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Marburg Ungewollt kinderlos
Marburg Ungewollt kinderlos
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00:17 02.04.2019
Familien mit Kindern zu sehen, ist für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch oft mit Schmerz verbunden. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Kinder zu haben ist eine Selbstverständlichkeit, sagt Annette Förg (Privatfoto). Niemand frage eine Frau mit Kindern, warum sie Kinder habe. Umgekehrt sei die Frage aber immer wieder zu hören.

Die 60-Jährige arbeitet in Marburg als Coach. Eine Vielzahl der bei ihr ratsuchenden weiblichen Führungskräfte hat keine Kinder, stellt Förg eines Tages fest. Sie entscheidet sich, auch Beratung für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch anzubieten.

Im Beruf ist Kinderlosigkeit Förg zufolge ein großes, wenn auch heimliches Thema für Betroffene. Denn einer Frau werde unterstellt, sie sei „karrieregeil“, „egoistisch“ und würde Männern den Job wegnehmen, weil sie nicht Mutter geworden sei, so Förg. Alle diese Probleme und Belastungen aufzuarbeiten, darum gehe es in ihrer Arbeit als Coach.

Betroffene fühlen sich selten verstanden

Noch immer sei Kinderlosigkeit bei Frauen mit vielen Vorurteilen behaftet. „Es ist ein ­Tabuthema“, sagt Förg. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch bei den Betroffenen selbst. Solange man sich nicht bewusst damit auseinandergesetzt habe, solange immer noch Hoffnung auf eine Schwangerschaft bestehe, würden Frauen ihre Traurigkeit häufig verstecken. Von Gefühlen überrollt zu werden, sei da vorprogrammiert – beispielsweise, wenn „schon wieder“ eine Freundin oder Kollegin schwanger geworden sei.

Förg weiß selbst, wie es ist, ohne eigene Kinder zu leben. „Für mich war mit 40 die Grenze erreicht und ich habe mich vom Kinderwunsch verabschiedet“, erzählt sie. Es sei ein langer und schwerer Prozess gewesen, bis die Krise überwunden war und sie annehmen konnte, dass sie ohne Nachwuchs leben würde. Darum geht es auch in ihren Beratungen. Die werden vor allem von Frauen, teils auch von Paaren aufgesucht. Männern bereite die Kinderlosigkeit auch Probleme, sie holten sich bloß seltener Unterstützung.

„Kinderlosigkeit ist kein Makel“, sagt Förg. Sie will ihren Klienten dabei helfen, eine andere Erfüllung in ihrem Leben­ zu finden. „Es geht darum, ­herauszufinden: Was ist mein Weg, was ist der Sinn meines ­Lebens?“

Ein bedeutsamer Schritt in den Coachings sei, die Frauen zu ermutigen, sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen. Dazu gehöre, eine bewusste­ ­Haltung zu erreichen: „Ich bin nicht Mutter geworden, doch ich bin trotzdem ein wertvoller Mensch.“

Auf die Trauer der Frauen ­ohne Kinder reagierten viele mit Unverständnis. Nach dem Motto: „Wenn man kein Kind hatte, dann kann es einem ja nicht fehlen.“ Tatsächlich handele es sich um den Abschied von einem Lebensentwurf, der auch ein wichtiger Lebensinhalt werden sollte. Andere hätten gut gemeinte Ratschläge oder tröstende Worte: „Ach Mensch, sei froh! Wenn ich gewusst hätte, wie ­anstrengend das ist, Kinder zu haben...“

Auch im Smalltalk mit Fremden bei Feierlichkeiten oder im Alltag komme häufig die Frage,­ ob man Kinder habe. Auf das „Nein“ reagierten viele mit Schweigen. Frauen behielten ihre Gefühle lieber für sich – zum Beispiel auch an „Schmerztagen“ wie Weihnachten und Muttertag oder wenn Mütter von ihren Kindern erzählen. Verstanden fühlten sich die Betroffenen oft erstmals, wenn sie bei den Angeboten auf andere mit der gleichen Erfahrung stießen, so Förg.

Deshalb bietet sie neben den Coachings auch eine Erfahrungsgruppe an. „Immer am Siebten“ des Monats, so heißt das offene Angebot. Es richtet sich an Frauen, die mit dem Kinderwunsch abschließen wollen. „Das Leid darf hier Platz haben, aber es geht darum, es zu verwandeln, um für sich ein erfülltes Leben zu kreieren“, so Förg.
Sie selbst hat diese Erfüllung sowohl beruflich gefunden als auch in ihrem Hobby. In ihrer Freizeit spielt sie mit ihrem Mann zusammen ein Clown-Stück für Erwachsene sowie Kindertheater.

Innerer Rückzug ist oft die Konsequenz

Laut statistischem Bundesamt ist jede fünfte Frau kinderlos (Stand 2016). Die Gründe dafür können Förg zufolge ganz unterschiedlich sein. So sei es bei den einen eine Erkrankung, bei anderen wolle vielleicht der Partner keine Kinder. „Das sind intime Themen, die möchte man nicht jedem auf die Nase binden.“ Deshalb sei es wichtig, für sich zu überlegen, wie man auf die Frage nach dem „Warum“ antworten wolle.

Beim Thema Kinder sei es ähnlich wie mit Interessen, die man nicht teile. Als Beispiel nennt die 60-Jährige Fußballspielen. „Es langweilt, nervt oder macht traurig, weil man es selber nicht machen kann.“ Die Konsequenz sei in der Regel innerer Rückzug. „Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und artikulieren zu lernen“, sagt Förg.

Außerdem könne man Strategien entwickeln, wie man damit umgeht, wenn man von Emotionen überrollt werde, von der Trauer darüber, keine Kinder zu haben. So lernten die Ratsuchenden auch, mit den größten „Schmerztagen“ umzugehen. Zum Beispiel könne man den Muttertag zu einem Dankbarkeitstag unter Freundinnen verwandeln und sich gegenseitig Wertschätzung ausdrücken.

Förg berät nicht nur persönlich, sondern auch über Skype-Videotelefonie. Manche würden auch weite Wege in Kauf nehmen, so die Diplompädagogin. Denn spezielle Beratung, nachdem der Wunsch nicht in Erfüllung ging, gebe es selten. Die Klienten würden durch ihre Webseite „Makellos kinderlos“ oder ihre Facebookseite auf sie aufmerksam.

TERMIN

In der Marburger Vhs bietet Annette Förg Themenabende an. Der nächste Termin:­9. Mai: Glücklich sein, obwohl der Storch nicht kam. Kann das sein?“. Anmeldungen sind über die Vhs möglich.

von Freya Altmüller