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Marburg „Wir holen uns das, was uns zusteht“
Marburg „Wir holen uns das, was uns zusteht“
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18:42 05.05.2022
Beschäftigte der Behindertenhilfe streikten am Donnerstag anlässlich des landesweiten Aktionstags in Marburg. Auf dem Marktplatz fand die Abschlusskundgebung der Gewerkschaft Verdi statt.
Beschäftigte der Behindertenhilfe streikten am Donnerstag anlässlich des landesweiten Aktionstags in Marburg. Auf dem Marktplatz fand die Abschlusskundgebung der Gewerkschaft Verdi statt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Tarifverhandlungen im Bereich Sozial- und Erziehungsdienst kommen nach Angaben der Gewerkschaft keinen Millimeter voran. „Die Arbeitgeber sehen unser Problem, sind aber nicht bereit, etwas zu tun. Das ist eine Bankrotterklärung“, sagte am Donnerstag (5. Mai) Sylvia Bühler vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi unter dem tosenden Applaus der 350 bis 400 streikenden Beschäftigten der Behindertenhilfe vor dem Marburger Rathaus. Sie alle beteiligten sich an der zentralen Abschlusskundgebung des landesweiten Streik- und Aktionstags.

Unter dem Motto „Tempo machen für Aufwertung – faire Bezahlung ist unser Ziel“ rief die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft bundesweit Beschäftigte aus der Behindertenhilfe dazu auf. Zentrale Kundgebungen waren am Donnerstag in Marburg und Hannover.

Anlass ist die aktuelle Tarifauseinandersetzung mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst. Bislang habe sich die Arbeitgeber, so Verdi, einer Aufwertung der Behindertenhilfe und des gesamten Sozial- und Erziehungsdienstes verweigert. Verdi fordert in den Tarifverhandlungen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel und die finanzielle Anerkennung der Arbeit der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst.

„Wir sind verhandlungsbereit. Wir sind auch kompromissbereit. Die Arbeitgeber aber absolut nicht. Nach zwei Jahren Pandemie, in denen unsere Beschäftigen alles und mehr gegeben haben, die Überbelastung unerträglich war, muss endlich etwas passieren. Fakt ist: Wir holen uns, was uns zusteht“, rief Bühler ins Mikrofon auf der Bühne vor dem Rathaus.

Man dürfe nicht vergessen, dass die Beschäftigen der Behindertenhilfe keine Maschinen bedienen, „wo es reicht, wenn man einen Knopf drückt. Vielmehr geht es um die Teilhabe der Menschen, die von unseren Beschäftigten betreut werden“, ergänzte sie.

Verdi zeigt die Probleme der Beschäftigen in der Behindertenhilfe auf

Eine Umfrage der Gewerkschaft Verdi unter den Beschäftigten der Behindertenhilfe bezogen auf 2021 ergab nach Angaben von Stefan Röhrhoff vom Verdi-Landesbezirk Hessen folgende Ergebnisse:

34,7 Prozent aller Befragten sagen, dass der Einsatz von Personal ohne einschlägige Ausbildung an ihrer Arbeit zunimmt.

66 Prozent werden regelmäßig außerhalb ihrer Arbeitszeiten kontaktiert.

75,7 Prozent erleben an der Arbeit Beschimpfungen gegen sich – 29,9 Prozent mindestens einmal in der Woche, 10,1 Prozent täglich.

36,4 Prozent arbeiten geteilte Dienste.

Jeder fünfte Befragte erlebt täglich Konflikte oder verbale Auseinandersetzungen mit Klientinnen oder Klienten. Nur jeder dritte erlebt dies seltener als einmal im Monat.

Etwa 80 Prozent fühlen sich bei der Arbeit gehetzt oder stehen unter Zeitdruck.

84,8 Prozent arbeiten auch am Wochenende. Jeder zweite zweimal im Monat, jeder vierte noch öfter.

Nur 23,1 Prozent hält Personalausstattung für angemessen.

56,9 Prozent waren schon mal körperlicher Gewalt am Arbeitsplatz ausgesetzt – 14,6 Prozent erleben dies mindestens einmal pro Woche, 5,7 Prozent täglich.

66 Prozent arbeiten teilweise allein, 33 Prozent in der Regel allein.

50 Prozent können häufig ihre Erholungspausen nicht nehmen oder werden dabei unterbrochen.

60 Prozent haben gearbeitet, obwohl sie krank waren.

50 Prozent arbeiten regelmäßig auf dem Frei.

75 Prozent leisten regelmäßig Überstunden oder Mehrarbeit.

Unter den Streikenden befand sich auch Jan Schalauske aus Marburg, Landesvorsitzender der Partei Die Linke und Abgeordneter des Hessischen Landtags: „Ich möchte hier und heute ein Zeichen setzen, Solidarität zeigen mit den Beschäftigten, die mehr Wertschätzung erhalten müssen“, sagte er am Rande der Kundgebung gegenüber der OP.

Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer trugen Plakate und Transparente, auf denen ihre Forderungen zu lesen waren. Auch dabei ging es vorrangig um bessere Arbeitsbedingungen, um die Aufwertung ihres Berufes, um Teilhabe und bessere Bezahlung.

Georg Schulze, Landesfachbereichsleiter Gesundheit bei Verdi, fiel ein Plakat besonders ins Auge. Es wurde gehalten von Personen, die offenbar mit dem Streik nichts zu tun hatten, sich vielmehr gegen das Impfen aussprachen. Schulze zeigte auf der Bühne am Mikro klare Kante und rief ihnen zu: „Diejenigen, die unsere Kundgebung missbrauchen wollen, um gegen das Impfen zu demonstrieren, sind nicht willkommen.“ Applaus brandete auf.

Die Wahrscheinlichkeit weiterer Streiks ist groß

Der Streik der Behindertenhilfe in Marburg war die bereits dritte Aktion einer bundesweiten Warnstreikwelle in dieser Woche im Tarifkonflikt der Sozial- und Erziehungsberufe. Am Montag hatten Beschäftigte der Sozialarbeit und am Mittwoch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kitas und Ganztagsschulen ihre Arbeit niedergelegt. Insgesamt waren nach Verdi-Angaben an den drei Tagen mehr als 30 000 Beschäftigte beteiligt. Die dritte Verhandlungsrunde findet am 16./17. Mai in Potsdam statt. „Ich gehe leider davon aus, dass die nächste Runde kein Ergebnis bringen wird, sodass wir die Streiks weiter hochfahren werden“, sagte Stefan Röhrhoff vom Landesbezirk Hessen am Donnerstag in Marburg.

Von Michael E. Schmidt

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