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Marburg Hervorragende Erfahrungen mit Homeoffice
Marburg Hervorragende Erfahrungen mit Homeoffice
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10:00 01.07.2021
Eine Frau arbeitet in ihrer Wohnung vor einem Computer an einem Stehtisch.
Eine Frau arbeitet in ihrer Wohnung vor einem Computer an einem Stehtisch. Quelle: Uwe Anspach
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Marburg

Für Beschäftigte in Büro-Berufen ändert sich zum Monatsbeginn eine wichtige Corona-Regelung. Bisher galt: Wer seine Arbeit zu Hause erledigen kann, dem muss der Arbeitgeber dies auch anbieten. Doch mit dem Auslaufen der bundesweiten Corona-Notbremse am 30. Juni ist auch die klare Homeoffice-Pflicht weggefallen. Müssen nun alle Betroffenen wieder zurück an ihre Schreibtische in den Firmen? Wohl nicht. Mehrere heimische Unternehmen berichten in einer nicht repräsentativen Umfrage der OP von guten Erfahrungen mit Homeoffice – aber auch von Angestellten, die das kollegiale Miteinander im Büro vermissen. Sie wollen deshalb in Berufen, bei denen dies möglich ist, ihren Beschäftigten weiterhin zumindest eine Mischung aus Arbeit zu Hause und im Betrieb ermöglichen.

„Die Erfahrungen sind bei uns hervorragend – auch, weil wir die technische Ausstattung dafür hatten“, sagt Karin Batz, Personalvorstand beim Software-Unternehmen Inosoft AG. „Homeoffice war bei uns schon immer möglich.“ In der Pandemie haben nach ihrer Aussage zeitweise fast alle Beschäftigten zu Hause gearbeitet. Das habe hervorragend geklappt, allerdings seien virtuelle Meetings und Telefonkonferenzen sehr zeitaufwendig. Und: Die Unternehmenskultur sowie der Zusammenhalt litten, wenn man die Kollegen immer nur auf dem Bildschirm sehe und dadurch weniger wahrnehme, wie es jemandem geht.

Da inzwischen ein großer Teil der Beschäftigten geimpft sei, könnten sie in den kommenden Wochen „peu à peu zurückkommen“. „Wir werden aber niemanden ins Büro zurückzwingen“, betont Batz – Homeoffice-Lösungen sollen also weiterhin möglich sein.

„Homeoffice war für Elkamet nicht neu“, sagt auch Sophie Cyriax, Leiterin der Kommunikation des Hinterländer Kunststofftechnik-Unternehmens. Seit jeher gebe es bei dem Unternehmen „ganz flexible Lösungen“. „Im Zuge der erhöhten Abstandsregeln haben wir diese stärker genutzt als zuvor.“ Dabei habe Elkamet Hybridmodelle ermöglicht. Die Büro-Beschäftigten können also zum Teil zu Hause, zum Teil im Betrieb arbeiten – je nachdem, welche Aufgaben sie haben und wie die Abstandsregeln eingehalten werden können. Denn, berichtet Cyriax, obwohl die Mitarbeitenden gerne Homeoffice nutzten, seien viele auch gerne wieder ins Büro gekommen.

Welche „Aufgabenpakete“ zu Hause erledigt werden können, sei dezentral von den Abteilungsleitern entschieden worden. „Und das werden wir auch so beibehalten“, sagt Cyriax. „Wir haben Vertrauen in unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Das Ende der gesetzlichen Homeoffice-Pflicht bringe also bei Elkamet keine große Veränderung.

„Katalysator für Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitsplätze“

Beim Pharmaunternehmen CSL Behring sieht man die Corona-Krise als „Katalysator für die Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitsplätze“, wie Pressesprecherin Stephanie Fuchs auf Anfrage mitteilt. „Wir werden unsere gewonnenen Erkenntnisse definitiv in die ,Nach-Corona-Zeit’ sowie die Gestaltung neuer Arbeitsplätze einfließen lassen“, fügt sie hinzu. Es gebe im globalen Konzernverbund von CSL die Bereitschaft, „zukünftig eine größere Flexibilität hinsichtlich des Arbeitsorts für Mitarbeitende zuzulassen, wenn der Arbeitsplatz hierfür geeignet erscheint und keine betrieblichen Interessen entgegenstehen“.

Wie bereits im ersten Lockdown arbeiten nach ihren Angaben auch derzeit etwa ein Drittel der CSL-Beschäftigten am Marburger Standort mobil. „Die Teams organisieren sich selbstständig und stellen sicher, dass Tätigkeiten, die vor Ort erledigt werden müssen, auch getan werden können“, erläutert sie. „Wer nicht zwingend am Standort sein muss, arbeitet mobil.“

Bereits im Sommer 2020 habe eine Umfrage unter den Beschäftigten mit Büroarbeitsplatz ergeben, dass sich ein Großteil vorstellen konnte, in Zukunft mehr als die Hälfte der Arbeit virtuell zu erledigen. „Genau wie im täglichen Leben vermissen viele jedoch auch im Arbeitsumfeld den sozialen und persönlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, das Schwätzchen an der Kaffeemaschine oder einfach den Tapetenwechsel“, berichtet Fuchs. „Unter einem ,idealen Arbeitsplatz’ stellen sich viele unserer Beschäftigten mittlerweile einen flexiblen Mix aus mobilem Arbeiten und Arbeit im Büro vor. Aus unserer Sicht ist eine solche hybride Lösung der Weg für die Zukunft.“

Kontakte sollen weiterhin auf ein Minimum beschränkt bleiben

Auch die Universität Marburg will ihren Beschäftigten „weiterhin freiwillig flexibles Arbeiten ermöglichen, wo keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen und die räumlichen und technischen Voraussetzungen gegeben sind“, teilt die stellvertretende Pressesprecherin Christina Mühlenkamp mit. Seit Beginn der Pandemie habe die Philipps-Universität ihren Beschäftigten flexibles Arbeiten ermöglicht, um sie bestmöglich vor einer Corona-Infektion zu schützen. „Trotz derzeit sinkender Infektionszahlen ist immer noch Vorsicht geboten“, betont Mühlenkamp. „Daher sollten Kontakte, die das Infektionsrisiko erhöhen, weiterhin auf ein Minimum beschränkt werden.“ Das sehe auch die angepasste Corona-Arbeitsschutzverordnung vor, die eine Beschränkung der Beschäftigtenzahlen in Arbeits- und Pausenräumen vorgebe.

Corona-Regeln für Betriebe werden gelockert

Die Corona-Regeln am Arbeitsplatz werden ab 1. Juli gelockert.

Für Unternehmen endet die Pflicht, Homeoffice überall anzubieten, wo es möglich ist. Diese Regelung ist Teil der so genannten Bundesnotbremse, die am 30. Juni ausläuft.

Unternehmen müssen weiterhin zwei Tests pro Woche für Beschäftigte anbieten, die nicht von zu Hause aus arbeiten können. Allerdings ist dies laut der neuen Corona-Arbeitsschutzverordnung nicht mehr erforderlich, wenn Arbeitgeber „durch andere geeignete Schutzmaßnahmen einen gleichwertigen Schutz der Beschäftigten“ sicherstellen oder nachweisen können – zum Beispiel wenn diese vollständig geimpft sind.

Die verbindliche Vorgabe, dass eine Mindestfläche von zehn Quadratmetern für jede im Raum befindliche Person nicht unterschritten werden darf, entfällt. Arbeitgeber sind aber weiterhin gehalten, „die gleichzeitige Nutzung von Räumen durch mehrere Personen (...) auf das betriebsnotwendige Minimum zu reduzieren“. Zudem bleibt es dabei, dass betriebliche Hygienepläne erstellt und Infektionsschutzmaßnahmen ergriffen werden müssen, etwa durch Trennwände und Abstandsregeln. Wo das nicht möglich ist, müssen medizinische Masken zur Verfügung gestellt werden.

Die Verantwortlichen in der Universität gehen davon aus, dass nun einige Beschäftigte aus dem Homeoffice wieder an ihre Arbeitsplätze in der Hochschule zurückkehren werden. Dies sei möglich, sofern für den jeweiligen Bereich keine zwingenden Gründe dagegensprechen, erklärt Mühlenkamp. „Alle in Präsenz tätigen Beschäftigten bekommen bis zu zwei Corona-Selbsttests pro Woche angeboten, um Infektionsketten frühzeitig erkennen und durchbrechen zu können“, fügt sie hinzu.

Gewerkschaften fordern Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten

Weil die Corona-Infektionsgefahr weiterhin nicht gebannt ist, hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das Auslaufen der Homeoffice-Pflicht im Vorfeld kritisiert. Die Gewerkschaften machen sich nun für eine dauerhafte Regelung stark: „Wir fordern einen Rechtsanspruch auf die Möglichkeit, mobil von zu Hause aus zu arbeiten, bei gleichzeitigem Erhalt des betrieblichen Arbeitsplatzes“, erklärt Anna-Maria Boulnois, Organisationssekretärin beim DGB Mittelhessen. Die Situation im vergangenen Jahr habe gezeigt, dass mobiles Arbeiten in vielen Berufen grundsätzlich eine Option sei.

Allerdings eine Option, die aus Sicht des DGB auch Risiken mit sich bringt. So dürfe beim Arbeiten zu Hause der Gesundheitsschutz der Beschäftigten nicht vernachlässigt werden. „Konkret muss von betrieblicher Seite sichergestellt werden, dass beispielsweise Beleuchtung, Ergonomie und ausreichend IT zur Verfügung stehen“, fordert Boulnois. „Es müssen zudem klare Regelungen geschaffen werden, dass Arbeiten von zu Hause nicht zu einer Entgrenzung der Arbeitszeit führt. Der bestehende gesetzliche Rahmen des Arbeitszeitgesetzes darf nicht aufgeweicht werden.“ Die Beschäftigen müssten ein Recht haben, außerhalb der Arbeitszeit für ihren Arbeitgeber nicht erreichbar zu sein.

Umfrage: 58 Prozent wollen von zu Hause arbeiten

Fast die Hälfte der hessischen Beschäftigten mit Homeoffice-Erfahrung (47 Prozent) will auch in Zukunft mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Homeoffice arbeiten. Hinzu kommen elf Prozent, die fast gar nicht mehr ins Büro möchten. Das zeigen Daten aus der Homeoffice-Studie der DAK-Gesundheit, wie die Krankenkasse mitteilte. In Hessen sagen demnach 88 Prozent der Männer und Frauen im Homeoffice, dass sich grundsätzlich dafür geeignete Aufgaben hier genauso gut erledigen lassen wie am normalen Arbeitsplatz in der Firma. Viele Beschäftigte schätzen den Zeitgewinn, weil der Weg zur Arbeit wegfällt (79 Prozent). Die Aufgaben lassen sich demnach auch gezielter über den Tag verteilen (70 Prozent) und sehr viele können Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren (86 Prozent). Die Krankenkasse warnt allerdings vor gesundheitlichen Risiken: Demnach sagen 74 Prozent der Befragten, dass sie sich im Homeoffice weniger bewegen. Für die Homeoffice-Studie wurde laut DAK im Februar 2021 eine für Hessen repräsentative Stichprobe von 1 000 erwerbstätige Menschen befragt.

Von Stefan Dietrich

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