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Marburg Ungewöhnliches Porträit über Stadt Marburg
Marburg Ungewöhnliches Porträit über Stadt Marburg
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17:49 28.07.2019
Rainer Schildberger interviewt Marianne Hoyer (Mitte) aus Gießen und die Kölnerin Brigitte Bayer, die einen Tagesausflug nach Marburg unternommen haben. Quelle: Carsten Beckmann
Marburg

Drei Dinge braucht der Mann, hieß es in einer uralten Tabakwerbung: Feuer, Pfeife, Stanwell. Die drei Dinge, die der Berliner Rainer Schildberger braucht, sind Aufnahmegerät, Kopfhörer, Mikrofon. Seit Tagen­ durchstreift der Autor Marburg, um für ein Radiofeature über ­jene Stadt zu recherchieren, die für ihn eine Art „Garten Eden an der Lahn“ ist. Das ist auch der Arbeitstitel der 55-Minuten-Sendung, die noch vor Jahresende produziert und 2020 zunächst im Südwestrundfunk Baden-Baden ausgestrahlt wird.
Höfliches Understatement eines Schriftstellers

Rainer Schildberger kennt Marburg seit Jahren. Immer wieder kam er an die Lahn, um während der Sommerakademie als Dozent für kreatives Schreiben zu arbeiten: „Aus dieser Tätigkeit hat sich ein Gemeinschaftsprojekt mit vier Teilnehmerinnen entwickelt“, erzählt der Radiomacher, der nach wie vor im Frühjahr und Herbst von Berlin aus anreist, um mit seiner Schreibgruppe zu arbeiten. Schildberger ist weniger ein Mann für die schnelle 45-Sekunden-Meldung, er produziert eher Literatur zum Hören.

Zunächst hatte der Autor eine Laufbahn als Gymnasiallehrer für Geschichte und Sport anvisiert: „Doch Mitte der 80er-Jahre gab es keine Stellen“, erinnert sich Schildberger, der nach dem Staatsexamen zunächst als Keyboardlehrer und Taxifahrer Geld verdiente. In dieser Zeit entstand „Petrusbande“, der erste­ von mehreren Romanen und ­Erzählbänden: „Da war ich Ende 20 und lernte über das Schreiben andere Literaten aus dem ,Autorenforum Berlin‘ kennen.“ Über diese Kontakte „rutschte“ der Berliner letztlich in die Radioproduktionen „hinein“, während das Schreiben für den Buchmarkt nebenher lief: „Mit meinen Romanen und Erzählungen bin ich auch eher ein kleines Licht geblieben“, sagt – mit einigem höflichen Understatement der Autor, der unter anderem den Band „Wo der Himmel redet – an Europas heiligen Orten“ über Pilgerstätten schrieb.

„Ich habe mich selbst versucht“

Die Antike und das antike Christentum nennt der studierte Historiker als anfängliche Schwerpunkte. Folgerichtig war  sein erster Rundfunkbeitrag ein Feature über das griechische Kloster Athos. Dort lebte Schildberger mit den Mönchen, genauso, wie er in der Folge „in Irland büßte und mit den Trappisten schwieg“, wie er erzählt: „Ich habe mich immer gern selbst versucht – das ist das Markenzeichen meiner Arbeit.“

Auch in Marburg „versuchte sich“ der Autor, stand auf dem Wochenmarkt Schlange am Biogemüsestand, nahm an Therapiesitzungen teil, lernte viel über ökologische Haushalte und betrieb intensiv das, was Schildberger­ „Straßenexerzitien“ nennt: zu jeder Tages- und Nachtzeit raus in die Stadt mit Mikrofon  und Recorder, Stimmen, Geräusche, Eindrücke einfangen. „Mich ­interessieren bei meiner Arbeit­ generell die Lebenswürfe von Menschen“, charakterisiert der Hörfunkautor den gemeinsamen Nenner der meisten seiner bisherigen Arbeiten.

Über die Menschen in Marburg hat er sich ein Bild gemacht, das vom Hauptstadtalltag Lichtjahre entfernt ist. Schildberger beschreibt es so: „Wirkliche Grenzüberschreitungen und Verrücktheiten gibt es hier offenbar nicht – ­alle scheinen alles richtig zu ­machen, alles wird irgendwie eingehegt – Marburg hat etwas von einem Laboratorium und einem Sanatorium.“ Diesen Kosmos will der 60-Jährige mit einem Augenzwinkern in seinem Feature über den „Garten Eden an der Lahn“ zeigen und am Ende als Ich-Erzähler die Frage stellen: „Könnte ich mir vorstellen, in dieser Stadt zu ­leben oder will ich unbedingt zurück nach Berlin?“

„Ich arbeite gern ohne Deadline“

Dort nämlich hat er noch mehr als nur einen Koffer stehen, hat familiäre Bindungen – die Spreestadt scheint als Lebensmittelpunkt derzeit die sinnvollere Option zu sein. Doch wer weiß – arbeiten könnte der ­Autor theoretisch überall.

Die Arbeit, die in den kommenden Wochen auf Schildberger zukommt, ist zunächst einmal das Ordnen der vielen Aufnahmen, die in seinem Recorder stecken: Straßengeräusche, Passanteninterviews, Gespräche mit Akteuren der Marburger Stadtgesellschaft von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies über Ruth Fischer, die Leiterin des Fachdienstes Kultur bis hin zum mit ihm befreundeten Friedens- und Konfliktforscher Dr. Johannes M. Becker. Nächster Arbeitsschritt – das Manuskript und der grobe Schnitt der Audiodateien. „Der Feinschnitt findet dann im SWR-Studio statt, wo dann auch mit Regisseur, Technikern und Sprechern gearbeitet wird“, beschreibt Schildberger den Entstehungsprozess des Marburg-Beitrags. Eine aufwändige Produktion also, eines der wenigen langen Features, die sich öffentlich-rechtliche Rundfunkstationen noch leisten. Schon im vergangenen Jahr hatte der Autor mit dem Sender das Thema vereinbart, erst im kommenden Jahr soll gesendet werden – ein vergleichsweise langer Zeitraum in einer Medienlandschaft, die immer mehr auf Echtzeit-Entertainment ausgerichtet ist. „Ich arbeite gern ohne Deadline“, sagt der Berliner, der vom „Schaffen akustischer Räume“ spricht, wenn es um seine Beiträge geht.
Polizeimeldungen und andere Randnotizen

Detailverliebt ist dieser Rainer Schildberger, und zu den Details des Radiobeitrags über Marburg werden denn auch gesprochene Polizeimeldungen und andere Randnotizen aus der Oberhessischen Presse gehören, die für ihn während seines Aufenthalts an der Lahn zur täglichen Pflichtlektüre zählte.

Das „M-Wort“, der Stadtname Marburgs also, soll in dem Beitrag möglichst lange unerwähnt bleiben, so viel weiß Rainer Schildberger bereits über die Dramaturgie. Darüber hinaus arbeitet er gern ins Blaue hinein, während er einen „Strauß an Protagonisten“ ins Rennen schickt sowie Sounds, Stimmen und Nachrichten, die „die Stadt abbilden“. Der „Garten Eden an der Lahn“ kann am Ende also alles Mögliche werden – nur kein klassisches Stadtporträt.

von Carsten Beckmann