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Marburg Unternehmen sind gegen Homeoffice-Pflicht
Marburg Unternehmen sind gegen Homeoffice-Pflicht
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20:00 14.01.2021
Eine junge Frau, die aufgrund der Corona-Pandemie im Homeoffice arbeitet, nimmt in ihrem Wohnzimmer an einer Telefonkonferenz teil.
Eine junge Frau, die aufgrund der Corona-Pandemie im Homeoffice arbeitet, nimmt in ihrem Wohnzimmer an einer Telefonkonferenz teil. Quelle: Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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Marburg

Die Ansteckungszahlen sind weiter hoch. Ein mögliches Problem ist aus Expertensicht, dass zu wenig im Homeoffice gearbeitet wird. Laut ZDF arbeiteten im Frühjahr 27 Prozent im Homeoffice, im November indes lediglich 14 Prozent – 56 Prozent könnten es jedoch sein. Daher fordern zahlreiche Politiker die Homeoffice-Pflicht – denn: ein Prozent mehr Homeoffice führe zu einer acht Prozent geringeren Infektionsrate.

CSL Behring hat bereits sehr früh reagiert, wie Geschäftsführer und Standortleiter Michael Schröder sagt: „Bereits im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben rund ein Drittel unserer Beschäftigten am Standort Marburg mobil gearbeitet. Dank großer Flexibilität und Engagement auf allen Seiten haben wir unsere Arbeit ohne Unterbrechung oder Produktivitätsverlust fortgesetzt.“ Eine Umfrage im vergangenen Sommer unter den CSL-Beschäftigen mit Büroarbeitsplatz habe ergeben, dass sich bereits damals ein Großteil der Befragten vorstellen konnte, zukünftig mehr als die Hälfte ihrer Office-Arbeit virtuell zu erledigen.

Kein Schwätzchen mehr an der Kaffeemaschine

„Genau wie im täglichen Leben vermissen viele jedoch auch im Arbeitsumfeld den sozialen und persönlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, das Schwätzchen an der Kaffeemaschine oder einfach den Tapetenwechsel“, sagt Schröder. „Doch allen Herausforderungen zum Trotz bewerteten auch am Ende des Jahres 2020 viele Befragte bei einer erneuten Blitzumfrage die veränderte Arbeitsumgebung überwiegend als routiniert und produktiv.“

Unter einem „idealen Arbeitsplatz“ würden sich viele der Beschäftigten mittlerweile einen flexiblen Mix aus mobilem Arbeiten und Arbeit im Büro vorstellen – „aus meiner Sicht ist eine solche hybride Lösung der Weg in die Zukunft“, sagt Schröder. „Insgesamt lässt sich wohl sagen, dass die Coronavirus-Krise ein Katalysator für die Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitsplätze ist. Wir werden unsere gewonnenen Erkenntnisse definitiv in die ,Nach-Corona-Zeit’ sowie die Gestaltung neuer Arbeitsplätze einfließen lassen.“

Und wie steht das Unternehmen zur geforderten Homeoffice-Pflicht? „Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass eine grundsätzliche Homeoffice-Verpflichtung viele Unternehmen vor große Herausforderungen stellen würde. Gleichwohl ist es in diesen Zeiten enorm wichtig, die gesellschaftliche und unternehmerische Verantwortung sehr ernst zu nehmen. Insgesamt eine schwierige Ausgangslage, die nicht einfach zu bewerten ist“, meint er.

Und dann ist da ja auch noch die Produktion – wie schaut es dort mit dem Pandemie-Schutz aus? „Wir haben sehr viele Maßnahmen am Standort frühzeitig etabliert, die das Ziel haben, das Infektionsrisiko am betrieblichen Arbeitsplatz zu minimieren“, sagt Schröder. CSL setzt auf Maskenpflicht in allen Gebäuden, eine Separierung der Schichtgruppen und die Einhaltung der Maßnahmen zum achtsamen Umgang. „Zudem informieren wir unsere Belegschaft sehr regelmäßig über unsere firmeninterne App, einen Email-Newsletter und virtuelle Mitarbeiterversammlungen zum aktuellen Stand und die verschiedenen Maßnahmen. Ein internes Pandemie-Team trifft sich täglich virtuell, um die Pandemie-Situation zu beobachteten und zu bewerten und steht den Beschäftigten über eine Hotline 24/7 bei Fragen zur Verfügung“, verdeutlicht Michael Schröder.

„Unternehmen müssen selbst entscheiden können“

Ähnlich sieht es bei Roth Industries mit Stammsitz in Buchenau aus. „Dort, wo es die Aufgabenstellung zulässt, ermöglicht Roth den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mobiles Arbeiten, um Begegnungen zu reduzieren und damit zur Eindämmung der Corona-Pandemie beizutragen“, erläutert Unternehmenssprecherin Jacqueline Lachwa auf Anfrage der OP. Eine Homeoffice-Pflicht sehe man eher kritisch, denn: „Unternehmen müssen selbst die Notwendigkeit erkennen, alle Maßnahmen zu ergreifen und Arbeit so zu organisieren, dass einerseits die Pandemie eingedämmt wird und keine Hotspots im eigenen Betrieb entstehen, aber andererseits die Wirtschaft möglichst nicht ins Stocken gerät.“ Das sei ein Balanceakt – „hierbei sind Flexibilität von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und teilweise individuelle Lösungen gefragt – zumal sich Situationen schnell verändern“, so Lachwa. Roth halte sich dabei an seine Unternehmensgrundsätze, verantwortlich und dynamisch zu handeln.

In der Produktion habe das Unternehmen feste Teams gebildet, es würden die Handlungsanleitungen des Robert-Koch-Instituts und des Gesundheitsamtes befolgt. „Auf unserem gesamten Betriebsgelände gilt Maskenpflicht, Abstand und Hygiene einhalten. Diese Hinweise werden in unserer internen Kommunikation immer wieder aufgefrischt und wir sind dankbar, dass alle Roth Mitarbeiter sich verantwortungsbewusst verhalten und wir die Krise bisher so gut gemeistert haben“, so die Sprecherin.

Eine klare Absage erteilt auch Peter Lather von Lather Kommunikation in Lohra einer Homeoffice-Pflicht: „Die Arbeitgeber sind sehr wohl selbst in der Lage, das mit ihren Arbeitnehmern selbst zu regeln, da muss der Staat nicht eingreifen. Ein verantwortungsbewusster Unternehmer wird immer zum Wohle des Unternehmens und damit zum Wohle der Mitarbeiter entscheiden.“ In seinem Unternehmen gebe es regelmäßig „Corona-Treffen“, in denen Lather seinen Mitarbeitern mit auf den Weg gibt: „Wenn ihr alles dafür tut, dass ihr gesund bleibt, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass auch das Unternehmen gesund bleibt. Damit habt ihr die beste Absicherung für die Zukunft“.

Jeden Tag frisch gewaschene Masken

Lather trägt seinen Teil dazu bei: Zwar gebe es kein Homeoffice, „dafür sind die administrativen Mitarbeiter zu sehr mit der Produktion verzahnt“, so der Chef. Aber schon sehr früh sei eine Maskenpflicht eingeführt worden – auch in der Produktion. „Jeder Mitarbeiter bekommt jeden Tag frisch gewaschene Masken, die am Spind bereit hängen – seit März ist hier niemand mehr ohne Maske unterwegs“, sagt Lather. Die Büros werden alle 30 Minuten konsequent gelüftet, Abstandsregeln werden auch in Pausen strikt eingehalten, „und wenn ein Mitarbeiter auch nur denkt, dass er mit Corona infiziert sein sollte, kann er sich sofort melden und bei uns einen Schnelltest absolvieren“. Auch nach den Betriebsferien zwischen den Jahren sei jeder Mitarbeiter getestet worden, „das war eine Sache von eineinhalb Stunden“, so Lather – er achte sehr strikt darauf, dass auch Zulieferer sich an die Corona-Regeln hielten. „So sind wir bis jetzt sehr gut durch die Pandemie gekommen.“

Das Prinzip des Homeoffice einfach umgedreht

Einen ganz anderen Weg in puncto Homeoffice geht übrigens der Marburger IT-Dienstleister Bestserv, wie Geschäftsführer Frank Geus erklärt: „Wir haben das Prinzip umgekehrt: Bei uns ist das Arbeiten von zu Hause der Standard – wer ins Büro kommen möchte, muss sich vorher einen Platz reservieren.“ Da das Unternehmen für System- und Software-Integration sowieso unentwegt mit dem Thema Cloud-Computing zu tun habe, sei der Schritt dieses „umgekehrten Homeoffice“ ohnehin für dieses Jahr geplant gewesen, „die Pandemie hat dies ein wenig beschleunigt“. Jeder der 13 Mitarbeiter – vom Geschäftsführer bis zum Azubi – hat die identische Hardware-Ausstattung bekommen: Laptop, Headset, Tastatur und Maus. „Und dann haben wir die personalisierten Arbeitsplätze im Büro aufgelöst“, sagt Geus. Alle Arbeitsplätze seien identisch mit Dockingstation, Monitor und Station für den Kopfhörer ausgestattet. „Die persönliche Ausrüstung wie Tastatur oder Headset hat jeder selbst – alleine schon aus Hygienegründen. Und der Rest ist standardisiert.“

Das heißt aber nicht, dass Geus seine Mitarbeiter nicht mehr sieht: Fünf Präsenztage im Büro sind pro Monat Pflicht, „denn wir haben als Arbeitgeber ja auch eine Fürsorgepflicht“. Das habe aber nichts mit Kontrolle zu tun, denn Geus ist sich sicher: „Die Entwicklung, die durch die Pandemie angestoßen wurde, wird sich nicht mehr umkehren.“ Mitarbeiter würden auch später das Homeoffice einfordern, ist er sicher. „Und Arbeitgeber, die an althergebrachten Mustern und Methoden festhalten, werden dann Mitarbeiter verlieren“, denkt er.

Das sagen die Unternehmerverbände

Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), sagt zur geforderten Homeoffice-Pflicht: „Betriebe sind sichere Orte. Unsere Unternehmen haben gemeinsam mit ihren Beschäftigten unter Berücksichtigung der betrieblichen Mitbestimmung und anknüpfend an die Erfolge der fortschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt in den vergangenen Monaten viel erreicht, um die Arbeit in Corona-Zeiten systematisch sicherer zu machen.“ Dazu gehörten beispielsweise komplexe Pandemiepläne, vielfältige Homeoffice- und Datenschutzregelungen und betriebliche Vereinbarungen. „Die hessischen Arbeitgeber ermöglichen Homeoffice überall dort, wo es auch möglich ist – das steht außer Frage. Aber Homeoffice ist nur eine Möglichkeit, Kontakte zu beschränken, eine pauschale Pflicht bringt hier gar nichts“, so Pollert.

Vor allem Fertigungsbetriebe und auch viele Dienstleistungsunternehmen könnten nur dann laufen, „wenn ihre Beschäftigten auch vor Ort die Arbeit erbringen. Daher haben wir integrierten Infektionsschutz in Anwendung und stetige Weiterentwicklung gebracht und brauchen keinen auf Einzelmaßnahmen bezogenen Aktionismus“, so Pollert. Es seien erhebliche Anstrengungen zur Installation von Hygienekonzepten unternommen worden, die kontinuierlich weiterentwickelt würden – dazu hätten die Unternehmerverbände umfangreiche Hilfestellung geleistet. „Hier sind verantwortliche Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie beide Sozialpartner am Werk“, so der VhU-Hauptgeschäftsführer.

Geboten sei gegenwärtig „das und nur das, was dem Infektionsschutz auch wirklich diene“. Laut Pollert sei „durch keinerlei Zahlen belegbar, dass die Arbeit im Homeoffice weniger Infektionsgefahren hat als die Arbeit vor Ort im Betrieb unter konsequenter Einhaltung der Hygiene- und Covid-Arbeitsschutzstandards“. Daher gelte es, die Balance zu halten: „Mobiles Arbeiten, wo immer es möglich ist, Präsenz im Betrieb, wo die erfolgreiche Aufgabenerfüllung dies erfordert. Und vor allem müssen wir die Menschen pandemiegeschützt weiter in Arbeit halten – denn nur mit Wertschöpfung können wir unsere Sozialsysteme am Leben halten, die im Moment alle versorgen.“

Darf ich jetzt auf jeden Fall ins Homeoffice?

Einen allgemeinen Anspruch auf Homeoffice gibt es in Deutschland nach wie vor nicht. Das heißt: Solange der Arbeitgeber keine entsprechende Vereinbarung mit den Mitarbeitern getroffen hat und in Betriebsvereinbarung oder im Tarifvertrag nichts anderweitig geregelt ist, müssen Beschäftigte auch mit den neuen Corona-Regeln weiter zur Arbeit kommen. Wer nicht erscheint, kann im schlimmsten Fall abgemahnt und bei wiederholtem Fehlen gekündigt werden. Auch die Befürchtung, sich mit dem Virus anzustecken, ist nicht Grund genug, der Arbeit fern zu bleiben, erklärt die Gewerkschaft Verdi in einem FAQ.

Muss das Homeoffice für alle gelten?

„Der Arbeitgeber darf nicht willkürlich oder gar bestrafend einzelne Arbeitnehmer vom Homeoffice ausnehmen“, betont Arbeitsrechtler Alexander Bredereck. Er muss darüber hinaus den arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz beachten. Wenn allerdings bestimmte Arbeitnehmer von zu Hause aus arbeiten können und sich bei anderen dies aus sachlichen Gründen verbietet oder unmöglich ist, darf der Arbeitgeber die entsprechenden Mitarbeiter unterschiedlich behandeln.

Muss ich auf Anweisung ins Homeoffice?

Grundsätzlich kann der Arbeitgeber nicht einseitig anordnen, dass alle ins Homeoffice müssen, erklärt der Bund-Verlag in einem FAQ. Eine solche Anordnung kann nur ausnahmsweise gerechtfertigt sein. „In extremen Fällen, zum Beispiel, wenn aufgrund einer Pandemie-Lage am regulären Arbeitsplatz nicht mehr gearbeitet werden darf oder Ausgangssperren dies verhindern, könnte das anders sein“, führt Bredereck aus. Außerdem müsse der Betriebsrat zustimmen. Sind die Voraussetzungen für die Arbeit in der Wohnung nicht erfüllt oder hat der Betriebsrat nicht zugestimmt, kann der Arbeitnehmer die Arbeit im Homeoffice laut Bund-Verlag ablehnen.

Muss ich im Homeoffice mit privater Technik arbeiten?

Rein rechtlich ist die Antwort klar: „Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers, hier für die notwendigen Voraussetzungen zu sorgen.“ Einfach die Arbeit zu verweigern, weil kein Dienstgerät zu Verfügung steht, kann unter Umständen aber Probleme bringen. In jedem Fall sollten Arbeitnehmer mit der Firma reden.

Muss der Arbeitgeber meine Ausgaben erstatten?

Für Aufwendungen hat man prinzipiell einen Erstattungsanspruch, so Bredereck. In der Praxis dürfte es sich dabei vor allem um Strom und Arbeitsmaterialien wie Papier handeln – also eher kleinere Beträge, die man dennoch belegen können muss, etwa den gesteigerten Stromverbrauch. Für Kosten wie für die Internet-Flatrate, die ohnehin anfallen, muss der Arbeitgeber hingegen nicht aufkommen, wie der Deutsche Anwaltverein (DAV) informiert.

Darf der Arbeitgeber mein Homeoffice kontrollieren?

„Die Kontrollmöglichkeiten des Arbeitgebers im Homeoffice sind eingeschränkt“, erklärt Alexander Bredereck. Die Unverletzlichkeit der Wohnung ist grundrechtlich geschützt, der Arbeitgeber könne daher in der Regel keinen Zutritt verlangen. Auf der anderen Seite haben Arbeitgeber gewisse Kontrollpflichten. Die ergeben sich unter anderem daraus, dass der Arbeitgeber für die Einhaltung von Arbeits- und Datenschutz im Homeoffice sorgen muss. Aber auch das geht nur im Rahmen des Zulässigen. „In die Wohnung kommt der Arbeitgeber also auch aus diesen Gründen nur mit einer Erlaubnis des Arbeitnehmers“, so Bredereck.

Wie sieht es mit den Arbeitszeiten aus?

„Prinzipiell hat der Arbeitgeber Anspruch darauf, zu erfahren, von wann bis wann ein Arbeitnehmer arbeitet“, sagt Johannes Schipp, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Gütersloh. Und auch im Homeoffice sind die Arbeitszeiten nicht entgrenzt: Beschäftigte können in der Regel nicht einfach dann arbeiten, wann es ihnen am besten passt. „Die Arbeitnehmer sind auch zu Hause an die betriebsüblichen Zeiten gebunden“, so Schipp. Wenn der Arbeitgeber wissen will, wann die Beschäftigten mit der Arbeit beginnen und wann sie wieder in den Feierabend gehen, könne er also zum Beispiel durchaus verlangen, dass sie das jeweils per Mail oder in einem unternehmensinternen Chat kommunizieren. Gibt es im Unternehmen einen Betriebsrat, müssen Arbeitgeber für solche technischen Vorgaben aber dessen Zustimmung einholen.

Von Andreas Schmidt

14.01.2021
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