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Marburg Besser Finger weg von den Samentütchen
Marburg Besser Finger weg von den Samentütchen
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07:56 12.08.2020
Betroffene finden in ihrem Briefkasten in der Regel ein kleines Kuvert, wie typischerweise bei Kleinsendungen von Onlineversendern verwendet. Dieses enthält verschiedene Samen, die in kleine, transparente Plastiktütchen mit Barcodesticker sowie dem Aufdruck „Made in China“ gekennzeichnet sind. Foto: RP Gießen
Betroffene finden in ihrem Briefkasten in der Regel ein kleines Kuvert, wie typischerweise bei Kleinsendungen von Onlineversendern verwendet. Dieses enthält verschiedene Samen, die in kleine, transparente Plastiktütchen mit Barcodesticker sowie dem Aufdruck „Made in China“ gekennzeichnet sind. Quelle: RP Gießen
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Da schlägt das Herz doch vor Freude und Neugier sofort höher, wenn der Postbote ein Päckchen bringt, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Wer hat da bloß an mich gedacht und will mir eine Freude machen? – Der erste flüchtige Blick auf den Absender lässt unwillkürlich die Stirn runzeln. Okay, da hat jemand wohl was für mich bestellt, was dann direkt an mich geschickt wurde.

Beim Öffnen des Päckchens dann ungläubiges Staunen: Samenpäckchen, made in China. Will mich jetzt jemand dazu zwingen, meinen „grünen Daumen“ zu beweisen? Die Suche nach einer Mitteilung, wem ich dieses „Geschenk“ zu verdanken habe, läuft ins Leere. Keine Nachricht, kein Hinweis auf den Besteller.

Dann folgt Argwohn. Ist das Päckchen überhaupt für mich? Ein Blick auf das Adressfeld bestätigt es noch mal: Ja, es ist für mich. Dann wieder Argwohn: Ist es überhaupt schon bezahlt oder lauert irgendwo noch eine Rechnung? Entwarnung: Keine Rechnung, es ist wohl bezahlt. Aber was soll ich jetzt damit? Spätestens bei dieser Frage ist es wichtig, etwas zu wissen, was die Freude über das Päckchen deutlich schmälern wird: Es hat niemand an mich gedacht.

Ich bin nur einer von einigen Menschen auf dem Planeten, die so etwas ungebeten aus Fernost zugeschickt bekommen haben. Es geht dabei auch nicht wirklich darum, mir persönlich eine Freude zu machen. Thorsten Haas, Pressesprecher des Regierungspräsidiums (RP) Gießen, räumt letzte Zweifel aus:

Sendung sollte im Hausmüll entsorgt werden

„Das passiert zurzeit weltweit jeden Tag und jetzt eben auch in Hessen. Sendungen von unbekannten Absendern aus China, Singapur und anderen Staaten in Fernost enthalten Samentütchen, welche die Empfänger nicht bestellt haben.“ Dem Pflanzenschutzdienst Hessen des RP Gießen wurden aktuell zwei solcher Fälle aus Südhessen gemeldet. Die Pflanzengesundheitsexperten raten dringend dazu, die Sendung im Hausmüll zu entsorgen. Für alle, die meinen, ihr kostenloses „Geschenk“ im Garten oder gar in der Natur aussäen zu müssen, sei an dieser Stelle gesagt, dass die Samen mit hochgefährlichen Viren, Bakterien oder Pilzen verseucht sein könnten. Deshalb dürfen sie auch keinesfalls in den Biomüll oder auf den Kompost.

Okay, aber was soll das Ganze? Thorsten Haas sagt dazu: „Die Behörden unter anderem in den USA, Japan und China prüfen Presseberichten zufolge im Moment die Herkunft und versuchen auch den Zweck dieser Sendungen zu ermitteln. Ersten Vermutungen der Behörden in Übersee zufolge handelt es sich um eine Betrugsmethode, bei der Kriminelle sich in die Accounts von Versandplattformen wie Amazon und Co. der Empfänger einloggen und die Bestellungen aufgeben, um sich selbst positive Bewertungen zu vergeben.“

Aus pflanzengesundheitlicher Sicht sind diese Sendungen illegal und werden von den Beschäftigten des Pflanzenschutzdienstes üblicherweise bereits am Flughafen Frankfurt oder im dortigen internationalen Postverteilzentrum von den RP-Experten und dem Zoll zurückgewiesen.

Seit Ende Juli wurde das Thema in Deutschland von den Medien aufgegriffen. Dabei wird immer davor gewarnt, die Samentütchen zu öffnen, zumal diese keine nähere Kennzeichnung tragen, was daraus überhaupt mal werden soll.

Dass sich jemand damit einen Scherz erlaubt, darf wohl ausgeschlossen werden. Viel mehr gehen Experten wie oben erwähnt in Richtung Internetbetrug.

Landwirtschaftlicher Bio-Terror als Grund?

Es könnte aber noch etwas anderes dahinterstecken: landwirtschaftlicher Bio-Terror. Niemand kann zu 100 Prozent ausschließen, dass über das Aussäen und Verbreiten unbekannter Pflanzen heimische Pflanzen massiv geschädigt werden könnten, wenn nicht durch eine invasive Pflanze, so doch durch Viren und Bakterien, die hier unbekannt sind. Das US-Landwirtschaftsministerium habe Kenntnis von 14 verschiedenen Samen , die von Fernost in die USA verschickt wurden. Eine invasive Pflanze sei nicht entdeckt worden.

Und was sagen die Experten vom RP? In den beiden bekannten Fällen handele es sich um Samen von Rosen und einer bisher nicht bestimmten Pflanzengattung. In Fällen außerhalb Hessens habe man auch Zitronen- und Lavendel-Samen vorgefunden. Es sei im Moment noch schwer einzuschätzen, wie hoch die Viren- und Bakterien-Gefahr für heimische Pflanzen tatsächlich ist, da man den Absender und vor allem die Herkunft der Pflanzen noch nicht kennt.

Die Chinesischen Behörden wiederum haben die Päckchen als Betrugsversuch im Internet ausgemacht und bereits die USA darum gebeten, Päckchen zu schicken, damit sie ihren Ursprung ermitteln können.

Gesundheitszeugnis für Pflanzen ist bindend

Seit Dezember vergangenen Jahres dürfen alle Pflanzen, lebende Pflanzenteile, Samen sowie fast alles Obst nur noch mit einem amtlichen Pflanzengesundheitszeugnis, dem „phytosanitary certificate“, versendet beziehungsweise eingeführt werden. Für einige davon, unter anderem für Kartoffeln, besteht sogar ein generelles Einfuhrverbot. Einzige Ausnahmen sind Früchte von Ananas, Kokosnuss, Durian, Banane und Dattel. Nur diese dürfen ohne amtliches Pflanzengesundheitszeugnis in die Europäische Union eingeführt werden.

Von Götz Schaub

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