Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Michelbachs großer Tag
Marburg Michelbachs großer Tag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:21 18.05.2022
Peter Wagner (vorne links) erläuterte der Kommission von „Unser Dorf hat Zukunft“ anhand von Schautafeln die Geschichte von Hof Wagner.
Peter Wagner (vorne links) erläuterte der Kommission von „Unser Dorf hat Zukunft“ anhand von Schautafeln die Geschichte von Hof Wagner. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Michelbach

Schon von Weitem ist der Gesang zu hören. „Anytime You Need A Calypso“ schmettert der Singkreis, als die Jury des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ an der Michelbacher Kulturscheune ankommt.

An vielen Ecken des Marburger Stadtteils erklingen an diesem Dienstagnachmittag Lieder, die Kindergartenkinder, die Sternsinger, der Männergesangverein „Einigkeit Michelbach“ und der Chor „ConJazz“ singen. Es ist der Tag, auf den Michelbach lange gewartet hat: Endlich kann sich das Dorf mit seinen vielfältigen Vereinen und Zukunftsprojekten präsentieren.

„Wir sind historisch ein sehr alter Stadtteil“, erklärt Ortsvorsteher Peter Aab den sechs Jury-Mitgliedern bei der Begrüßung mit Blick auf die urkundliche Ersterwähnung im Jahr 817, 400 Jahre vor der Stadt Marburg. „Dennoch sind wir ein junggebliebener Ort.“

Eine Henne, ein Hahn und ein Pferd beteiligt

Wie lebendig das Dorf ist, zeigen an diesem Nachmittag an neun Stationen mehr als 200 Michelbacherinnen und Michelbacher – von Kleinkindern bis zu Rentnerinnen und Rentnern. Außerdem sind eine Henne, ein Hahn und ein Pferd beteiligt. Die Jury-Mitglieder machen sich eifrig Notizen und stellen Nachfragen. Schließlich geht es darum, ob Michelbach im Wettbewerb mit anderen Dörfern mit seinen Zukunftsideen punkten kann.

Der Ablauf der Stationen sei eine „Zeitschiene“, erklärt Bernd Geiler, der als „Klingel-Bernd“ die Gäste durch den Ort führt: Aus dem alten Ortskern geht es nach Michelbach-Nord und schließlich zur Grundschule, wo Kinder in einem Film sagen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. „Wir haben nur zwei Stunden Zeit, wir können Ihnen nur die Highlights zeigen“, sagt Dr. Martin Kaminski, Vorsitzender des neuen Vereins „Unser Michelbach“.

Zu den Highlights im Dorf gehört, wie die Michelbacher aus alten Gebäuden etwas Neues machen. Etwa die Kulturscheune, Sitz des Vereins Kulturcafé Michelbach. Wenige Schritte weiter erklärt Baldur Heit, der als „Kümmerer“ Leerstände im Dorf verhindern soll, wie zwei alte Höfe modernen Bedürfnissen angepasst worden sind.

Bevor es weiter zur „Offenen Kirche“ geht, kommen die Gäste und ihre Begleiterinnen und Begleiter auf einen Markt, der an den traditionellen Martinsmarkt angelehnt ist. Es gibt Handarbeiten, Kunstwerke und Leckereien aus Michelbach.

Am Gemeindehaus dreht sich alles darum, was Vereine und Initiativen dafür tun, dass sich alle Menschen im Ort wohlfühlen – von der Jugendarbeit des CVJM über die Seniorengruppe „Omis Kaffeeklatsch“ bis zur Flüchtlingsinitiative. „Gute Nachbarschaft und Integration wird von uns schon immer praktiziert“, sagt Ortsvorsteher Aab, während die Gruppe in Richtung Michelbach-Nord weitergeht.

Auch die beiden Ortsteile, zwischen denen das „Ewige Tal“ liegt, sollen durch den Kunst- und Kulturweg zusammenwachsen. An dem Grünstreifen liegt auch die Hessenwiese mit regionalen Obstsorten aus dem Bundesland. Hier erfahren die Gäste, wie wichtig den Michelbachern Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind.

TSV wünscht sich eine Sporthalle

Die Nähe zur Natur ist einer der Gründe, warum viele Michelbacherinnen und Michelbacher gerne in ihrem Dorf leben. Am Lindenplatz in Michelbach-Nord sind einige Antworten auf eine entsprechende Umfrage im Ort zu lesen und zu hören – unter anderem von Kindern. „Ich lebe gern in Michelbach, weil es hier so grün ist, weil die Grundschule im Ort ist und viele Freunde hier sind“, erklärt Lotta den Gästen.

Zur Sprache kommt an diesem Nachmittag aber auch, wo die Ortsansässigen Verbesserungsbedarf sehen: Zum Beispiel die Verkehrssituation im Ort und die fehlende Sporthalle, deren Bau Heiner Heinzmann mit Nachdruck fordert, während im Hintergrund Jugendliche des TSV auf dem Fußballplatz spielen. Angesichts der hohen Steuerzahlungen durch die Firmen am Pharma-Standort müsse die Stadt doch genug Geld für die lange versprochene Sporthalle haben, meint Heinzmann.

Am Ende sind die zwei Stunden zu knapp, um der Jury alles zu zeigen, was Michelbach zu bieten hat – obwohl der Rückweg ins Dorf mit der Marburger Schlossbahn etwas schneller geht. „Ich bin jetzt der Spaßverderber“, bedauert der Jury-Vorsitzende Stefan Cichosz, als er an der Grundschule nach einer kurzen Vorstellung der Feuerwehr erklärt, dass alles Weitere aus Fairness-Gründen nicht mehr in die Bewertung einfließen werde.

Die Jury bleibt trotzdem noch einige Zeit auf dem Schulhof, wo hunderte Menschen ihr Dorf feiern, und zum Schluss gibt es von Cichosz noch ein Lob für alle Beteiligten: „Das war wirklich ein volles Programm – so haben wir das noch nicht erlebt.“

Der Wettbewerb

Beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ geht es um bürgerschaftliches Engagement, Ideen und Projekte zur zukunftsfähigen Entwicklung der Dörfer.

In die Bewertung der Dörfer fließen laut dem Hessischen Umweltministerium sowohl das Erscheinungsbild von Dorf und Landschaft, als auch die soziale und kulturelle Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie Angebote und Selbsthilfemaßnahmen ein. Teilnahmeberechtigt sind Orte bis 3.000 Einwohner mit überwiegend dörflichem Charakter.

Für den 37. Wettbewerb haben sich in Hessen 85 Dörfer angemeldet. Die regionalen Sieger sollen am 27. Mai feststehen, am 9. Juli soll die Preisverleihung sein. Aus den Regionalsiegern werden später die Landes- und Bundessieger gekürt.

Von Stefan Dietrich

18.05.2022
18.05.2022