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Marburg Dosen-Dilemma auf dem Wochenmarkt
Marburg Dosen-Dilemma auf dem Wochenmarkt
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00:17 26.04.2019
Verpackungsfrei einkaufen auf dem Wochenmarkt – das wünschen sich zahlreiche Kunden. Doch beispielsweise am Stand von Gerlinde Mohr ist das nicht mehr möglich. Quelle: Julia Carp
Marburg

Überall ist die Rede vom Einsparen von Plastik. Im Supermarkt gibt es nur noch kostenpflichtige Tüten, und auch an der Fleisch- und Käsetheke, unter anderem bei Tegut, kann sich der Kunde die Produkte seiner Wahl in eine eigens mitgebrachte Vorratsdose abpacken lassen.

Seit vielen Jahren ist dies bereits auf Märkten wie dem Marburger Wochenmarkt teils gelebte Praxis. Doch kürzlich kam es am Stand von Gerlinde Mohr, die schon seit vielen Jahren auf dem Markt Antipasti wie beispielsweise Oliven oder verschiedene Frischkäse-Cremes verkauft, zu einem Zwischenfall: Ein Kunde beschwerte sich über das Vorgehen – es sei unhygienisch. „Etwa 80 Prozent der Marktbesucher bringen ihre eigenen Gefäße mit. In 30 Jahren ist dabei noch nichts passiert“, erzählt Gerlinde Mohr.

Marktbetreiber unterstehen der Vorschrift des Gesetzgebers, dass sie bei der Herstellung, bei der Behandlung und beim Verkauf von Lebensmitteln eine Sorgfalt erbringen müssen, die negative Folgen nach dem Kontakt mit dem gekauften Produkt ausschließen. „Sie besagt aber nicht, dass mitgebrachte Behältnisse grundsätzlich nicht benutzt werden dürften. Es muss eben ausgeschlossen werden, dass es zu Verunreinigungen kommt“, erklärt Sascha Hörmann von der Pressestelle des Landkreises auf Anfrage der OP. Zuständig für die Einhaltung der Vorschriften ist das Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz, das beim Landkreis angesiedelt ist.  

Gerlinde Mohr verdeutlicht: „Beim Abstreifen meiner Cremes kann ich nicht gewährleisten, dass die Stellen der Kundendose, die meinen Schaber berühren, nicht kontaminiert sind. Die Gesundheit meiner Kunden ist mir wichtiger als der Verzicht auf Plastikverpackungen.“

Verkaufte Schalen lassen sich mehrfach verwenden

Der Kunde, der sich bei ihr beschwert hatte, meldete den Vorfall auch beim Veterinäramt. Als Folge sah sich Gerlinde Mohr gezwungen, zu reagieren. Mit einem Schild weist sie nun darauf hin, dass an ihrem Stand keine Kundenverpackungen mehr angenommen werden. Sie sagt aber auch, dass die von ihr verkauften Plastikschalen mehrmals verwendet werden können – aber eben nur privat.
Der Verbraucherschutz schlägt vor: „Eine Möglichkeit wäre etwa, mit einem betriebseigenen Tablett zu arbeiten, auf dem der Kunde seine Mehrwegbehältnisse abstellt, und in das, beispielsweise die Schafskäsecreme nach dem Zwei-Löffel-Prinzip in das Gefäß gefüllt wird.“

Auch Supermarktketten wie Tegut arbeiten bereits mit einem ähnlichem System. „Sobald der Kunde angibt, dass er seine Box mitgebracht hat, reicht der Mitarbeitende an der Frischetheke ein dafür vorgesehenes Präsentationstablett über die Theke und der Kunde stellt seine geöffnete Box ab“, erklärt Bettina Heinrichs von der Tegut-Unternehmenskommunikation. Tara werde direkt an der Waage abgezogen, die Ware kontaktlos in die Box gefüllt. Die Mitarbeiter würden das Tablett mit der Box zurückreichen, „der Kunde verschließt die Box selbst und erhält das Preisetikett für seinen Einkauf dazu“, so Heinrichs. Sollte doch eine der Greifhilfen in Kontakt mit der mitgebrachten Dose kommen, werde diese zur Reinigung und Desinfektion hinter die Theke gebracht.
Diese Vorgänge seien laut Gerlinde Mohr auf dem Wochenmarkt nicht reproduzierbar. „Der Aufwand wäre zu groß und dafür haben wir weder das Personal, noch die Kapazitäten.“
Die anderen Marktstände am Marburger Wochenmarkt haben von dem Vorfall am Stand von Gerlinde Mohr auch mitbekommen. Bei Ständen, die ähnliche Ware wie Mohr anbieten, war die Meinung gegenüber Kundenverpackungen zwiespältig.

Kunden wünschen sich, eigene Dosen zu verwenden

Viele Händler finden die Idee, dass Kunden ihre eigenen Behälter mitbringen, sehr gut, beteuern aber auch, dass sie bei dieser Verpackungsmethode alle hygienischen Vorschriften einhalten. So kam beim Kauf an einem anderen Stand der Schaber gar nicht in Berührung mit dem Behältnis. Im Gespräch wurden auch Stimmen von Kunden laut, die sich ebenfalls positiv gegenüber dieser Anwendung äußerten und sich auch am Stand von Mohr wünschten, ihre eigenen Verpackungen wieder mitbringen zu dürfen.
„Es ist mir wichtig, dass es bei dieser Maßnahme vor allem in erster Linie um die Gesundheit der Kunden geht. Wir sind dabei, uns eine Lösung für dieses Dilemma zu überlegen“, beteuert Gerlinde Mohr. Das Einsparen von Plastik im Alltag sei wichtig, um die Umwelt zu schützen. Doch müsse die Gesundheit an erster Stelle stehen, weshalb es in diesem Fall für Verkäufer gelte, „kreativ zu werden und sich eine zufriedenstellende Lösung zu überlegen“.

von Julia Carp