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Marburg Uni gibt Okay für US-Militär-Forschung
Marburg Uni gibt Okay für US-Militär-Forschung
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07:59 25.06.2019
Forschung für Zwecke des US-Militärs? Der Fachbereich Biologie an der Uni Marburg stand vor einigen Jahren bereits im Fokus. Nun gibt es erneut Hinweise auf Kooperationen zwischen Marburger Forschern und dem Pentagon – am Fachbereich Physik. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Hinter der Finanzierung der Forschungsprojekte­ „Mathematical Methods For ­Inverse Ill-Posed Problems And Applications“ und „(Bri) Development And Experimental­ Realization Of Semiconductor Lasers Under Non-Equilibrium Operating Conditions“ steckt laut US-Haushaltsdaten das Pentagon.

Laut US-Projektbeschreibungen gehe es bei der Drittmittelvergabe um Grundlagenforschung, „die mit der Verbesserung von Armeeprogrammen oder -operationen zusammenhängt oder ein Potenzial dazu hat“. Die Projekte­ ­
 liefen nach Recherchen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ zwischen 2015 und 2017.

Die Philipps-Uni bestätigt die Förderung – allerdings habe­ es die Gesamtsumme von 
275.000 US-Dollar nur für ein Vorhaben, das Laser-Projekt gegeben. Das Mathematik-Projekt sei „nicht an der Philipps-Universität angesiedelt“.

Uni sieht Grundlagenforschung

Demnach sei für eine Arbeitsgruppe von Professor Wolfgang Stolz (Materialforschung, Halbleiter­epitaxie) die Förderung in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, 2015 bis 2016 und 2016 bis 2017, ausgezahlt worden: Gefördert ­wurde die Grundlagenforschung vom Air Force Office of Scientific Research (AFOSR).

Die Uni erklärt den Inhalt der Forschung so: In dem Projekt gehe es um Grundlagenforschung zu Halbleiterstrukturen in Zusammenarbeit mit dem Optical Science Center in Tucson (Arizona/USA), im Rahmen einer Basic Research Initiative (BRI). An der Philipps-Uni wurden „auf der Grundlage theoretischer Modellierungen aus Tucson Halbleiterstrukturen hergestellt mit der Fragestellung, wie kurz Halbleiter-Laser gepulst werden können“.

Kritik gab's bereits im Jahr 2013

Der Aufbau und die Charakterisierung der konkreten Laser sei wiederum außerhalb Marburgs, am Optical Science Center, erfolgt. Anwendungsgebiete seien Spektroskopie-Anwendungen sowie Anwendungen in der Medizin. Insgesamt wurden aus den Projektarbeiten zehn Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert, es gebe keinerlei Veröffentlichungsbeschränkungen.

Bereits im Dezember 2013 wurde ein vom US-Verteidigungsministerium finanziertes Forschungsprojekts in Marburg bekannt: Der Biologie-Professor Uwe Homberg führte zwischen 2010 und 2011 Untersuchungen durch, welche Rückschlüsse von der nächtlichen Flugfähigkeit von Heuschrecken auf das nächtliche Flugverhalten von unbemannten Drohnen gezogen werden sollte (siehe Kasten). Förderung: Etwa 65.000 Euro, somit deutlich weniger Geld als die beiden nun bekannt gewordenen Projekte.

OP-Berichte

Artikel aus der damaligen Diskussion:

25.11.2013 Pentagon finanzierte Forschung der Uni Marburg

26.11.2013 Linke kritisiert Uni für Rüstungsforschung

17.12.2013 Pro und Contra Zivilklausel

31.01.2014 Politiker geißeln Drohnen-Forschung in Marburg

22.04.2014 Die neue Generation mischt mit

19.12.2014 Gegen Missbrauch der Forschung

08.04.2016 Selbstkontrolle gegen Waffenforschung

Das Präsidium der Universität Marburg war nach eigenen Angaben nicht über dieses Forschungsprojekt informiert:

Uni-Präsidentin Katharina Krause hätte trotz der Ausrichtung auf Grundlagenforschung aufgrund der klar militärisch ausgerichteten Erwartung seitens des Mittelgebers dringend davon abgeraten, das Projekt zu verfolgen, hieß es damals auf OP-Anfrage.

Bindend sei ein solcher Rat jedoch nicht, schließlich garantiere Artikel fünf des Grundgesetzes die Forschungsfreiheit.

Entgegen der Forderungen eines studentischen „Arbeitskreises Zivilklausel“ stellte sich der Uni-Senat in der Folge gegen ­eine Regelung mit Verbotscharakter.

Auch eine „Negativliste“, die etwa Verteidigungsministerien oder Rüstungsfirmen enthält, wurde durch das Gremium mehrheitlich abgelehnt. Stattdessen wurden „intentionsleitende Richtlinien“ erarbeitet und verabschiedet.

Spannungsfeld zwischen Nutzen und Risiko

Diese Richtlinien sollen Forscher vor allem dafür sensibilisieren, dass sie mit ihren Forschungen nicht zur Vorbereitung oder Führung eines Krieges beitragen. Dabei wird in den Grundsätzen darauf hingewiesen, dass die Wissenschaftler in einem komplexen Spannungsfeld von Nutzen und Risiken unter anderem dem Wohl der Menschheit sowie dem Schutz der Umwelt verpflichtet seien und eine Schädigung von schutzwürdigen Gütern soweit wie möglich verhindern sollten.

Ein besonderes Augenmerk sollten die Forscher den Richtlinien zufolge auf die mögliche Gefahr legen, dass neutrale oder nützliche Forschungsergebnisse zu schädlichen Zwecken missbraucht werden könnten (Dual-Use-Problematik).

„Im Einvernehmen mit der Hochschulleitung“

Eine hochschulinterne Kommission, die aus vier Professoren aus unterschiedlichen Fachgebieten sowie jeweils einem Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter, der nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studenten besteht, soll die Einhaltung überwachen. Diese Kommission muss laut Uni-Angaben stets darüber informiert werden, wenn Gremien wie ­Dekanate oder Fachbereichsräte über ein „zweifelhaftes Forschungsvorhaben“ diskutieren.

Bei dem nun für Aufsehen sorgenden Laser-Projekt von Professor Stolz seien die Grundsätze berücksichtigt worden und „im Einvernehmen mit der Hochschulleitung entschieden worden“, dass die Forschung durchgeführt werden könne.

Asta fordert weiterhin Zivilklausel

Der Asta ist nach eigenen ­Angaben „erschrocken, jedoch nicht überrascht“, dass an der Uni weiterhin Militärforschung geduldet und gefördert werde.­ „Die Universität ist mehr als nur eine bloße Ausbildungsstätte. Sie dient der Gesellschaft in der Pflege und Entwicklung der Wissenschaft durch Forschung, Lehre und Studium sowie durch Vermittlung wissenschaftsbezogener Berufsqualifikation.

Durch die hohe und stetig steigende Zahl an akademischen Absolventen ist die Uni nicht bloß zum Multiplikator, sondern auch zum aktiven Mitgestalter von gesellschaftlichen Impulsen und Normvorstellungen zu den Themengebieten Krieg und Militär geworden“, sagt Luisa­ Bischoff, Asta-Vorstand auf OP-Anfrage. Die Studentenvertretung fordert – in Anlehnung an vergangene Urwahlen – die Hochschule auf, „aktiv gegen Militärforschung vorzugehen“ und eine Zivilklausel einzuführen.

Schon bei den Hochschulwahlen im Jahr 2017 stimmten bei einer Urabstimmung 80 Prozent für die Einführung einer echten Zivilklausel.

von Björn Wisker 
und Tobias Kunz