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Marburg Landschaftspflege „nicht mehr zeitgemäß“
Marburg Landschaftspflege „nicht mehr zeitgemäß“
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12:58 01.08.2021
Henner Gonnermann an einem abgemähten Feldweg - der Umweltschützer kritisiert eine zu rabiate Mäh-Praxis und fordert mehr Raum für Blühflächen als Futter für Insekten.
Henner Gonnermann an einem abgemähten Feldweg - der Umweltschützer kritisiert eine zu rabiate Mäh-Praxis und fordert mehr Raum für Blühflächen als Futter für Insekten. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Wenn Henner Gonnermann aus Wehrshausen dieser Tage in der Natur spazieren geht, blutet ihm das Herz. Zumindest an manchen Stellen im Stadtgebiet. Immer dann, wenn er Wege und Felder sieht, deren Ränder gerade frisch gemäht wurden. Gerade dort wird seiner Ansicht nach wertvolles Bienenfutter „viel zu rigoros“ abgeschnitten, der Naturschützer empfindet das als übertriebenen Eingriff in die Natur.

Es gibt auch die andere Seite, Felder, die brach liegen und zu Blühflächen umgewandelt wurden. Einen besonders krassen Gegensatz erkennt Gonnermann in seinem Heimatort Wehrshausen: Am Verbindungsweg zwischen Sonnenhalde und Alter Weinstraße liegt ein ganzjährig blühendes Feld, voller Klatschmohn, Kornblumen, Disteln und anderer Pflanzen, „das ist natürlich gewachsen und eine tolle Sache“, lobt er. Über Monate hinweg biete eine solche Blühfläche verschiedensten Insekten Nahrung.

Beschwerde beider Stadt eingereicht

Der Weg daneben zwischen zwei Feldern sieht anders aus, wurde zuletzt großflächig gemäht. Abgeschnittene Gräser und Blüten liegen noch vertrocknet am Wegesrand. Das sei „nur ein Beispiel von vielen, ich frage mich, warum das sein muss, die Pflanzen sind wertvoll für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge – und alles fällt jedes Jahr dieser Putzwut zum Opfer“, ärgert er sich.

Er bemängelt generell die Mäh-Praxis an Straßen- und Feldrändern, verfasste im letzten Jahr eine längere Abhandlung über seine Bedenken und legte nun der Stadt Marburg erneut seine Beschwerde vor. Gonnermann ist seit rund 40 Jahren im Umweltschutz aktiv und Mitglied des BUND. In dieser Sache handele er jedoch ausdrücklich als Privatperson, betont er. Er fordert in seinem Aufruf vor dem Hintergrund von Klima- und Umweltschutz ein Umdenken: Die Landschaftspflege in den Kommunen sei „nicht mehr zeitgemäß“, müsse als ein Baustein einer „in sich schlüssigen und stimmigen Handlungsstruktur in Sachen Klimaschutz“ neu gedacht werden. Ein Problem sieht er auch beim Gehölzschnitt: Die Technik, die zum Schneiden und Mulchen genutzt werde, störe in jedem Jahr brütende Vögel an den Wegesrändern. Auch wenn während der Brutzeit besondere gesetzliche Vorschriften gelten. Diese werden in seinen Augen nicht ausreichend geachtet.

Wie die Stadt Marburg auf Nachfrage mitteilt, kämen „bei allen Mäh- und Schnittarbeiten naturschutzrechtliche Belange zum Tragen“. Die Zuständigkeiten im Marburger Gebiet fallen dabei unterschiedlich aus: Die Fachdienste Tiefbau sowie Stadtgrün und Friedhöfe beauftragen das Mähen entlang der Fußwege in den Innenbereichen der Stadt. Für das Mähen entlang von Feld- und Radwegen seien die jeweiligen Ortsbeiräte zuständig, diese beauftragen damit ebenfalls den Dienstleistungsbetrieb der Stadt Marburg (DBM). Finanziert wird das aus dem Feldwegebudget. Ortsvorsteher Andreas Bergmann bestätigt, dass der Verbindungsweg im Auftrag des Ortsbeirats über den DBM einmal im Jahr gemäht werde. Einen übertriebenen Schnitt sieht er dabei nicht, „wir mähen nicht viel, nur ein paar Wege, die wirklich gelaufen werden und sonst zuwachsen würden“. Ränder an Feldwegen fielen nicht darunter, manche Landwirte übernehmen das zudem eigenständig.

Gehölze sind besonders geschützt

Bei Gehölzen gelten strengere Regeln: Im Sinne des Naturschutzes dürfen in der Zeit vom 1. März bis 30. September generell wegen der Brutzeit keine Gehölze – Bäume, Sträucher oder Hecken – abgeschnitten oder beseitigt werden. Eine Ausnahme bilde dabei „ein schonender Form- und Pflegeschnitt“, bei dem der jährliche Zuwachs, abhängig von der Gehölzart, entfernt werden darf, teilt die Pressestelle der Stadt mit. Zur Verkehrssicherheit müssten außerdem jene Teile von Sträuchern zurückgeschnitten werden, die weit auf den Gehsteig ragen und Passanten zwingen könnten, auf die Straße auszuweichen. Dafür sorgen müssten im Übrigen auch private Grundstückseigentümer.

Beim Mähen wiederum gebe es grundsätzlich keine Einschränkungen, so die Stadt weiter. Für alle städtischen Flächen gelte, dass „nur dort gemäht wird, wo es aus Gründen der Verkehrssicherheit und Landwirtschaftspflege notwendig ist“. In der Regel ein bis zweimal im Jahr im Juli und August.

Der Marburger Pflegeplan berücksichtige dabei Aspekte des Artenschutzes, gleichzeitig sei die Stadt jedoch verpflichtet, die Verkehrssicherheit der Wege zu garantieren, „so ist die Entscheidung darüber, wann und wo gemäht wird, auch ein Abwägen zwischen Naturschutz und Verkehrssicherungspflicht“.

Von Ina Tannert