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Marburg Bei Prüfungen müssen Studis anwesend sein
Marburg Bei Prüfungen müssen Studis anwesend sein
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08:52 03.02.2021
„In einer Pandemie unverantwortlich, wenn tausende Studierende nach Marburg reisen": Psychologie-Studentin Lisa Becker und andere Studierende wollen mit einer Petition erreichen, dass die Uni Marburg statt Präsenzklausuren Alternativen anbietet.
„In einer Pandemie unverantwortlich, wenn tausende Studierende nach Marburg reisen": Psychologie-Studentin Lisa Becker und andere Studierende wollen mit einer Petition erreichen, dass die Uni Marburg statt Präsenzklausuren Alternativen anbietet. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Trotz verschärftem Lockdown gibt es an der Uni Marburg weiterhin Laborpraktika in den Naturwissenschaften in Präsen. Auch die Uni-Bibliothek bleibt für Studierende geöffnet, die noch ein Drittel der Plätze unter „Corona-Vorschriften“ belegen können. Zudem hat sich die Uni-Leitung auch dafür entschieden, dass die notwendigen Prüfungsklausuren am Ende dieses Wintersemesters grundsätzlich nicht digital stattfinden sollen, sondern dass dort Präsenz für die Studierenden Pflicht ist. Bei einem Teil der in den Studienordnungen vorgeschriebenen Prüfungen an der Universität bestehe bereits jetzt die Möglichkeit, auf Präsenz zu verzichten, erläutert die für das Studium und Lehre verantwortliche Uni-Vizepräsidentin Professorin Evelyn Korn. „Die Anzahl der notwendigen Präsenzprüfungen ist damit auf rechtssicherem Weg schon vor dem aktuellen Wintersemester reduziert worden“, erläutert sie.

Nach der Verhängung des harten Lockdowns im Dezember hätten das Präsidium und die Fachbereichs-Verantwortlichen aber noch einmal überprüft, ob eine Ausweitung des Online-Prüfungsangebots möglich sei. Dieses sei auch in Einzelfällen erfolgt. „Es finden nun ausschließlich diejenigen Prüfungen in Präsenz statt, für die Lehrende und Fachbereiche dies grundsätzlich für erforderlich halten“, erläutert Korn.

Bei Studierenden wie Lisa Becker stößt dies auf völliges Unverständnis. „Wir alle sollen unsere Kontakte reduzieren, da ist es doch Wahnsinn, dass an der Uni Marburg Präsenzklausuren stattfinden sollen“, sagt sie kopfschüttelnd. Die 24-Jährige studiert im 7. Semester Psychologie. Zusammen mit anderen Studierenden ihre Faches hat sie eine Online-Petition ins Leben gerufen mit dem Ziel, dass die Philipps-Uni anstelle von Präsenzklausuren Alternativen ermöglichen soll.

Innerhalb weniger Tage haben gut 500 Menschen unterzeichnet. „Warum sollen trotz der Notwendigkeit, die Infektionsraten weiterhin drastisch zu senken, tausende Studierende aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands mit unterschiedlichsten Inzidenzraten wieder nach Marburg kommen, um hier ihre Prüfungen ablegen zu können?“, fragen sich Lisa Becker und ihre Mitstreitenden.

Präsenzklausuren stünden im krassen Widerspruch zu den bisherigen Bemühungen, die Corona-Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. „Wir sind erschrocken über die vielen Widersprüche und Gegensätze der Uni Marburg im Bezug auf einen verantwortungsvollen Umgang mit uns Studierenden“, finden sie und betonen: „Das Risiko ist zu groß.“

Auch angesichts der Tatsache, dass die viel ansteckendere Virus-Mutation aus Großbritannien bereits in Hessen und in vielen Teilen Deutschlands nachgewiesen worden sei, müsse man sich fragen, warum „Studierende womöglich mit Bus und Bahn nach Marburg beziehungsweise zu den Prüfungsorten anreisen müssen, obwohl dies vollkommen vermeidbar wäre.“

Andere Universitäten haben Online-Klausuren

Sie verstehen nicht, was der zwingende Grund sein soll, der für Präsenzklausuren spreche und gleichzeitig alle möglichen „schwerwiegenden Konsequenzen relativiere“, obwohl es durchaus andere Möglichkeiten gebe. Beispielhaft führen Lisa Becker und ihre Mitstreiter die Unis Frankfurt und Münster an: diese hätten gute Alternativen entwickelt, wie Online-Klausuren oder Hausarbeiten.

„Viele von uns haben Angst, sich mit so vielen Menschen für eine Klausur in einen Raum zu setzen“, betont die Marburgerin und verweist auf einen aktuellen Fall an der Hochschule Ansbach. Dort wurde nach einer Präsenzprüfung ein Student positiv auf Corona getestet – 100 Menschen müssen nun in Quarantäne. Deshalb fordert sie mit ihrer Petition von der Uni, dass „auch die Sicht der Studierenden stärker berücksichtigt und zeitnahe rechtssichere Lösungen und Alternativen gefunden werden – nicht nur für den verantwortungsbewussten Umgang mit uns Studierenden, sondern eben auch für das gesamte Infektionsgeschehen in Zeiten einer Pandemie“.

In eine ähnliche Richtung wie die Online-Petition geht eine Zuschrift von Till Felstehausen, der darauf hinweist, dass am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften auch eine Prüfung für einen Grundlagenschein stattfinden solle, an der weit über 100 Studierende teilnehmen sollten. Das Risiko von „vermeidbaren Versammlungen“ mit 100 bis 200 Menschen sollte man in der aktuellen Pandemie-Lage nicht eingehen, plädiert Felstehausen ebenfalls für eine Absage der Präsenz-Klausuren.

Dass die Studierenden Angst vor Corona haben, kann Vizepräsidentin Korn zwar prinzipiell nachvollziehen, aber die Uni-Leitung wird der Petition trotzdem nicht nachgeben. Denn schließlich gebe es auch eine Reihe von Studierenden, die Angst davor hätten, nicht rechtzeitig zu Ende studieren zu können und das Semester deswegen auch mit einer Prüfung abschließen wollten.

„Die Homeoffice- und Distanzlehre-Richtlinien sichern für große Bereiche der Universität die Weiterführung von Forschung und Lehre“, betont Korn. Gleichzeitig werde dadurch ermöglicht, dass eine begrenzte Anzahl von Lehrveranstaltungen wie Laborpraktika oder Prüfungen in Präsenz stattfinden könnten.

Korn: Online-Klausur ist eventuell nicht rechtssicher

„Und wir haben an der Universität alles getan, um das Infektionsrisiko so klein wie möglich zu halten“, sagt sie im Gespräch mit der OP. Zu dem Konzept für die Prüfungen im Hörsaalgebäude gehört, dass alle Studierenden medizinische Masken zur Verfügung gestellt bekommen. Auch ein Wegeleitsystem soll mit dafür sorgen, dass sich vor den Hörsälen nicht zu viele Studierende zu nahe kommen. Zudem solle in Absprache mit den Stadtwerken zu Klausurzeiten die Taktung der Stadtbusse optimiert werden.

In den Hörsälen, die laut Korn auch über ein gut funktionierendes Lüftungssystem verfügen, gilt das strikte Abstands-Prinzip: Statt 900 möglichen Plätzen werden während der Prüfungen im Audimax nur 130 Plätze belegt und in Hörsälen mit einer Kapazität von 300 Plätzen nur bis zu 50 Plätze.

Im übrigen wies Korn darauf hin, dass auch die Uni Frankfurt zum Abschluss des Wintersemesters vorwiegend Präsenz-Klausuren anbiete, allerdings ergänzt mit dem Pilotprojekt von parallelen Online-Klausuren mit der doppelten Überwachung der Studierenden an ihren Heimarbeitsplätzen durch zwei Kameras, damit diese sich nicht unerlaubter Hilfsmittel bedienten. Doch es sei noch nicht klar, ob diese Variante rechtssicher sein werde, betonte die Vize-Präsidentin. Denn was passiere beispielsweise, wenn diese Kameras kurzzeitig ausfallen würden, fragt sie.

Von Manfred Hitzeroth und Nadine Weigel

01.02.2021
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