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Marburg Gefängnis für schweren sexuellen Missbrauch
Marburg Gefängnis für schweren sexuellen Missbrauch
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11:59 26.06.2020
Das Marburger Landgericht schickt einen Mann wegen Vergewaltigung ins Gefängnis. Quelle: Patrick Seeger/dpa/Archiv
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Marburg

Zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe wurde ein Marburger wegen schweren sexuellen Missbrauchs in Tateinheit mit der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen verurteilt.

Im Januar 2016 hat er eine Frau aus dem Ostkreis in seiner Wohnung entkleidet, gefesselt, in unterschiedlichen Positionen drapiert und über Stunden sowohl vaginal als auch anal vergewaltigt. Dabei hatte er mehrere Fotos von der Frau mit seinem Smartphone gemacht.

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Die erste große Strafkammer am Landgericht Marburg unter Vorsitz von Dr. Marco Herzog sah es als erwiesen an, dass der damals 36-Jährige den alkoholisierten Zustand des Opfers ausnutzte, um sich an ihr zu vergehen.

„Der Gebrauch von K.-o.-Tropfen konnte nicht abschließend festgestellt werden“, sagte Richter Herzog bei der Urteilsverkündung. Allerdings lassen der Kontrollverlust, von dem die Frau in diversen Vernehmungen und am ersten Verhandlungstag berichtete, darauf schließen, dass weitere Mittel eingesetzt wurden.

Verteidigung sieht „keine große Schuld“

Sie habe sich nicht mehr wehren können, habe sich sogar mehrfach erbrochen und auch ihre Beine nicht mehr gespürt. Der Angeklagte hingegen hatte den gesamten Prozess lang über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass die sexuellen Handlungen im gegenseitigen Einverständnis passiert sind.

Der Verteidiger des Marburgers, Peter Thiel, sah es in seinem Plädoyer als erwiesen an, dass sich zwischen den beiden im Vorfeld der Tat eine Beziehung angebahnt hätte. Das würden seiner Meinung die Nachrichten in einem Chatverlauf eindeutig belegen. Eine Frau, die Vorfreude über ein gemeinsames Treffen äußere, wäre, so Peter Thiel, an einer Beziehung interessiert.

Und wenn sie sich dann noch auf das Bett legen würde, dann wäre das ein eindeutiges Signal für gemeinsamen Sex. Sein Mandat habe in dieser Januar-Nacht „keine große Schuld und Strafe auf sich geladen“. Er forderte einen Freispruch.

Staatsanwalt sieht beim Opfer weder Lust noch Spaß

Dass das Opfer im Vorfeld des Treffens mehrere Male sowohl per SMS und auch persönlich sämtliche Avancen des Angeklagten abgewehrt hatte und ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie an einer Beziehung nicht interessiert sei, darauf ging der Verteidiger nicht ein.

Das hatte aber die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer dargestellt. Sie forderte fünf Jahre und acht Monate Gefängnis. Für sie war auf den Fotos eindeutig die „Widerstandsunfähigkeit“ des Opfers zu sehen. Auf den Großaufnahmen seien weder Lust noch Spaß zu erkennen gewesen. Die hochgeschobene Kleidung würde keinerlei Einvernehmlichkeit zeigen. Auf einem Foto sei sogar die Hand des Angeklagten zwischen den Beinen des Opfers zu sehen.

Das Opfer ist heute erwerbsunfähig

Für den Staatsanwalt stand zweifelsfrei fest, dass der Angeklagte „plan- und zielgerichtet seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt hatte“. Zeugen berichteten zudem von mehreren grenzwertigen Übergriffen des Angeklagten gegenüber weiteren Frauen. Der Chat zwischen Opfer und Angeklagtem im Vorfeld der Tat war für den Staatsanwalt Mittel zum Zweck.

„Der Angeklagte hatte dem späteren Opfer darin glaubhaft versichert, dass sie sich keine Sorgen machen müsse.“ Dadurch hatte sie sich in Sicherheit gewogen und der Marburger konnte so ihre Arglosigkeit ausnutzen. Durch die Vergewaltigung sei die Frau „komplett aus ihrer Welt gerissen“ worden, ein Alltag sei für sie seit vier Jahren nicht mehr möglich.

Sie hatte ein gutes Einkommen, ist heute erwerbsunfähig und bekommt eine kleine Rente. Richter als auch Staatsanwaltschaft bescheinigten ihr eine hohe Glaubwürdigkeit und eine fehlende Belastungstendenz. „Wenn es Erinnerungslücken gab, dann wurden diese vom Opfer auch eingeräumt und nicht mit Phantasien ausgeschmückt“, stellte Richter Herzog klar. Ob Revision eingelegt wird, ist noch unklar.

Von Katja Peters

10:34 Uhr
08:58 Uhr
25.06.2020
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