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Marburg Wenn Ausgrenzung zu Terror wird
Marburg Wenn Ausgrenzung zu Terror wird
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17:00 14.12.2021
Eine Szene aus dem Stück „Hannah! Das Erwachsen eines politischen Bewusstseins" mit Saskia Boden-Dilling (links) als Rahel Varnhagen und Jorien Gradenwitz als Hannah Arendt.
Eine Szene aus dem Stück „Hannah! Das Erwachsen eines politischen Bewusstseins" mit Saskia Boden-Dilling (links) als Rahel Varnhagen und Jorien Gradenwitz als Hannah Arendt. Quelle: Foto: Jan Bosch
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Marburg

Die jüdische Publizistin und politische Theoretikerin, die 1933 vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, um ihr Leben zu retten, wurde über akademische Kreise hinaus berühmt durch ihre Berichterstattung über den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem und ihre Charakterisierung des Massenmörders als „Banalität des Bösen“.

Von 1924 bis 1925 studierte sie in Marburg. Bekannt ist ihre Liebesbeziehung mit dem Philosophen Martin Heidegger. Wer nun denkt, Christian Frankes Stück „Hannah! Das Erwachen eines politischen Bewusstseins“, das am Samstagabend am Hessischen Landestheater Marburg uraufgeführt wurde, sei ein biografisches Drama über ihre Zeit in Marburg, der wird schnell eines Anderen belehrt. Marburg spielt nur ganz zu Beginn eine Rolle, die Liaison mit Heidegger ist allenfalls eine Randnotiz.

Christian Franke geht es in seiner dichten, sehr anspruchsvollen und Aufmerksamkeit fordernden Inszenierung um anderes: um den seit Jahrhunderten und – wie man leider immer wieder in Zeitungen lesen muss – bis heute grassierenden Antisemitismus. Um Ausgrenzung, um Pogrome, um jüdisches Selbstbewusstsein. Und um die Rolle der Frau, insbesondere der jüdischen Frau, in einer patriarchalischen Gesellschaft. „Hannah! Das Erwachen eines politischen Bewusstseins“ ist ein politisches und zugleich philosophisches Stück.

Zweistündiger Theaterabend

Bühnenbildnerin Sabine Mäder hat eine winzige, schiefe Studentenbude mit verzerrten Proportionen auf die intime Studiobühne im Theater am Schwanhof zimmern lassen – mit einem schiefen Bücherregal, einem winzigen Schreibtisch und einer großen Fensterfront in der rückwärtigen Flucht, die im Lauf der Inszenierung noch große Bedeutung gewinnt. Ein Mikrofon und eine Loop-Station knüpft die Verbindung ins Hier und Jetzt, ebenso wie Begriffe wie Euro oder Amazon. An der Wand hängt eine Abbildung des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard.

Der Einstieg in den zweistündigen Theaterabend mit Loop-Spielereien ist höchst artifiziell. Dies gilt auch für viele Bilder, die der Regisseur Franke für seine Geschichte findet. Es ist nicht die Lebensgeschichte von Hannah Arendt, sondern die von Rahel Varnhagen, die Hannah Arendt erzählt und kommentiert. Rahel Varnhagen war eine aufgeklärte Jüdin der Romantik. Sie lebte von 1771 bis 1833 und war durch ihren weltoffenen Salon eine schillernde Persönlichkeit im Berlin Ende des 18. Jahrhunderts. Schauspielerinnen und Schauspieler, berühmte Literatinnen und Literaten, Politiker und Adlige gingen dort ein und aus. Und doch blieb sie eine Außenseiterin – weil sie Jüdin war.

Überliefert von ihr sind keine großen literarischen Werke, sondern in erster Linie Tagebucheintragungen und ihre Briefe. Über 6000 an der Zahl, wie es im Programmheft heißt. Hannah Arendt hat über Rahel Varnhagen geforscht und über deren faszinierende Lebensgeschichte ein Buch verfasst.

Dieses Buch ist Basis des Stückes. Franke greift in seinem Stück zu einem Trick. Er lässt die beiden Frauen, zwischen deren Leben über 100 Jahre liegen, als Freundinnen auftreten, die einander freundlich und kritisch zugleich gegenüberstehen.

Lebensgeschichte

Die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte von Rahel Varnhagen, die schließlich zum Christentum konvertiert, um endlich (und vergebens) gesellschaftlich anerkennt zu werden, schärft das jüdische und das politische Bewusstsein von Hannah Arendt.

Christian Franke schlägt so einen Bogen vom mal mehr und mal weniger offenen Antisemitismus des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zum Rassenterror der Nationalsozialisten.

Franke kann sich in seiner bildstarken und bisweilen etwas sperrigen Inszenierung auf drei großartige Darstellerinnen und Darsteller verlassen: Christian Simon spielt souverän alle Männerrollen des Stückes – freundliche, kluge und abstoßende. Saskia Boden-Dilling, ein wahrer Wirbelwind auf der Bühne, glänzt als Rahel Varnhagen auf der Suche nach etwas Glück.

Von Jorien Gradenwitz verlangt der Regisseur schier Unmögliches: Sie ist zwei Stunden lang permanent gefordert – als verliebte 18-Jährige, als intime „Freundin" einer Toten, als Welterklärerin, die zeigt, wie systematische, jahrhundertelange Ausgrenzung zu Terror wird. Und sie macht es großartig.

  • Weitere Vorstellungen sind am Donnerstag, 16. Dezember, am 17. Dezember sowie am 13., 14. und 16. Januar, jeweils um 19.30 Uhr.

Von Uwe Badouin

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