Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Parallelen in der Forschung: erst Ebola, jetzt Corona
Marburg Parallelen in der Forschung: erst Ebola, jetzt Corona
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:39 31.08.2020
Impfstoff-Suche: In Marburg ist bereits ein Ebola-Vakzin mit-entwickelt worden. Das soll jetzt auch bei Corona gelingen.
Impfstoff-Suche: In Marburg ist bereits ein Ebola-Vakzin mit-entwickelt worden. Das soll jetzt auch bei Corona gelingen. Quelle: dpa
Anzeige
Marburg

Während die letzten Vorbereitungen für den im September beginnenden klinischen Test des Corona-Impfstoffs auch in Marburg laufen, hat sich ein anderes von den Philipps-Uni-Virologen mitentwickeltes Vakzin in der Praxis bewährt: der Ebola-Impfstoff.

Die Oberhessische Presse skizziert, wie den Forschern das gelungen ist, wie es mit der Krankheit in Afrika aktuell aussieht und wie der Stand beim möglichen Covid19-Impfstoff ist.

Als Anfang 2014 in Guinea Ebola ausbrach, ahnte niemand, dass es die größte Fieber-Epidemie seit der Entdeckung des Erregers im Jahr 1976 werden würde. Bis 2016 forderte das Virus in mehreren westafrikanischen Ländern rund 12 000 Todesopfer – also fast die Hälfte aller 28 000 Infizierten.

Wegen der Opferzahlen und der schnellen, so bei Ebola noch nicht gesehenen Ausbreitung, forcierte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Entwicklung eines Impfstoffs – und das Marburger Wissenschaftler-Team um Virologie-Professor Stephan Becker stieg in die Suche nach einem Mittel ein, landete letztlich mit „rVSV-ZEBOV“ ganz vorn.

Ebola-Vakzin ist auch in Europa zugelassen

Becker initiierte dafür eine klinische Studie zur Testung eines von dem ehemaligen Marburger Virologen Heinz Feldmann bereits im Jahr 2000 entwickelten Impfstoffs. Dieser wurde Ende 2014 erst erfolgreich an Tieren, dann binnen sechs Monaten an 30 Freiwilligen getestet – wie bei der bevorstehenden Covid-19-Studie geschah das am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

In Marburg wurde dann im Rahmen der Studie untersucht, ob die Versuchsteilnehmer die richtige Immunreaktion entwickeln. Und das tat sie. Die dritte und letzte Studienphase zwischen März und Mai 2015 zeigte: 4 000 Menschen, die sich in Guinea in engem Kontakt mit dem tödlichen Virus befunden haben, bekamen das Marburg-Mittel verabreicht. Ergebnis: Innerhalb von zehn Tagen ist Vsv-Zebov zu 100 Prozent effektiv.

Mittlerweile ist das Vakzin, das in Westafrika entscheidend zum Ende der Epidemie beitrug und auch bei Ausbrüchen im Kongo seit dem Jahr 2018 eingesetzt wurde, auch in der EU zugelassen. Eben im Kongo, wo mehr als 300 000 Menschen geimpft sind, gibt es seit einigen Wochen zwar wieder Ebola-Infektionen. Die Zahl ist aber gering und die Ausbrüche lokal. Die Arbeitsteilung beim Ebola-Vakzin ist eine Art Vorlage für das Vorgehen beim aktuell gesuchten Covid19-Impfstoff: In Marburg wird das Blut aller vor allem in Hamburg betreuten Probanden unter anderen auf Antikörper untersucht, die im Körper das Virus erfolgreich bekämpfen.

Die Firma IDT Biologika hat für die erste Studienphase 1 000 experimentelle Impfstoff-Dosen hergestellt und an das UKE geschickt. Benötigt würden Experten zufolge weltweit 14 Milliarden Impfstoff-Dosen, das heißt hochgerechnet prinzipiell für jeden Menschen auf der Welt zwei Dosen. Die Vermutung nicht nur von Professor Becker ist die, dass verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Impfstoffe benötigen werden.

Ethikkommission muss noch zustimmen

Das UKE erklärt auf OP-Anfrage das Vorgehen: Die Studie werde voraussichtlich in mehreren frühen Phasen ablaufen, die erste werde Ende September 30 Probanden einschließen und eine zweite sei für 180 bis 700 Probanden – ab 18 Jahren über alle Altersgruppen hinweg – geplant. Die konkrete Auswahl der Teilnehmer, denen der Impfstoff verabreicht werden soll, hing zuletzt nur noch an der Zustimmung der Ethikkommission.

Bei dem in Marburg auf seine Wirksamkeit im menschlichen Körper zu testenden Wirkstoff handelt es sich um ein sogenanntes Modifiziertes Vacciniavirus Ankara (MVA), ein abgeschwächtes Pockenvirus, das als Impfstoffbasis bereits seit langem verwendet wird und dem nun eine corona-spezifische Erbinformation hinzugefügt wurde.

Reagiert das Immunsystem wie gewünscht auf den Impfstoff, dann bildet es Antikörper – und die Marburger Forscher rund um Stephan Becker werden das von allen Menschen demnächst als erstes wissen.

Corona-Impfstoff: So läuft eine Studie ab

Die OP beschreibt, was in den einzelnen Impfstoff-Studien-Phasen passiert.

In Phase I wird der Impfstoff erstmals mit Menschen getestet. Im Fokus stehen Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs sowie seine Fähigkeit, eine Abwehrreaktion hervorzurufen. In der Phase geht es auch darum, die richtige Dosierung grob abzuschätzen. Vorgenommen werden die Tests mit einer kleinen Gruppe gesunder Frauen und Männer, die zwischen 18 und 55 Jahre alt sind. Die Ergebnisse in dieser Gruppe werden mit den Resultaten in einer gleich großen Kontrollgruppe verglichen, die eine Spritze ohne den Impfstoff erhält.Der Impfstofftest beginnt mit einer Startdosis, die auf der Basis vorheriger Tierversuche ermittelt wird. Verträgt der erste Proband die Dosis innerhalb eines Beobachtungszeitraums von wenigen Tagen gut, werden sukzessive weitere Testpersonen, dann auch mit verschiedenen Dosen geimpft. Es folgt pro Person eine sechsmonatige sogenannte aktive Überwachung, um die Wirkungen und eventuellen Nebenwirkungen zu erfassen und um, falls erforderlich, intervenieren zu können. In Phase II wird an mehr Probanden – meist mehrere Hundert – die bestmögliche Dosierung gesucht und bereits gewonnenes Wissen zu Verträglichkeit und Immunreaktion vertieft. Altersstruktur und Kontrollgruppen-Funktion sind ähnlich wie in Phase I. Um zu ermitteln, welche Impfstoffmenge für eine optimale Aktivierung des Abwehrsystems erforderlich ist, teilt man die Versuchspersonen nach einem vorher vereinbarten Schema in Untergruppen auf. Erst wenn die niedrigste unter den festgelegten Dosierungen gut vertragen wurde, erhält die nächste Gruppe eine etwas höhere Dosis. Bei Covid-19-Impfstoffen werden in Phase II oft zwei unterschiedliche Dosierungen getestet, Blutproben untersucht. Üblicherweise dauert diese Phase mehr als zwei Jahre; bei Covid-19-Studien allerdings nur einige Wochen bis wenige Monate.An Phase III nehmen Tausende Freiwillige, die sich in ihrem normalen Alltag mit dem Virus infizieren könnten, teil. Jetzt soll sich erweisen, ob der Impfstoff zuverlässig vor einer SARS-CoV-2-Infektion schützt. Ermittelt wird das abermals mit zwei Gruppen – eine erhält ohne es zu wissen den Impfstoff, die andere in Unkenntnis ein anderes Mittel. Nach der Impfung kehren die Probanden in ihre gewohnte Umgebung zurück. In bestimmten Abständen finden ärztliche und labormedizinische Untersuchungen statt, darunter auch Tests auf eine Infektion mit SARS-CoV-2. Wie gut ein Impfstoff schützt, wird durch den Vergleich von Geimpften und Nicht-Geimpften ermittelt: Wie viele aus jeder Gruppe erkranken trotz Impfung? In einigen Studien soll auch die Schwere einer Covid-19-Erkrankung eine Rolle spielen: Sie untersuchen, ob ein Impfstoff – wenn er nicht perfekt schützt – zumindest Verläufe abmildern kann.

Für eine schnellere Prüfung von Covid-19-Impfstoffen können Phase I und Phase II verbunden, auch einzelne Folgeschritte kombiniert werden. In Deutschland gibt es derzeit drei verschiedene Impfstoffkandidaten. Zwei sind sogenannte mRNA-Impfstoffe und einer – der mit Marburger Beteiligung –ist vektorbasiert. Die mRNA-Impfstoffe sind bei den Tests weiter, befinden sich in der klinischen Phase 2, stehen kurz vor der abschließenden dritten Phase. Gesamtdauer bis zur Zulassung: rund ein Jahr – die erste Corona-Studie begann im Juli.

von Björn Wisker

31.08.2020
30.08.2020
30.08.2020