Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Uni-Türme an der Stadtautobahn sollen stehenbleiben
Marburg Uni-Türme an der Stadtautobahn sollen stehenbleiben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 21.01.2022
Die Philosophische Fakultät (Phil-Fak) der Philipps-Universität Marburg in der Wilhelm-Röpke-Straße.  Die zwei Türme der Universität sollen saniert werden. Dort könnten Studentenwohnungen entstehen.
Die Philosophische Fakultät (Phil-Fak) der Philipps-Universität Marburg in der Wilhelm-Röpke-Straße.  Die zwei Türme der Universität sollen saniert werden. Dort könnten Studentenwohnungen entstehen.  Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

„Die Uni-Türme werden gesprengt“: So lautete die Überschrift über einen Aprilscherz der OP in der Ausgabe vom 1. April 2014, in der die kurzfristige Sprengung der „geisteswissenschaftlichen Türme“ an der Stadtautobahn angekündigt wurde, die der Veranstaltungshalle „Philipps-Arena“ weichen sollten.

Aber was passiert wirklich mit den Türmen, wenn die derzeitigen Nutzer der „Philosophischen Fakultät“ in den „Campus Firmanei“ rund um den Pilgrimstein umgezogen sind?

Die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause machte im Uni-Senat jetzt deutlich, dass die Planspiele realistisch gesehen nicht vor 2031 beginnen könnten, wenn das Landes-Hochschulbauförderprogramm „Heureka III“ ausläuft. Denn frühestens zu diesem Zeitpunkt könnte sich der Campus Firmanei der Vollendung nähern.

Schon Gedanken machen, was ab 2031 passiert

Und erst wenn alle geisteswissenschaftlichen Fächer aus den Türmen in den Firmanei-Campus in der Innenstadt umgezogen wären, könne weiter überlegt werden, wie es in dem Areal zwischen dem Parkplatz der alten Uni-Bibliothek und dem Gebäude des Schwesternwohnheims weitergehen könne.

Man müsse aber jetzt schon anfangen, sich Gedanken zu machen, was mit dem Areal nach 2031 passiere, erläuterte die scheidende Uni-Präsidentin. Und deswegen habe die Uni-Leitung nach Absprache mit dem hessischen Wissenschaftsministerium beim Architekturbüro Ferdinand Heyde eine städtebauliche Studie für das Areal in Auftrag gegeben. Die Kernpunkte der daraus resultierenden Vorschläge stellte Krause den Senatsmitgliedern vor.

Das Wichtigste: Die großen Uni-Türme sollen erhalten bleiben. Allerdings sollten sie zunächst vollständig entkernt werden, so dass nur das Betongerüst erhalten bleibt. Die Gebäude seien zwar mehr als 50 Jahre alt. Im Unterschied zu den nach dem „Marburger System“ errichteten Uni-Bauten auf den Lahnbergen sei die Grundsubstanz der Bauten eigentlich gut, betonte die Uni-Präsidentin. Die senkrechten und horizontalen Betonteile befänden sich in einem guten Zustand.

Die Türme seien also prinzipiell gut geeignet für eine weitere Nutzung, eventuell für studentisches Wohnen, erklärte Krause. Zudem habe die Uni-Leitung lange darüber nachgedacht, welche Bedarfe die Marburger Universität rund um die Türme haben werde. Zusammengefasst worden seien die Ideen unter dem Stichwort „Campus-Insel 2040“.

Ein Update zu den Planungen kommt im Sommersemester

Das bedeute allerdings nicht, dass die gesamte Neugestaltung des Areals erst 2040 beginnen könne. Der Zeitpunkt sei nur erst einmal gesetzt, damit etwas vorangehe und die Universität wisse, in welche grundsätzliche Richtung in den kommenden Jahrzehnten geplant werde. So müsse beispielsweise klar sein, in welchen der Türme zwischenzeitlich noch mehr in Brandschutz oder Haustechnik investiert werden solle.

Ein Update über die aktuelle Zeitleiste der Planungen für den Auszug weiterer geisteswissenschaftlicher Institute aus den Türmen will die Uni-Leitung dem Senat im Sommersemester vorstellen, kündigte Krause an. Der genaue Zeitplan hänge auch jedes Jahr von der Freigabe der aktuellen „Heureka“-Millionen ab, wobei die Philipps-Universität immer auch im Wettbewerb mit den anderen hessischen Hochschulen stehe.

So gebe es zwei Einrichtungen der Universität, die auf dem Areal Platz finden könnten. Die Präsidentin nannte das Studienkolleg Mittelhessen, das seinen Sprachunterricht für potenzielle ausländische Studierende zur Zeit teilweise immer noch provisorisch in Containern neben den Uni-Türmen anbiete. Die zweite Institution, die ihren Platz auf dem Areal finden könnte, sei das Uni-Institut für Bildende Kunst, das derzeit noch an den beiden Standorten in der Gutenbergstraße sowie in der ehemaligen Uni-Wäscherei stationiert ist.

Es fehle in Marburg bisher auch ein Platz für ein Studentenhaus, in dem auch nachts laute Musik gespielt werden könne und in dem es einen großen und eventuell selbstverwalteten Raum für Feten und Konzerte gebe. Auch dieses könne auf dem Areal rund um die Türme seinen Platz finden, kündigte Krause eine mögliche weitere Nachnutzung an.

Mögliche spätere Nutzer

sind schon im Gespräch

Zudem könnten zwei Landes-Institutionen in dem Areal ihren Platz finden:

So gibt es derzeit Planungen für ein zentrales Funddepot für Archäologie in Hessen. Zwar favorisieren die Landes-Archäologen dafür momentan ein Depot in der Region Wiesbaden. Jedoch müsste dafür noch ein Grundstück angekauft werden. Die Marburger Idee könnte sich als Plan B anbieten. Der Vorteil in Marburg: Das Areal an der Stadtautobahn befindet sich im Landesbesitz. Errichtet werden könnte so ein Gebäude auf dem Platz vor dem Schwesternwohnheim.

Einen weiteren konkreten Plan gibt es für den Silberwürfel der alten Uni-Bibliothek, der momentan von der Uni-Bibliothek als Mieter genutzt wird und in dem während des Umbaus des Savigny-Hauses in den kommenden Jahren zwischenzeitlich Mitarbeiter des Fachbereichs Jura sowie die Jura-Bibliothek ihr Domizil bekommen sollen. Wenn die Juristen wieder ausgezogen sind, dann könnte die alte UB der ideale Standort für ein zentrales hessisches Landesarchiv sein, meint die Präsidentin.

Aber auch für die Planungen der Stadtpolitik könnten sich auf dem Uni-Areal an der Stadtautobahn interessante Perspektiven ergeben. Konkret gesagt geht es dabei zunächst vor allem um den Parkplatz der ehemaligen UB direkt neben dem Silberwürfel. „Das Land wäre bereit, den UB-Parkplatz an die Stadt Marburg abzutreten, damit die Stadt dann dort einen zentralen Verkehrsknotenpunkt errichten könnte“, deutete die Uni-Präsidentin an. Noch seien jedoch nicht alle rechtlichen Probleme geklärt.

Dieser sogenannte „Mobility-Hub“ wird seit Jahren in der Marburger Kommunalpolitik von einer breiten Mehrheit im Stadtparlament favorisiert. Angedacht ist die Errichtung eines mehrstöckigen Parkdecks sowie eines Haltepunktes, eventuell sogar mit Anbindung an die Bahnlinie.

Krause kündigte an, dass es zum Thema einer möglichen Neugestaltung des Uni-Areals im Herbst einen Workshop geben werde.

Dafür sei analog der Planungen für den Campus Firmanei in der Innenstadt einerseits eine Bürgerbeteiligung geplant, und andererseits hofft die Präsidentin auch auf eine breite Beteiligung aus der Universität.

Die Türme an der Stadtautobahn

Fertiggestellt wurden die „geisteswissenschaftlichen Türme“ an der Stadtautobahn nach dreijähriger Bauzeit im November 1967. Das Ziel war es damals, auf den Studentenboom an der Marburger Universität Ende der 1960er-Jahre zu reagieren und die zuvor an unterschiedlichen Stellen in der Stadt untergebrachten Gebäude der Geisteswissenschaften an einem Standort zu zentralisieren.

Es sei „das größte Bauwerk der Universität nach dem Krieg“, hieß es anlässlich der Eröffnung in einer Beilage in der Oberhessischen Presse. Der gesamte Gebäudekomplex, bestehend aus einem Bibliotheksgebäude, einem Schwesternwohnheim sowie vier Hochhäusern und zwei dreigeschossigen Gebäuden mit kleinerem Grundriss sei verbunden durch eine eingeschossige Halle, berichtete damals die OP. Parallel wurde im November 1967 auch noch die neue Uni-Bibliothek direkt neben den Türmen eingeweiht.

„Das ist ein großes Areal, das auch Begehrlichkeiten weckt“, sagt die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause. Allerdings sei es auch schwierig beplanbar. Denn man müsse bis auf weiteres von der Existenz der Stadtautobahn als vierspuriger Schnellstraße sowie der Bahnstrecke ausgehen, auch wenn es in der Stadt immer noch den Traum gebe, irgendwann den Autoverkehr an dieser Stelle zu reduzieren.
Die Uni-Türme der Philosophischen Fakultät stehen nicht unter Denkmalschutz.

Einen Abriss, der zudem ebenso mit großen Kosten verbunden wäre, favorisiert die Uni-Präsidentin trotzdem nicht. Wenn man davon ausgehe, dass die Stadtautobahn weiter in ihrer Funktion genutzt werde, sei es sinnvoll, diese vertikalen Gebäude-Elemente als markante Punkte im Stadtbild weiter zu erhalten, merkt Krause an.

In der von der Uni-Leitung in Auftrag gegebenen städtebaulichen Studie ist auch eine Neugestaltung der Wege einbezogen. So könnte beispielsweise ein breiter Radweg an der Wilhelm-Röpke-Straße direkt an den Türmen entstehen ebenso wie eine bessere Anbindung für Fußgänger und eventuell auch Radfahrer von der Kurt-Schumacher-Brücke hin zum alten UB-Parkplatz und auch eine angenehmere und barrierefreie Gestaltung der Unterführung in Richtung der Türme.

Von Manfred Hitzeroth