland Stötzel stammt aus dem Siegerland. Von 2006 bis 2011 war der CDU-Politiker ehrenamtlicher Stadtrat in Marburg, 2011 trat er als CDU-Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl an. Anschließend war er Stadtverordneter sowie CDU-Fraktionsvorsitzender. Zum 1. Oktober 2017 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Bürgermeister. Am 29. September wurde der 43-Jährige abgewählt – infolge der neuen Mehrheitsverhältnisse nach der Kommunalwahl. Nach knapp vier Jahren als Bürgermeister wird der CDU-Politiker in seinen Beruf als Richter am Amtsgericht zurückkehren.

Von Stefan Dietrich