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Marburg Retter kehren zurück
Marburg Retter kehren zurück
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08:21 21.07.2021
Autos stehen in einer überfluteten Straße in Blessem, einem Ortsteil von Erftstadt.
Autos stehen in einer überfluteten Straße in Blessem, einem Ortsteil von Erftstadt. Quelle: Marius Becker
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Marburg

Die Wasserrettung der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Marburg-Biedenkopf hat den Hochwassereinsatz in den Katastrophenregionen in Nordrhein-Westfalen beendet und ist wieder wohlbehalten zurück im heimischen Landkreis.

Mit 25 Einsatzkräften war der Wasserrettungszug mit Unterstützungskräften der Freiwilligen Feuerwehr Dreihausen am Freitagmorgen von Marburg aus gestartet. Der Einsatzbefehl kam am Donnerstag um 19.25 Uhr, die Vorbereitungszeit war kurz: „Am Freitag um 5.36 Uhr waren wir auf der Autobahn“, berichtet Dirk Bamberger, Zugführer des Wasserrettungszuges und Vorsitzender der DLRG Marburg. Über Nacht wurde der Konvoi aus insgesamt sieben Fahrzeugen und fünf Booten der DLRG Ortsgruppen Marburg, Wallau, Gladenbach und Neustadt, außerdem ein Einsatzfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Dreihausen, zusammengestellt und ausgerüstet.

Die Wasserrettung ist Teil des Katastrophenschutzes, zu ihren Aufgaben zählen unter anderem die Strömungsrettung, Tauchen und das Führen von Booten.

Ursprünglich geplant war, sich zunächst mit anderen hessischen Einsatzkräften in Düsseldorf zu sammeln, „soweit kamen wir allerdings erst gar nicht“, berichtet der stellvertretende Zugführer Bernd Buß. Der gesamte Konvoi wurde noch während der Anfahrt direkt an die Einsatzstelle in das schwer vom Unwetter getroffene Erftstadt dirigiert. Mit den Fahrzeugen samt Bootsanhängern an die Einsatzstelle zu gelangen, gestaltete sich besonders schwierig, die Helfer mussten sich durch das Chaos an Schäden und gesperrten Straßen kämpfen.

Vor Ort erwartete sie ein erschreckendes Bild, eine „unglaubliche Zerstörung“, beschreibt Bamberger, „solche Schäden hat niemand von uns in noch keinem anderen Einsatz gesehen.“ Straßen, Brücken oder Leitungen und vor allem Wohnhäuser – „die gesamte Infrastruktur ist stellenweise nicht nur zerstört, sondern einfach weg“.

Schock-Zustand ist spürbar

Die Menschen vor Ort wurden von den Naturgewalten vergangene Woche vollkommen überrascht, noch immer sei eine hohe Überforderung mit der Extremlage spürbar, „die Leute sind in einem regelrechten Schockzustand“, so Bamberger.

Mit ausgelöst durch die plötzliche Situation, die abrupte Flut: Die Pegel stiegen nicht langsam an, sondern das Wasser kam „innerhalb von wenigen Minuten“, mit anderen Einsätzen, etwa das Elbe-Hochwasser, sei das nicht zu vergleichen, „es ist viel schlimmer“.

Über Stunden schlugen sich die Retter direkt nach Ankunft von Haus zu Haus durch, kontrollierten Gebäude, suchten nach Bewohnern, teils wiesen Passanten sie auf Wohnungen hin, wo noch Menschen ausharrten.

Am ersten Einsatztag konnten so zwölf Personen aus ihren vom Wasser eingeschlossenen Häusern befreit werden. Darunter einige Senioren, teils bettlägerig, die ohne Versorgung in den Wohnungen festsaßen. Aber auch junge Leute, die unter Schock standen, sich nicht trauten ihre Häuser zu verlassen, während Angehörige außerhalb warteten, jedoch nicht in die Gebäude kamen.

Das übernahmen die speziell ausgebildeten und ausgerüsteten Kräfte der Wasserrettung, die viele Eingeschlossene befreien konnten. Das Bild, wenn diese von den Familien wieder in die Arme geschlossen werden konnten, sei mitten im Chaos eine regelrechte Wohltat, „das gibt ein gutes Gefühl, helfen zu können, das pusht wieder nach oben“, erinnert sich Bamberger noch genau an diese wichtigen Momente.

Gerade da ein solcher Einsatz eine enorm hohe Belastung auch für die Retter darstelle. Da helfen Erfolgserlebnisse, ebenso wie im Team über das Erlebte zu sprechen, sich manches von der Seele zu reden. Bei Bedarf können die Kräfte auch psychosoziale Gesprächsangebote von speziell geschulten Kollegen wie des Kreises in Anspruch nehmen.

Am zweiten Tag mussten die heimischen Retter weiterziehen, da befürchtet wurde, dass andernorts weitere Dämme brechen, wurde die DLRG-Gruppe als Reserve zurück zum Sammelpunkt nach Düsseldorf beordert. Die Verschnaufpause habe die Truppe zwischenzeitlich für Übungen und Ausbildungseinheiten genutzt.

Die Arbeiten in den Hochwassergebieten gehen weiter, bis alle Spuren der Katastrophe beseitigt sind, dürfte noch viel Zeit vergehen. Die Hilfsbereitschaft weiter hochzuhalten, das sei jetzt wichtig, „das brauchen die Menschen jetzt, sie sollen wissen, dass sie nicht vergessen werden“, sagt Bamberger, der auf die „Solidarität der gesamten Bevölkerung“ hofft.

Auch eine Gruppe des Deutschen Roten Kreuzes ist in der Nacht auf Dienstag wieder aus dem Einsatz in der Nähe von Ahrweiler zurück gekehrt, wo sie die eingeschlossenen Bewohner versorgten. „Die Leute waren teils tagelang in den Häusern, wir haben geschaut, wie es ihnen geht“, berichtet Sanitäter Sebastian Sack.

Der Bedarf an Hilfen sei groß, von wichtigen Medikamenten bis zum einfachen warmen Mittagessen, das sich viele seit Tagen nicht zubereiten können. Die Situation sei eine Belastung für die Betroffenen, ebenso wie für die Retter. Denen helfe ein „unfassbar starker Zusammenhalt im Team“, lobt Sack eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedensten Kontingenten des Katastrophenschutzes. Und die bleiben weiter im Einsatz, in der Nacht auf Dienstag machten sich bereits ein Dutzend weiterer Helfer aus dem Kreis für das DRK auf den Weg in die Einsatzgebiete, um die Kollegen abzulösen.

Von Ina Tannert

21.07.2021
20.07.2021