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Marburg Uni nutzt historisches Gebäude länger
Marburg Uni nutzt historisches Gebäude länger
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07:00 25.01.2018
Die Universität nutzt das Kugelhaus noch länger als zunächst geplant. Foto: Manfred Hitzeroth
Die Universität nutzt das Kugelhaus noch länger als zunächst geplant. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

„Wir sind ein bisschen enttäuscht“, sagte Pfarrer Franz Langstein auf Anfrage der  OP. Bereits seit November vergangenen Jahres wissen die Verantwortlichen der Marburger Kugelkirchengemeinde, dass die Philipps-Universität das historische Gebäude nicht zum Jahreswechsel räume und dass sich der Auszug um rund anderthalb Jahre verzögere.

An den Plänen der katholischen Kirche, das Kugelhaus zu erwerben und danach teilweise selber zu nutzen, habe sich jedoch nichts geändert, betonte Langstein im Gespräch mit der OP. Die Nutzung des Kugelhauses für Gemeinderäume würde uns sicher voranbringen“, sagte­ Langstein. Dennoch werde die Gemeindearbeit zwischenzeitlich trotzdem weitergehen. „Wir haben uns eingerichtet“, betonte der Pfarrer.

Die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause teilte auf OP-Anfrage mit, dass sich das Leerräumen des Kugelhauses durch die Universität verzögert habe. Das liege­ daran, dass das Ersatzquartier für die Motologen, die noch im Kugelhaus residieren, noch nicht fertig saniert sei.

Momentan geht die Präsidentin davon aus, dass der Auszug der Motologen aus dem Kugelhaus erst Mitte 2019 erfolgen kann. Der ursprüngliche Plan der Uni-Leitung hatte den Auszug zum Jahreswechsel 2017/2018 vorgesehen. ­Bereits seit einigen Jahren wird hinter den Kulissen um einen Verkauf des Kugelhauses verhandelt, das seit Jahrhunderten von der Universität genutzt wird (die OP berichtete). Im Zuge der Campus-Planungen war schon seit mehr als zehn Jahren klar, dass die Philipps-Universität das im Landesbesitz befindliche ­Gebäude abgeben möchte. Bereits im Jahr 2014 sind die Völkerkundler inklusive der Völkerkundlichen Sammlung aus dem Kugelhaus ausgezogen und in ein neues Gebäude im „Campus Firmanei“ umgezogen.

Hessisches Finanzministerium entscheidet

Da das Kugelhaus nicht zum Besitz der Universität gehört, entscheidet das hessische ­Finanzministerium, wie nach einem Auszug der Uni weiter mit dem Gebäude verfahren werde. Bereits seit 2009 gibt es auf jeden Fall einen ernsthaften Kaufinteressenten und zwar die ­Katholische Kirche. Schon vor einigen Monaten lag nach OP-Informationen ein unterschriftsreifer Vertrag vor. Demzufolge würde das Gebäude für 800 000 Euro verkauft werden. „Die Kirchenleitung in Fulda hat uns aber geraten, nach einem Kauf nicht das ganze Haus zu nutzen“, sagte Langstein damals. Der Plan  lautete so, dass die Kirchenverantwortlichen nach einem Erwerb einen Teil des Kugelhauses in Erbpacht an einen Investor vergeben würden, möglicherweise für eine­ Teilnutzung als Studentenwohnheim in der Oberstadt.

Dann würde die Kugelkirchengemeinde aber immer noch einen­ Teil des Hauses für Gemeinde­zwecke nutzen. Dort könnten­ sich dann Chöre oder Kindergruppen treffen, die derzeit noch unter eher beengten Verhältnissen Räume im rund 200 Meter von der Kirche entfernten Pfarrhaus in der Ritterstraße nutzen. Das Kugelhaus liegt direkt neben der Kugelkirche in der Kugelgasse. Das 1491 fertiggestellte, spätgotische Haus wurde im Auftrag des Ordens „Brüder zum gemeinsamen ­
Leben“ (Kugelherren) errichtet.­ Der seit 1476 in Marburg ansässige Orden wurde in den Niederlanden begründet.

Im Zuge der Reformation wurde auch der Orden aufgelöst und seine Gebäude säkularisiert. Das Kugelhaus diente zunächst als Altenwohnsitz für ehemalige Mönche und ging später in den Besitz der 1527 gegründeten Universität über und wurde säkularisiert. Ab 1546 war im Kugelhaus eine Stipendiatenanstalt für Studenten.

Ab 1653 wurden in dem Haus Wohnungen für Professoren eingerichtet. Von 1853 an beherbergte das Kugelhaus das Amtsgericht, ab 1894 das Seminar für Historische Hilfswissenschaften, 1922 das Seminar für mittelalterliche Geschichte, von 1929 bis 1966 das Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden und ab 1971 das Völkerkundliche Seminar und die Völkerkundliche Sammlung der Uni.

von Manfred Hitzeroth