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Marburg Läutet Corona das Zeitalter der Pendel-Studenten ein?
Marburg Läutet Corona das Zeitalter der Pendel-Studenten ein?
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08:00 09.10.2020
Am Fachbereich Physik in Marburg liefen im Sommersemester trotz Corona die laborpraktischen Übungen. Katharina Gejer (Mitte) mit den Studentinnen Franca Neujahr und Nursultan Öztürk. Doch wird es je wieder eine pulsierende Uni geben, wie vor der Pandemie? Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Digital-Unterricht statt Präsenzlehre, Heim statt Hörsaal, Zoom statt Zentral-Uni: In der Corona-Pandemie wurde sichtbar, wie und was Marburg ohne Studenten ist – aus der pulsierenden Studentenstadt ist zumindest zeitweise das im Volksmund gefürchtete „oberhessische Bergdorf“ geworden. Was, wenn mit dem verstärkten Technikeinsatz in der Lehre, einem Prinzip Fern-Uni künftig die Studenten nicht oder nur noch zum Teil beziehungsweise zeitweise nach Marburg zurückkehren, die Eingeschriebenen-Zahlen der Philipps-Universität von derzeit rund 25 000 einbrechen? Einige Hochschullehrer warnen vor einem „Bedeutungsverlust“ und „Verarmung“ speziell von Städten wie Marburg oder Tübingen. Dystopie oder reales Szenario?

„Ziemlich düster“, sagt Markus Brock als er seinen Blick vom Computer-Bildschirm abwendet und aus dem Fenster schaut. Die dichten Wolken am Himmel färben die Oberstadt grau, der Herbst ist da. Es ist die Zeit, in der tausende Studenten ihre Zusagen für einen Studienplatz an der Philipps-Universität bekommen, sich auf Wohnungssuche begeben und dann ins Wintersemester starten.

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Brock vermittelt Immobilien –und düster ist nicht nur das Wetter oder die Aussichten für Erstsemester auf einen schwungvollen Semesterstart. Vielmehr ist das Angebot an Wohnungen, sei es WG oder eigenes Apartment derzeit so üppig wie lange nicht. In oder um die Innenstadt herum gibt es wenige Wochen vor Uni-Start rund 60 Inserate für Wohnungen zwischen 10 und 50 Quadratmetern; gut für Wohnungssucher, schlecht für Mieterträge, Vermittlungs-Einkünfte. „Die Zeit der steigenden Preise ist gestoppt“, sagt er. In den vergangenen Wochen habe er es in der Häufung erstmals seit Jahren erlebt, dass es nach Auszügen noch nicht sofort Nachmieter gab, dass nicht drei, vier Wochen später eine frei gewordene Wohnung wieder belegt wurde. Ein Zeichen der Zurückhaltung speziell von Studenten, in Zeiten von Digitallehr-Formaten nach Marburg zu ziehen?

Hochschullehrer fordern Rückkehr zur Präsenzlehre

Könnte sein, meinen die Historiker Christian Cwik und Michael Zeuske, die in Bonn und Wien lehren. Sie halten das aktuelle Loblied auf Lehr-Digitalisierung, auf Modelle wie Fern-Unterricht für „gefährlich" – nicht nur für Unis selbst, sondern vor allem für Städte, die von Studenten nicht zuletzt als Wirtschaftsfaktor abhängig sind. Metropolen und Großstädte würden zur Not auch ohne Unis auskommen. "Aber was ist mit Marburg, Tübingen, Weimar, Göttingen und anderen? Das sind die Städte, die verarmen oder in der Bedeutungslosigkeit versinken", so die Forscher mit Blick auf leerere Innenstädte, Geschäfte und Kneipen. Gerade für Mittelhessen gilt: „Andere Städte haben eine Universität, Marburg ist eine Universität.“ Sollte die „alte Uni" nicht zurückkehren, seien sowohl die Dynamik der Städte selbst als auch das außer-universitäre Studentenleben „akut gefährdet", schreiben sie in einem Aufsatz.

Mit System „alte Uni" ist im Kern ein Erhalt der Präsenzlehre, also ein Vor-Ort-Lernen in Uni-Räumen gemeint. Einen offenen Brief „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ ist von inzwischen rund 6 000 Lehrenden unterzeichnet worden; auch von einigen Marburgern, darunter Professoren-Promis wie Eckart Conze oder Benedikt Stuchtey. In dem Schreiben wollen die Wissenschaftler nicht nur „den Wert der Präsenzlehre wieder in Erinnerung rufen“, wie es heißt. Sie fordern vor allem eine Rückkehr zu Präsenzformaten: Die Universität sei „ein Ort der Begegnung. Wissen, Erkenntnis, Kritik, Innovation: All dies entsteht nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes".

Für diesen gesellschaftlichen Raum könnten virtuelle Formate „keinen vollgültigen Ersatz bieten. Sie können womöglich bestimmte Inhalte vermitteln, aber gerade nicht den Prozess ihrer diskursiven, kritischen und selbständigen Aneignung in der Kommunikation der Studierenden" –und sie halten junge Menschen mitunter vom Leben in der Stadt der Uni ihrer Wahl ab. Die Leitung der Philipps-Universität will so dann den Präsenzanteil im Wintersemester nach eigenen Angaben wieder ausbauen – alleine schon, um Erstsemestern Anknüpfungs- und Kontaktmöglichkeiten zu geben. Laut Uni-Leitung soll es ein „Hybrid-Semester“ werden, vor allem für Erstis es mehr Präsenzunterricht als im Sommersemester geben. Die Regel für die meisten werde aber sein: Vorlesungen online, Seminare mit Referaten als Videokonferenzen – von irgendwo.

Handke: Uni muss Technik-Transformation gestalten

Professor Jürgen Handke, Marburgs Lehr-Digitalisierungs-Pionier beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Wissensvermittlung, wie Lehr-Veranstaltungen künftig aussehen sollten. Für ihn ist klar: Eine Rückkehr zum gewohnten Lehr- und Lernumfeld Universität könne und werde es allen „Bewahrungs- und Beharrungs-Tendenzen zum Trotz nicht geben“. Vielmehr zeichne sich, wenn schon keine dauerhafte Abschaffung, so doch eine deutlich Herabsetzung der Präsenzzeiten ab. „Die Vorlesung ist ein Auslaufmodell, der Frontalunterricht hat ausgedient“, sagt er. „Wenn die Uni nicht mit der Zeit geht, die Technik-Transformation und neue Lehre gestaltet, wird die Zeit über sie hinweg gehen.“

Der größte Vorteil der nun laufenden Digitalisierung sei aber die Entstehung „einer neuen, effektiveren, weil Stoff vertiefenden Präsenzphase". Damit ziehe man sogar mehr Studenten in die Räume. Aber: Es sei eine Präsenzzeit, die in kleineren Gruppen – im Wochenwechsel mal vor Ort in Uni-Räumen, mal von Zuhause aus – in einem Kohortenprinzip ablaufen könnte. Wahrscheinlicher Effekt laut Handke: Einige Studenten würden die mehrtägigen Präsenz-Pausen nutzen, um nach Hause, jedenfalls aus Marburg weg zu fahren. Das Zeitalter der Lern-Pendler könnte beginnen.

Weniger Studenten in der Kommune, die sich an jedem gelben Ortseingangsschild mit dem Zusatz „Universitätsstadt“ schmückt? Keine 76 000 Einwohner mit steigender, sondern entgegen der verwaltungs-internen Annahmen fallender Tendenz? Ein Kaufkraft-Schwund? Es ist ein Szenario, dass Stadtentwickler – von Themen wie Oberstadt-Zukunftskonzept über Wohnungs-Neubau an Hasenkopf, Rotenberg und Temmlerstraße, bis zum Nahverkehr – beschäftigten sollte.

Von Björn Wisker

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