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Marburg „Die Leute stehen unter Schock“
Marburg „Die Leute stehen unter Schock“
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11:11 25.02.2022
Teilnehmer einer Protestaktion gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine stehen in Hamburg mit Fahnen und Plakaten vor dem Russischen Generalkonsulat.
Teilnehmer einer Protestaktion gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine stehen in Hamburg mit Fahnen und Plakaten vor dem Russischen Generalkonsulat. Quelle: Foto: Jonas Walzberg/dpa
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Marburg

„Die Leute stehen unter Schock, sie realisieren es noch gar nicht“: So beschreibt Svitlana Dyachenko die Lage in der Ukraine nach dem vom russischen Präsidenten Wladimir Putin befohlenen Angriff. „Keiner hat geglaubt, dass die Russen einfach so mit Panzern über die Grenze fahren und anfangen zu bombardieren.“ Dyachenko ist, wie viele Menschen in der ganzen Welt, entsetzt über die Nachricht von dem Angriff, aber sie gehört zu jenen, die diese Nachricht am meisten betroffen macht: Es geht um ihr Heimatland, um ihre Angehörigen, Freundinnen und Freunde. „Von allen Städten, wo Freunde leben, habe ich gehört, dass dort bombardiert wurde“, berichtet Dyachenko, Vorsitzende des Deutsch-Ukrainischen Vereins Marburg Oboz Plus. „Die Eltern meiner Freunde in einem Dorf an der russischen Grenze sitzen ohne Strom im Keller. Meine Schwester, die in Charkiw lebt, hat es morgens um fünf Uhr aus der Stadt herausgeschafft.“

Zwischen vier und fünf Uhr, so haben ihre Bekannten aus der Ukraine berichtet, seien sie durch die Bombardierungen geweckt worden. Das schildert auch die Marburgerin Polina Pevzner, die in der Ukraine geboren wurde und seit 1992 in Deutschland lebt. Ein Freund, der als Soldat an der Front gewesen war und in Charkiw nahe der russischen Grenze lebt, habe ihr erzählt: „Ich bin wach geworden und habe gedacht, ich bin an der Front.“

Kein Sprit und kein Strom in der Hauptstadt Kiew

Die Menschen versuchten sich in Sicherheit zu bringen, berichten Pevzner und Dyachenko der OP. So sei in Charkiw jetzt die U-Bahn kostenlos, quasi als Bunker-Ersatz, sagt Pevzner: „Es wird empfohlen, zuhause zu bleiben – aber diejenigen, die Angst haben, sollen in die U-Bahn gehen.“ Dyachenko erzählt: „Ein Bruder meiner Freundin hat versucht, Kiew zu verlassen – es geht nicht.“ An den Tankstellen gebe es keinen Sprit mehr. „Es gibt an vielen Orten auch keinen Strom“, fügt sie hinzu.

Die Stimmung in der Ukraine ist laut Pevzner aber eher kämpferisch als verzweifelt. „Alle sind fest entschlossen, das Land muss verteidigt werden“, berichtet sie. Eine Kusine dritten Grades habe zu ihr gesagt, sie hätte bisher nie geglaubt, dass sie ukrainische Patriotin werde – aber: „In einer Nacht bin ich zur Patriotin geworden.“ Pevzner fügt hinzu: „Keiner meiner Bekannten hat das Land verlassen, alle hoffen das Beste.“ Einer Freundin hat sie aber versprochen, sie notfalls aufzunehmen: „Wenn das Schlimmste kommt, ist mein Haus dein Haus.“ Dyachenko befürchtet: „Viele werden flüchten – ich kenne Menschen, die versuchen, die Ukraine zu verlassen.“ Das Nachbarland Polen bereitet sich bereits auf Flüchtlinge vor.

„Putin hat das schlimmste Szenario ausgewählt“

Dyachenko hat auch Bekannte in Russland – ihre Mutter war Russin, ihr Vater Ukrainer. „Ich habe Leuten geschrieben, die in Moskau leben – viele schütteln den Kopf, viele haben Putin das nicht zugetraut.“ Dyachenko, die am Donnerstagabend nach Frankfurt zu einer Demonstration fahren wollte, rechnet trotz des Kopfschüttelns in Moskau nicht mit Protesten in Russland. Denn in dem Land gebe es keine Opposition, und wer demonstriere, könne verhaftet werden.

Nach der Rede des russischen Präsidenten, in der Putin gesagt hatte, die Ukraine sei „nie eine wahre Nation gewesen“, hatten Dyachenko und Pevzner mit einem Angriff gerechnet – aber nicht unbedingt so schnell und massiv. „Putin hat das größte und schlimmste Szenario ausgewählt“, sagt Pevzner.

„Er will ein großes russisches Reich aufbauen, er will ein Zar sein. Wenn er nicht genug Widerstand findet, wird er vielleicht auch die baltischen Staaten angreifen.“ Sie fände es deshalb richtig, wenn Deutschland der Ukraine Waffen liefern würde. Im Grundgesetz stehe schließlich die Menschenwürde an erster Stelle. „Die Menschenwürde der Ukrainer ist jetzt, ihr Land zu verteidigen.“

Hilfsgüter aus Marburg sollten nach Charkiw

Dyachenko befürchtet, dass Putin den größten Teil der Ukraine annektieren will: „Es passt ihm nicht, dass wir Ukrainer uns nach Westen entwickeln und nicht in einer Diktatur leben wollen.“

Eigentlich wollte der Marburger Verein Oboz Plus in diesen Tagen einen humanitären Hilfstransport nach Charkiw schicken. Oboz heißt übersetzt „Karawane“, und als „Hilfskarawane“ hat der Verein in den vergangenen acht Jahren 35 Lkws mit medizinischen Hilfsmitteln in die Ukraine gebracht – von Windeln über Rollatoren bis zu Krankenbetten.

Das Uniklinikum hatte erneut 50 Betten gespendet, die in Marburg aussortiert worden waren – „die passen genau in einen Lkw“, sagt Dyachenko.

Aber in der aktuellen Lage glaubt sie nicht, dass der Lastwagen mit den Betten nach Charkiw fahren kann. Vielleicht werden sie stattdessen nach Lemberg (Lwiw) im äußersten Westen des Landes gebracht, aber auch das muss der Verein nach Entwicklung entscheiden, so die Vorsitzende: „Ich weiß nicht, wie das im Kriegszustand möglich ist – nicht, dass es bis an die Grenze kommt und dann dort steht.“

Von Stefan Dietrich