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Marburg „Virus ist schneller als Verordnungen“
Marburg „Virus ist schneller als Verordnungen“
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20:00 25.01.2021
Adrienne Gilkes, Mitarbeiterin der US-Firma Regeneron, pipettiert Zellkulturmedien. Das Biotechnologie-Unternehmen stellt einen experimentellen Antikörper-Cocktail gegen Covid-19 her.
Adrienne Gilkes, Mitarbeiterin der US-Firma Regeneron, pipettiert Zellkulturmedien. Das Biotechnologie-Unternehmen stellt einen experimentellen Antikörper-Cocktail gegen Covid-19 her. Quelle: Foto: Regeneron Pharmaceuticals Inc/dpa
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Marburg

Die OP sprach mit dem Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Marburg, Professor Harald Renz, über den Einsatz von Antikörper-Medikamenten, die neuen Corona-Virusmutanten sowie Selbsttests.

Wie wirkt das Antikörper-Medikament, das jetzt in deutschen Kliniken zum Einsatz kommen soll?

Es handelt sich dabei um zwei Produkte: um REGN-COV2 sowie das Mittel Bamlanivimab des US-Pharmakonzerns Eli Lilly. Im Detail unterscheiden sich die beiden Medikamente, das Wirkprinzip ist aber das gleiche: Es handelt sich um Antikörper, die direkt gegen das Virus gerichtet sind. Sind die Antikörper einmal an das Virus gebunden, kann es nicht mehr in die Schleimhaut eindringen und sich vermehren.

Bei welcher Patientengruppe ist der Einsatz sinnvoll?

Der springende Punkt bei diesem Therapieansatz: Man muss sehr früh damit kommen, und zwar in der Zeitspanne zwischen tatsächlicher Infektion und dem Zeitpunkt, in dem der Körper selbst Antikörper bildet. Diesen Zeitraum von sieben bis zehn Tagen gilt es zu überbrücken.

Wer Symptome hat und ein positives Schnelltestergebnis, sollte sofort mit der Antikörpertherapie beginnen. Es sind keine Medikamente für Patienten, die schon eine Woche lang Corona mit Symptomen haben – dafür wurden die Medikamente auch nicht getestet.

Wo wurden sie denn getestet?

Eli Lilly hat das Antikörper-Medikament bei Mitarbeitern und Bewohnern von Altenheimen getestet und nicht bei Patienten in Kliniken.

Könnte die Entscheidung Spahns, die Antikörper-Medikamente an Unikliniken zu geben, damit zusammenhängen, dass sie in Europa noch gar nicht zugelassen sind?

Wir kennen die Motivationslage des Bundesgesundheitsministers nicht, aber der Umstand, dass es noch keine Zulassung gibt, könnte in der Tat ein Beweggrund sein. Noch einmal ganz deutlich: Die Gabe von Antikörpern ist kein Therapieansatz für schwere Fälle, mit denen wir es in den Unikliniken zu tun haben.

Sprechen wir über „B 1.1.7“ und die ganzen anderen Mutationen des Corona-Virus: Hat Kanzleramtschef Helge Braun recht, wenn er sagt, dass diese Mutation zur „dominanten Form“ werden wird?

Das Virus mutiert von Anfang an, es gibt hunderte von bereits beschriebenen Mutanten, von denen die meisten allerdings keinen Einfluss auf die tatsächliche Gefährlichkeit des Virus haben.

Die britische Variante kennen wir seit September 2020, das ist nicht wie ein Silvesterfeuerwerk über uns hereingebrochen. Dann ist da noch die südafrikanische, eine dänische und eine brasilianische Mutante und die breiten sich natürlich auch aus. Mich wundert immer wieder, dass die Menschen das als Überraschung sehen. Das Problem ist, dass bei der Sequenzierung nicht nachgezogen wurde: Warum werden nur fünf Prozent der Positivtests auf die Virusvariante untersucht? Das Virus ist schneller als unsere Verordnungen, wir müssen testen, identifizieren, isolieren – und zwar nicht nur bei jedem 20. Fall.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Kinder sich mit der neuen Virus-Variante B 1.1.7 leichter infizieren als Erwachsene und sie dementsprechend auch leichter weitergeben?

Diese Hypothese ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass man beobachtet hat, was in Kindertagesstätten oder Schulen passierte, als dort massenhaft Infektionen mit einer der neuen Mutanten auftraten. Das sind dann natürlich Milieus, in denen sich das Virus entsprechend schneller verbreitet. Wir gehen davon aus, dass die Mutanten ansteckender sind, dass weniger Viren für eine Infektion nötig sind. Wenn Sie im Supermarkt jemanden vor sich haben, der mit der neuen Virusvariante infiziert ist und Sie anniest, ist es also wahrscheinlicher, dass Sie sich anstecken, als wenn die Person die ältere Virusvariante in sich trägt.

Was ist von Schnelltests für zuhause zu halten? Gibt es welche, die von Laien so bedient werden können, dass die Testergebnisse zuverlässig sind?

Nein, die gibt es noch nicht. Zurzeit werden Speicheltests entwickelt, aber bisher dürfen die Tests mit Nasen- und Rachenabstrich aus gutem Grund nur an medizinisches Fachpersonal abgegeben werden und nicht an die Allgemeinbevölkerung. Ich bin kein Freund von Selbsttests und bin jetzt schon sicher, dass wir damit viele falsche negative Testergebnisse bekommen werden.

Von Carsten Beckmann