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Marburg Unterricht mit Chats und Apps
Marburg Unterricht mit Chats und Apps
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11:00 28.03.2020
Dirk Winkel, Physiklehrer am Philippinum in seinem Home Office, von wo aus er die Schüler unterrichtet. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Ein Schulklingeln gibt es derzeit nicht für den Physik-Leistungskurs am Philippinum. Dennoch sind alle Schüler pünktlich um 9.55 Uhr vor ihren Rechnern zu Hause versammelt. Seit einer Woche unterrichtet Lehrer Dirk Winkel digital, über die eigene Philis-Cloud. „Die mussten wir erst einmal aufstocken mit einem neuen Server. Der alte war sieben Jahre alt und der unvorhersehbaren hohen Nutzung nicht gewachsen“, erklärt der Physiklehrer, der in dieser Stunde mit seinen Schülern die Schwingungen durch nimmt. Arbeitsblätter stehen auf dem Server zum Runterladen und Bearbeiten bereit. In einem Chat können Fragen gestellt werden, gleichzeitig können die Schüler den Bildschirm des Lehrers per Video-Konferenz sehen, an dem er alles erklärt – wie sonst an der Tafel.

Über Mikrofone wird kommuniziert, die Schüler stellen Fragen, Dirk Winkel beantwortet sie. Bei manchen reicht die Bandbreite des Internets nicht aus, vor allem auf dem Dorf. „Das sorgt schon mal für Frust“, weiß der Lehrer, der nach der Unterrichtsstunde noch einmal alles Besprochene zusammenfasst und den Schülern dann zum Selbststudium zur Verfügung stellt. „Manchmal ist es noch ein bisschen holprig“, gibt Dirk Winkel zu, der aber ansonsten ein positives Fazit zieht. „Wir haben pro Tag 600 Online-Aktivitäten auf dem Server und einen 80-prozentigen Nutzungsgrad. Das ist enorm.“

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Dennoch gibt es Lehrer, die dieses Angebot nicht nutzen. Das jedenfalls berichtet Leon. „Wir bekommen Aufgaben über WhatsApp, Email, Cloud und Telegramm. Da wird es schnell unübersichtlich. Zusätzlich denken manche Lehrer nur für ihr eigenes Fach, sie nehmen keine Rücksicht und geben Aufgaben mit plötzlichen oder sehr knappen Deadlines.“ Das sieht auch sein Mitschüler Lars so: „Die größte Herausforderung besteht für mich darin, die Übersicht über die verschiedenen Arbeitsaufträge zu behalten, die je nach Lehrer unterschiedlich kommuniziert werden und auch einen sehr unterschiedlich Umfang besitzen.“ Für Timm gibt es noch ein anderes Problem: „Ich kämpfe vor allem mit der Selbstdisziplin, alles immer fristgerecht und ordentlich zu erledigen. Zudem ist doch eine massive Umstellung des Alltags. Auch bekommen wir viel Stoff und die Arbeitsaufträge überschreiten oft das, was man in der Schule beispielsweise während einer Doppelstunde erarbeitet hätte.“ 

Tipps für den Unterricht zu Hause

Die Elisabethschule hat folgende Tipps für die Eltern zusammengefasst:

Versuchen Sie für die Wochentage einen festen Alltagsrhythmus zu schaffen und genaue Zeiten festzulegen, in denen die Schulaufgaben bearbeitet werden. Achten Sie auch auf fest eingeplante Pausen und geregelte Mahlzeiten, so wie es im regulären Schulalltag auch wäre.

Fragen Sie abends nach, was die Schüler bearbeitet haben. Eine Checkliste kann dabei unterstützen.

Geben Sie Ihren Kindern positive Rückmeldungen, denn für die Kinder ist die neue Arbeitsweise sowie der veränderte Alltag eine große Herausforderung und Umstellung.

Lassen Sie sie die Aufgaben allein bearbeiten. Helfen Sie, wenn es notwendig erscheint, nur zu Beginn. Ziel ist immer die eigenständige Bearbeitung der Aufgaben.

Das Handy sollte während der Bearbeitung der Aufgaben ausgeschaltet sein und nicht parallel für Chats etc. genutzt werden.

Aus dem bisherigen Präsenzunterricht ist jetzt ein Chat-Unterricht geworden. „Das kommt richtig gut an. Jetzt melden sich sozusagen auch Schüler zu Wort, die sich sonst im Unterricht nicht trauen. Das Internet enthemmt und in diesem Zusammenhang ist es etwas Gutes“, hat der Physiklehrer festgestellt. Er sieht den digitalen Unterricht als sehr große Chance. „Jetzt sind wir gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen. Es gibt mehr Probierinteresse und zwar nicht nur bei den Technikbegeisterten. Denn jetzt verzeiht jeder die Fehler, hat Verständnis, wenn es nicht so läuft.“ Nur einen Punkt sieht er kritisch: „Das soziale Lernen wird knapp in der Isolation.“ Das bestätigen auch die drei Schüler aus dem Physikleistungskurs. „Ich finde es wichtig in der Schule eine gewisse Gemeinschaft zu haben und dieser soziale Aspekt fehlt jetzt“, sagt Timm. Und Leon ergänzt: „Ich finde man könnte vielleicht die Hälfte der Stunden zuhause machen aber es fehlt dieser persönliche Kontakt den man auch mit den Lehrern hat. Es würde für mich die menschliche Ebene fehlen.“ 

Das bestätigt auch Steinmühlen-Schulleiter Bernd Holly. „Wir versuchen den Tag der Schüler so zu strukturieren, wie an normalen Schultagen“, sagt er am OP-Telefon. Die Mädchen und Jungs der Klassen acht und neun erleben gerade den größten Entzug, nämlich den ihrer Freunde. „In diesem Alter ist der Austausch mit Gleichaltrigen das Wichtigste. Zusammen rumsitzen, quatschen, Erlebtes auswerten – das alles fällt jetzt weg. Deswegen müssen sie zu Hause beschäftigt werden. Wir sehen das auch als Prävention, damit sie nicht neue Weltrekorde im Videospiel Fortnite aufstellen“, erklärt Bernd Holly eine weitere Problematik der häuslichen Quarantäne.

Die Steinmühle unterrichtet über ihre selbstentwickelte Stone-App. Die war auch schon vor der Corona-Pandemie im Einsatz und ist somit Bindeglied zwischen Schülern, Eltern und Schule. Jetzt wird sie genutzt, um Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen. Und auch, um Klassenarbeiten zu schreiben. „Die Schüler fotografieren ihren Zettel einfach ab und senden ihn über die App an den jeweiligen Lehrer“, erklärt Bernd Holly. Denn seine Kollegen sitzen zu Hause im Home Office und bereiten täglich die Materialien auf. „In der ersten Woche fehlte etwas das Maß“, hat der Schulleiter kritisch festgestellt. Die Kollegen sind nun aufgefordert, den Umfang zu minimieren, da die Bearbeitung der Aufgaben in Einzelarbeit länger dauert als im Schulunterricht. „Aber auch das ist ein Lernprozess, in dem auch wir uns gerade befinden.“

Von Katja Peters

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