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Marburg Hörsaal wird zum Übungslabor
Marburg Hörsaal wird zum Übungslabor
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19:58 05.06.2020
Uni in Coronazeiten – am Fachbereich Physik in Marburg laufen die laborpraktischen Übungen. Dr. Carmen Schwee (rechts) mit den Studentinnen Julia Görlich und Elisabeth Jacobi, hinten Dr. Tobias Breuer. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Im Großen Hörsaal des Physikgebäudes am Renthof 6 herrscht wieder Hochbetrieb. Über den gesamten abgedunkelten Hörsaal verteilt sind ein Dutzend baugleiche Versuchsanordnungen aufgebaut, an denen jeweils zwei Studentinnen der Zahnmedizin sitzen.

Unter dem Titel „Auge, Mikroskop“ versuchen die Studentinnen innerhalb von anderthalb Stunden mit einfachen Hilfsmitteln wie einem Leuchtbuchstaben und einer Linse eine Art Brille zu bauen, die entweder für weitsichtige oder kurzsichtige Augen geeignet ist. So müssen sie auf einer festgelegten Entfernungsskala Abstände berechnen oder abweichende Werte ausrechnen.

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Zwar werden die Studentinnen wohl alle keine Optikerinnen werden, sondern die meisten von ihnen streben den Beruf der Zahnärztin an. Doch das naturwissenschaftliche Praktikum vermittelt ihnen Basis-Kenntnisse des praktischen wissenschaftlichen Arbeitens und gehört deswegen auch zum Pflichtprogramm.

20 unterschiedliche Versuche im Gebäude

Im Corona-Sommersemester 2020 haben die laborpraktischen Übungen auch noch einen weiteren Nebeneffekt. „Wir sind alle Erstsemester und sind jetzt zum ersten Mal gemeinsam in der Universität“, sagt Jorien Kroeger im Gespräch mit der OP.

Ihre Kommilitonin Nina Schindler, die mit ihr zusammen den „Augen-Versuch“ ausprobiert, ergänzt: „Bisher habe ich nur zu Hause gelernt und mir eine Vorlesung angeschaut und den digitalen Zahntechnik-Kurs mitgemacht“.

Im gesamten Physik-Gebäude sind rund 20 unterschiedliche Versuche aufgebaut, an denen die Praktikumsteilnehmer jeweils gruppenweise reihum zum Einsatz kommen. Szenenwechsel: In einem anderen Seminarraum, der viel kleiner als der Große Hörsaal ist, findet der „Elektrolyse“-Versuch statt, bei dem die Tatsache ausgenutzt wird, dass Wasser Strom leitet und in dem die Aufspaltung von Wasser in die Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff im physikalischen Experiment demonstriert wird. Hier geht es auch darum, einfache physikalische Messmethoden kennen zu lernen und Messwerte zu notieren.

Absolute Maskenpflicht

„Es macht Spaß, aber es ist anstrengend, immer den Abstand zu wahren“, meint Zahnmedizin-Studentin Julia Görlich. Zudem herrscht natürlich auch für Studierende und Betreuer innerhalb des Gebäudes absolute Maskenpflicht, was das gemeinsame Üben noch etwas schwieriger macht. Doch alle üben sich in Disziplin, auch wenn es nicht immer leicht fällt.

Statt Online-Lehre pur hat der Einstieg in die Präsenzlehre Anfang dieser Woche wieder mit den laborpraktischen Übungen begonnen. So wurde beispielsweise der Physik-Hörsaal zum Übungslabor auf Zeit. Möglich gemacht hat diese ungewöhnliche Maßnahme natürlich die Corona-Pandemie, denn in den sonst üblichen Praktikumsräumen wäre die Raumsituation so beengt gewesen, dass die Corona-Abstandsregeln nicht eingehalten hätten werden können.

Nur rund ein Drittel der alten Praktikumsräume können genutzt werden. Hörsäle, Seminarräume und Gemeinschaftsbüros werden so für die nächsten Wochen zu Übungsräumen. Die Verantwortlichen des Fachbereichs Physik mussten deswegen improvisieren: Viele der benötigten Gerätschaften mussten kurzfristig in andere Räume transportiert werden.

„Es läuft erstaunlich rund“

Doch der Aufwand habe sich schon gelohnt, meint Dr. Tobias Breuer, der Beauftragte für die laborpraktischen Übungen am Fachbereich Physik. „Es läuft bisher erstaunlich rund“, zieht Breuer ein Zwischenfazit nach rund anderthalb Tagen. Er berichtet auch von vielen positiven Rückmeldungen der Studierenden. „Viele sind zufrieden, dass etwas passiert und dass die Übungen nicht ausfallen“, sagt auch Studiendekan Professor Heinz Jänsch.

Zudem habe es Lob für die Vorbereitungen gegeben. Denn mit dem Semesterstart hatten die theoretischen Online-Unterweisungen für den praktischen Übungsteil begonnen, die im Gegensatz zu sonst den Praktika vorgelagert waren, um die benötigte Zeit in den Physikräumen zu reduzieren.

So wurden beispielsweise die Grundlagen für den Gebrauch der Apparaturen in rund 30 Lehrvideos vermittelt, und einige der praktischen Übungen wurden auch digitalisiert. Auf diese Weise versuchen die Praktikums-Verantwortlichen die Übungen kompakter zu gestalten und die Übungsblöcke bis zum Semesterende abzuschließen.

Von Manfred Hitzeroth

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