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Marburg Unser "Ebbelwoi" wird Unesco-Kulturerbe
Marburg Unser "Ebbelwoi" wird Unesco-Kulturerbe
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12:20 30.03.2022
Die Apfelweinkultur wurde von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe ernannt.
Die Apfelweinkultur wurde von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe ernannt.  Quelle: Andreas Arnold/dpa
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Marburg

Egal, ob süß- oder sauergespritzt: Apfelwein ist seit Jahrhunderten der Hit der hessischen Getränkekultur, ein echter Klassiker eben. Und deshalb für die deutsche Kultur unverzichtbar. Das wissen Hessen längst, nun aber sieht es auch die Unesco-Kommission in Bonn so. Die hat jüngst beschlossen: Apfelwein, Äppler oder Schobbe ist ab sofort immaterielles Kulturerbe. Nun also ist es amtlich.

Damit gehört das hessische Kultgetränk jetzt zu den 131 immateriellen Kulturerben in Deutschland, zu der sich beispielsweise auch die deutsche Brotbackkultur, die Genossenschaftsidee oder auch Poetry-Slam im deutschsprachigen Raum zählen dürfen.

Die Szene

Laut dem Verband der Deutschen Fruchtwein- und Fruchtschaumwein-Industrie trank im Jahr 2020 jeder Deutsche durchschnittlich 0,9 Liter Apfel- und Fruchtwein. Hessen sprengt den bundesweiten Durchschnitt, denn dort wird ungefähr zehn Mal so viel „Ebbelwoi“ konsumiert. Kein Wunder also, dass sich das beliebte „Stöffche“ zum Frankfurter Szene-Getränk entwickelte. Als Hochburg der Szene gilt Frankfurt-Sachsenhausen. Dort befinden sich die meisten traditionellen Apfelwein-Kneipen. Diese sind oft sehr rustikal eingerichtet. Auf langen Holztischen und -bänken sitzen die Gäste oftmals eng an eng, „petzen“ (trinken) ihren „Schobbe“ (Apfelwein) aus dem „Gerippten“ (gerippten Glas) und unterhalten sich in guter Gesellschaft. Und genau darum geht es, um das gesellige Miteinander, die lässt dann auch das einfachste, harte Mobiliar zum gemütlichen Stammtisch werden.

Wie aber schaffte es eigentlich unser Ebbelwoi, zum immateriellen Kulturerbe aufzusteigen? Die Unesco hat da strenge Vorgaben. Prinzipiell gilt: Kulturelle Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen und von Generation zu Generation weitergegeben werden, können zum immateriellen Kulturerbe werden.
Etwas trocken heißt es in der Begründung der Deutschen Unesco Kommission: Die handwerkliche Apfelweinkultur verbinde Fertigkeiten um die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen mit Wissen und Können der Apfelweinherstellung und den dazugehörigen Bräuchen.

Und die beherrscht Dieter Herb aus Neustadt meisterlich. Er keltert seit 20 Jahren seinen Apfelwein traditionell selbst. Gelernt habe er das von seinem Opa, erklärt er stolz. „Dass die Apfelweintradition nun Kulturerbe wird, finde ich gut. Das könnte dafür sorgen, dass der Ebbelwoi eine Renaissance erlebt“, sagt der 67-Jährige.

Cider, Cidre und Ebbelwoi

  • Hessischer Apfelwein: Das Nationalgetränk der Hessen, das vor allem im Rhein-Main-Gebiet um Frankfurt hergestellt und getrunken wird. Der „Ebbelwoi“ oder „Ebbelwei“ wird meist in gerippten Gläsern serviert. Wahlweise trinken Hessen ihn „sauer gespritzt“, also mit Sprudelwasser gemischt, „süß gespritzt“ mit Limonade gemischt oder mit Cola.
  • Der Cidre: Das französische Pendant. In der Normandie nennt man das Getränk „La Cidraie“, in der Bretagne „Chistr“. In beiden Regionen wird der Apfelschaumwein hergestellt. Getrunken wird er in kleinen Tassen oder Schalen. Als „Kir“ wird ein beliebtes Mischgetränk bezeichnet, welches aus Cidre und Johannisbeer-Likör gemischt wird.
  • Der Cider: Das britische Pendant. Als sogenannter „White Cider“ wird ein heller, günstiger Apfelwein bezeichnet. Um als Cider verkauft werden zu dürfen, muss er mindestens 35 Prozent Apfel- oder Birnensaft enthalten. Zu den bekanntesten Britischen Marken gehören beispielsweise Blumers, Frosty Jack‘s Cider und Stowford.

Wie auch immer, nicht nur für ihn, sondern auch für andere Ebbelwoi-Fans Hessens war die Entscheidung längst überfällig.
Vorgeschlagen wurde die Apfelweintradition übrigens vom Apfelwein-Centrum Hessen. Bis zur Entscheidung dauert es dann ein wenig. In komplexen und sehr ernsten Auswahlverfahren wird von der Kulturministerkonferenz gemeinsam mit der Kulturbeauftragten der Bundesregierung entschieden, ob der Vorschlag in die Liste aufgenommen wird.

Auf den Spuren des Apfelweins

In Hessen, genauer in Frankfurt, tauchte er erstmals um das Jahr 1600 auf. Ursprünglich war der „Ebbelwoi“ ein Getränk für das gemeine Volk, da es im Gegensatz zu Traubenwein recht günstig war. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckt das gehobenere Bürgertum den „Most“ für sich und macht ihn zum Kultgetränk. Schon die alten Römer und Griechen stellten Wein aus Äpfel und Birnen her. Ähnlich wie beim deutschen Bier-Reinheitsgebot wurde bereits 1638 eine Reinhaltungsbestimmung festgelegt, die bis heute gilt. 

Er wurde. Sehr zur Freude auch von Nina Löwer aus Argenstein. Sie richtet mit ihrer Burschen- und Mädchenschaft in Argenstein jährlich ein populäres Apfelweinfest aus. „Das ist schon eine ganz besondere Überraschung für uns, dass der Apfelwein nun zum Kulturerbe gehört. Bei uns hat er eine feste Tradition.“

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von Larissa Pitzen