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Marburg Oberärztin darf zurück ans UKGM
Marburg Oberärztin darf zurück ans UKGM
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11:58 13.05.2021
Das UKGM hatte einer Oberärztin gekündigt – zu Unrecht, wie das Arbeitsgericht entschied.
Das UKGM hatte einer Oberärztin gekündigt – zu Unrecht, wie das Arbeitsgericht entschied. Quelle: Foto: Büttner
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Gießen

Einer Oberärztin am UKGM Marburg im Bereich der Intensivstation wurde im vergangenen Sommer fristlos gekündigt – das Klinikum wirft der Frau in den Tat- beziehungsweise Verdachtskündigungen Pflichtverletzungen vor. Zusätzlich zu der fristlosen Kündigung kam dann noch eine ordentliche Kündigung zum Jahresende, die im Oktober vonseiten des Klinikums ausgesprochen worden war. „Bei beiden Kündigungen gab es jedoch zuvor keine Abmahnungen“, erläuterte Arbeitsrichterin Claudia Schymik gestern. Daher müsse es um „schwere Pflichtverletzungen“ gehen – denn andere würden als Kündigungsgründe nicht ausreichen. „Von den Schlagworten wären dies bewusste schwere Behandlungsfehler und Vertuschung“, so Schymik.

Vor allem ein Assistenzarzt hatte die Oberärztin schwer belastet (die OP berichtete). So habe die Ärztin einem krebskranken Patienten einen Medikamentencocktail zum Abführen verabreichen lassen – einen sogenannten „Donnertropf“. Der Vorwurf: Der Patient habe einen mechanischen Darmverschluss gehabt, sodass das Abführmittel quasi kontraindiziert gewesen sei. Dies sei in Augen des Klinikums ein Behandlungsfehler.

Und: Eine Nebenwirkung dieses „Donnertropfs“ sei eine Verringerung der Herzfrequenz. Genau diese habe bei dem Patienten eingesetzt – der Assistenzarzt habe dies bemerkt und mit der Reanimation begonnen. Er habe die Klägerin hinzugerufen, hatte der Zeuge seinerzeit ausgesagt – die habe ihn jedoch „angeschrien, ich soll sofort weg und mich von dem Patienten zurückziehen“. Der Grund: Das Team der Frühvisite hatte laut Zeugen an dem Tag, an dem der Patient verstorben war, entschieden, dass er nicht reanimiert werden solle und dies auch in seiner Akte vermerkt. Denn: Therapeutisch habe es für den Mann keine Optionen mehr gegeben. Es habe „für uns kein sichtbares Therapieziel“ mehr gegeben, hatte ein Arzt ausgesagt.

Doch ist dieser Hinweis in der Akte bindend? Darüber entspann sich eine lange Diskussion. UKGM-Rechtsanwalt Dr. Bernhard Lambrecht äußerte, dass der sogenannte DNR-Vermerk (Do not resucitate – auf Deutsch: nicht wiederbeleben) sich eben nicht auf die Verschlechterung des Gesundheitszustands durch den „Donnertropf“ bezogen hätte, sondern auf sein eigentliches Krankheitsbild. Die Wiederbelebung hätte also auf jeden Fall vorgenommen werden müssen, so Lambrecht. Das führte vor allem bei den Ärzten im Publikum zu Unmutsäußerungen. Auch zwei weitere Fälle wurden noch besprochen.

Letztlich entschied Arbeitsrichterin Schymik zugunsten der Klägerin: Die Kündigungen seien unwirksam. „Wir gehen davon aus, dass eine Verdachtskündigung nicht wirksam sein kann, weil der Sachverhalt nicht hinreichend vor dem Ausspruch der Kündigung aufgeklärt wurde.“ So sei insbesondere eine Anhörung der Kollegen, die am Morgen über die DNR-Anordnung entschieden hätten, erforderlich gewesen. „Bei der Tatkündigung gehen wir davon aus, dass keine Vorwürfe bewiesen sind, die einen Grund für eine außerordentliche oder hilfsweise ausgesprochene ordentliche Kündigung darstellen können“, so Schymik. Denn dafür seien „vom Maßstab her bewusste, schwere Behandlungsfehler“ erforderlich gewesen, auch vor dem Hintergrund, dass es vorher keine Abmahnung gegeben habe – die seien nicht bewiesen worden.

Aus diesem Grund habe es auch keine Rolle gespielt, ob der „Donnertropf“ medizinisch indiziert gewesen sei. „Die Vorwürfe waren schwere Behandlungsfehler, das Verhindern der Reanimation und dann das Vertuschen der Tat“, so Schymik – das Vertuschen sei schon alleine dadurch ausgeschlossen, dass die Klägerin ja den Zeugen seinerzeit auch dazu aufgefordert habe, er solle den Angehörigen nahelegen, dass diese eine Obduktion veranlassen. „Das spricht aus Sicht der Kammer gegen ein Vertuschen.“ Und: Das Verhindern der Reanimation sei durch die morgendliche DNR-Anordnung gedeckt.

Abgeschlossen ist der Fall für die Klägerin jedoch noch nicht. Denn zum einen ist noch ein Strafverfahren in der Sache anhängig.

Und: Die Klägerin kann nicht zurück ans UKGM, weil gegen sie ein Hausverbot ausgesprochen wurde. Auch darüber wurde gestern während eines Gütetermins verhandelt – bevor das Urteil im Kündigungsschutzprozess feststand. Demnach wollte die Ärztin zumindest Zugang zu sechs dezidiert genannten Räumen – inklusive Toilette – erhalten, um ihre Promotion angehen zu können. Doch darauf wollten sich die UKGM-Vertreter nicht einlassen, ein entsprechender Kammertermin findet daher am 3. August um 12.30 Uhr statt.

Von Andreas Schmidt

12.05.2021
12.05.2021