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Marburg Unternehmer spüren Verunsicherung
Marburg Unternehmer spüren Verunsicherung
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12:57 17.04.2020
Noch sind die Geschäfte in der Marburger Oberstadt wegen Corona geschlossen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Gewerbevereine aus dem Landkreis reagieren erleichtert, aber gleichwohl mit einer Portion Skepsis auf den Beschluss von Bund und Land, dass Geschäfte bis zu einer Fläche von 800 Quadratmetern ab Montag wieder öffnen dürfen.

„Gerade für Marburg ist diese Lockerung sehr gut, weil es besonders in der Oberstadt ja vor allem kleine Läden gibt“, sagt Jan-Bernd Röllmann, der Vorsitzende des Marburger Stadtmarketings. „Und sie ist natürlich vor allem ein erster Schritt zurück in die Normalität“, fügt er hinzu.

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Vielen Unternehmern sei sicher ein Stein vom Herzen gefallen, weil jetzt wieder ein bisschen Hoffnung aufkeimt. Aber: „Die Einhaltung der Hygienevorschriften wird sicher eine große Herausforderung werden, und es muss sich zeigen, ob die Käufer das annehmen“, sagt Röllmann.

„Die meisten stehen in den Startlöchern“

In Marburg betrifft diese Lockerung sicher mehrere 100 Geschäfte. Ob die allerdings alle wieder öffnen, bleibe abzuwarten, so der Stadtmarketing-Vorsitzende.

Vorsichtiger Optimismus herrscht bei den Geschäftsleuten im Marburger Norden vor, „die meisten stehen in den Startlöchern und dürften froh sein, wieder öffnen zu können“, berichtet Christian Großmann, Vorsitzender des Werbekreises Marburg Nord. Ein Teil der Läden hatte in den letzten Wochen zwar auf das Onlinegeschäft zurückgegriffen, den Kundenkontakt zumindest „auf Sparflamme“ erhalten, aber das reiche längst nicht aus.

Der direkte Kontakt der heimischen Läden mit Chefs und Mitarbeitern, die vor Ort bekannt und verbandelt sind, sei der Kern des lokalen Handels. Diesen gelte es nun wieder herzustellen. Ebenso wie Sicherheitskonzepte – von Hygiene- und Abstandsregeln bis Absperrungen –, die es nun einzurichten gilt.

„Diese Logik erschließt sich mir nicht“

Damit kennen sich einige Geschäfte bereits aus, für andere bedeute das „eine Herausforderung, aber man kann das händeln“. Größere Probleme könnten der dauerhafte Schutz der Mitarbeiter sein: „Das ist eine besondere Gefahr gerade für kleine Unternehmen, die schaffen es nur mit Mühe, kleine Teams zu bilden.“

Viele Läden lassen zur Sicherheit immer nur einen Teil der Mitarbeiter zusammen arbeiten, dennoch bestehe immer die Sorge, dass es zu Ausfällen wegen Quarantäne kommt und damit der ganze Betriebsablauf einbricht.

Abstandsregeln müssen und können oft eingehalten werden, aber nicht überall: Wie etwa Friseure damit umgehen sollen, könne Großmann nicht sagen, dass Salons erst wieder am 3. Mai öffnen dürfen, sei ihm unverständlich, „diese Logik erschließt sich mir nicht“.

Cafés bleiben noch geschlossen

Generell betrachte Großmann aber die Sicherheitsregeln als sinnvoll und vertretbar, „wir müssen durchhalten, sonst ist der ganze Erfolg, den wir uns erarbeitet haben, wieder weg – wir müssen das jetzt bis zum Ende durchziehen“.

Auch Thomas Klingelhöfer von der Interessengemeinschaft Südviertel ist froh, dass für viele Geschäfte der „Notmodus“ bald ein Ende hat, „gerade für den Einzelhandel war die Zeit fatal“. Klingelhöfer zählt mit seinen Kaffeehäusern nicht zu denen, die wieder öffnen können, nur in seinem Café im Südviertel findet Verkauf statt. „Für viele Geschäfte ist das ein Lichtblick, andere werden noch nicht öffnen können.“

Hygieneregeln bedeuten „riesigen Aufwand“

Zudem herrsche unter den Händlern weiterhin Vorsicht, „da reagieren auch die Geschäfte zurückhaltend, es gibt eine gewisse Verunsicherung, auf beiden Seiten, aber das ist verständlich“, sagt Klingelhöfer.

Die Umsetzung des Infektionsschutzes stelle für viele „einen riesigen Aufwand“ dar, nun müssten passende Konzepte aufgebaut werden, von der Plexiglasscheibe bis zur Begrenzung der Kundenzahl und Kontrollen.

Mit dem großen Käufer-Ansturm rechnet er am Montag noch nicht, denn die Kunden seien vorsichtig, aber auch weil große Kaufhäuser wie Ahrens noch nicht wieder öffnen können, fehle „ein Magnet fürs Südviertel“.

Ein kleiner Schritt, der Bewegung bringt

Marek Sieronski, Vorsitzender Werbegemeinschaft Stadtallendorf aktiv, begrüßt die Veränderungen. „Auch wenn noch nicht alle wieder aufmachen dürfen, ist es schon jetzt ein großer Vorteil gegenüber den vergangenen Wochen.“

Dass die jüngsten Veränderungen die Wirtschaft wieder richtig ankurbeln, bezweifelt der Stadtallendorfer: „Es ist ein kleiner Schritt, der etwas Bewegung bringt.“ Das Stadtallendorfer Gewerbe ziehe eher lokales Publikum an – was in dieser Situation allerdings auch wiederum gut sei, da nicht zu befürchten sei, dass die Geschäfte überlaufen werden.

Wichtig sei für die Geschäftsleute, mit Bedacht und Vorsicht zu handeln. „Ich hoffe, wir schaffen das alle. Es gibt derzeit zum Beispiel Schwierigkeiten, sich Plexiglas-Schutz für die Kassen zu besorgen – dabei wäre dies wichtig für die Kassierer.“

„Wir stehen vor einer großen Herausforderung“

Und selbst wenn der Verkauf nun langsam wieder losgehen dürfe, werde es noch lange dauern, bis der Stand erreicht sei, „dass wir wieder davon leben können“. In den vergangenen Wochen seien viele Menschen dazu übergegangen, online einzukaufen – oder eben auf Einkäufe zu verzichten. Das Verhalten werde sich wahrscheinlich nur Stück für Stück wieder ändern.

Hannelore Wachtel, Geschäftsführerin des Verkehrsvereins Kirchhain, betont, dass das Wichtigste nun das Einhalten von Vorschriften sei: „Wir hatten zwar während der Schließung einige Wochen Zeit, uns vorzubereiten. Aber ich glaube, wir stehen trotzdem vor einer großen Herausforderung.“

„Wir müssen verantwortungsbewusst handeln“

Vorsicht und Bedacht seien essentiell, die Gewerbetreibenden müssten sich dringend trotz des Wunsches, Waren zu verkaufen, auch schützen: „Ich hatte nicht mit so einer relativ frühen Lockerung der Einschränkungen gerechnet. Ich ging davon aus, dass wir den ganzen Mai noch abwarten müssen.“

Deutschland sei erst ganz am Anfang des Weges, die Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren. „Wenn wir übermütig oder unvorsichtig werden, geht die Kurve schnell wieder nach oben. Deswegen müssen wir verantwortungsbewusst handeln“, so Wachtel.

Von unseren Redakteuren

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