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Marburg Patriotismus schweißt das Volk zusammen
Marburg Patriotismus schweißt das Volk zusammen
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22:02 05.04.2022
Ukrainische Soldatinnen und Soldaten stehen für ein Foto aufgereiht in Odessa.
Ukrainische Soldatinnen und Soldaten stehen für ein Foto aufgereiht in Odessa. Quelle: Foto: Emilio Morenatti/AP
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Kiew

Studenten verlassen Hörsäle, um freiwillig an der Front zu kämpfen, in besetzten Städten arbeiten Bäcker und städtische Bedienstete weiter Tag für Tag. Sie sind geblieben, und sie gehen jede Nacht schlafen, ohne zu wissen, ob sie wieder aufstehen werden. Die Ukrainer halten seit Wochen der schwer bewaffneten, überlegenen russischen Armee stand. Angetrieben werden sie von ihrem Stolz – auf das eigene Erbe und weil sie sich kulturell, religiös, geschichtlich und politisch abgrenzen von den Gegnern in Russland. Einst waren sie „Geschwister“.

Die Ukraine verfügt über Bodenschätze, vielfältige natürliche Ressourcen und hat eine günstige geopolitische Lage mit dem Zugang zu vielen Handelsrouten im Meer. Das war für die Nachbarstaaten immer wieder ein Argument, um Anspruch auf die Kontrolle des Territoriums zu erheben.

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Mehr zur aktuellen Situation in der Ukraine erfahren Sie in unserem Themenspecial unter www.op-marburg.de/ukraine

Die ukrainische Kultur und Identität wurde bereits zu den Zeiten der Aufteilung zwischen dem russischen Zarenreich und Österreich-Ungarn negiert. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts – mit fortschreitenden Russifizierung der Nachbarn – ist auch der Begriff „Kleinrussen“ entstanden, der von Putin bei der Argumentation gern aufgegriffen wird. Auch im Ersten Weltkrieg ging es um den Einfluss auf diese osteuropäische Region. In den Anfangszeiten der Sowjetunion hatte Lenin die Idee des Vielvölkerstaates begünstigt, die aber von der Idee der Vereinheitlichung als Gegenpol zu dem Westblock unter Stalin abgelöst wurde. Dies führte zur erneuten Unterdrückung der ukrainischen Identität und zur Bildung der heiß diskutierten westukrainischen Armee, angeleitet von Stepan Bandera, die in der späteren Phase des Zweiten Weltkriegs an zwei Fronten kämpfte.

Doch es gab auch immer wieder friedliche Zeiten zwischen den Nachbarn. Wie auch zuletzt vor der Majdan-Revolution: Die kulturelle Verbrüderung mit den Russen stand im Vordergrund – bei der Bildung der Familien und in der Musikszene, es gab keine klare Abgrenzung. Doch das Stimmungsbild hat sich während der vergangenen acht Jahre schlagartig verändert. Auf den Straßen insbesondere in der Westukraine hängen seitdem ukrainische Flaggen, immer mehr Menschen tragen Vischivanki, bestickte traditionelle Hemden. Das übliche „Hallo“ wurde durch die historisch begründete Begrüßungsformel „Slava Ukrajini!“ („Ruhm der Ukraine!“) mit der Antwort „Gerojam Slawa!“ („Gerühmt seien die Helden!“) abgelöst. Allein die Erwartungshaltung, dass der Gruß nicht mit „Guten Tag“ erwidert werden darf, verrät, dass das Festhalten am kulturellen Erbe gleichzeitig auch Ausdruck von politischer Haltung ist. Denn die Majdan-Revolution und der Konflikt hatten neue Helden hervorgebracht.

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Warum sich Frankreich und Deutschland stärker für den Frieden in Ukraine einsetzen sollen, erklärt der Marburger Konfliktforscher Johannes M. Becker in unserem Interview.

In gewöhnlichen Zeiten konnte man eine gedrückte und eher unfreundliche Stimmung spüren, als die einfachen Arbeiter sich nach der Arbeit in überfüllten Marschrutkas (Minibusse, die als Verkehrsmittel genutzt werden) drängelten. Sie waren müde und frustriert durch den viel zu niedrigen Lohn, der kaum zum Leben reichte. Doch jetzt scheint das ganze Volk wie eingeschworen, so energisch und einig wie noch nie.

Ein ukrainischer Soldat steht mit der Flagge seines Landes im Hintergrund auf einem Panzer, außerhalb von Kiew. Quelle: Vadim Ghirda/dpa

In einer katholischen Kirche im Zentrum von Lviv ist ein Altar eingerichtet worden. Er zeigt Gesichter von Offizieren und militärischen Beamten, die in den Kämpfen in der Donetska Republik ums Leben gekommen sind. Eine Mutter erklärt ihrem Jungen strategische Kriegstaktiken, die nicht für kindliche Ohren bestimmt sind. Es ist ein spezielles Gebet eines Kriegers in Gedichtform ausgestellt. Oben hängt die ukrainische Flagge mit dem Spruch: „Ukraine und Gott über allem“.

Hintergrund

Einer der größten ukrainischen Dichter, Taras Schewtschenko, lebte Anfang des 19. Jahrhunderts und wurde zur Stimme des gebeutelten Volkes. Er beschrieb in seiner Dichtung die glorreichen Zeiten der Kosakenheere, die seit dem 16. Jahrhundert unter der Aufteilung der Ukraine zwischen den Großfürstentümern Polen und Russland gelebt und mit der Zeit ihre eigene militärdemokratische Ordnung entlang der Flüsse Don und Dnjepr gebildet hatten.

Nach einem Volksaufstand 1648 gegen die Polen und langgezogenen Kämpfen war es zur Bildung des unabhängigen Herrschaftsverbands Hetmanat gekommen.

Der Herrscher war ein legendärer Anführer, Hetman Bohdan Chmelnyzkyi, der wie die Hetmans vor ihm in einer Großversammlung gewählt wurde. „Lasst uns stehen, Brüder, in blutigem Kampf von Syun bis Don. Wir werden niemanden in unserem Heimatland fallen lassen“ – so wird diese Zeit in der Hymne kommentiert.

Schewtschenko litt selbst unter Überfällen der Truppen der Zarenarmee und unter dem verursachten Leid in den Dörfern. Ende des 17. Jahrhunderts fielen ukrainische Gebiete, damals unter Teilung Polens, an das sich ständig vergrößernde Russische Reich, während Galizien in der Westukraine von Österreich-Ungarn vereinnahmt wurde. Die ukrainische Sprache und Kultur waren massiver Russifizierung ausgesetzt, während die österreichischen Gebiete sich freier entfalten durften.

Taras Schewtschenkos Dichtung und Prosa sind sehr poetisch, aber spiegeln gleichzeitig viel Leid wider. Sie sind gelebte Geschichte in Emotion, die jeder Schüler mal auswendig lernen musste. Und diese Dichtung kommt jetzt zum Leben und wird zitiert, während der große Dichter auf Plakaten als ein rebellischer Kämpfer dargestellt wird.

Dies kann man wohl als Leitspruch des ukrainischen Volkes bezeichnen. „Es ist ein wichtiger Teil des Überlebens, wenn die Heimat Halt gewährt. Sonst wäre das Leben in einem Land, das unter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erosion zusammenbricht, noch unerträglicher“, äußert sich dazu die Soziologin Oxana Troschtschuk. Denn bereits seit der Annexion der Krim Anfang 2014 leidet die Bevölkerung unter der wirtschaftlichen Krise und der steigenden Inflation, die irgendwann zu unerschwinglichen Preisen vieler Lebensmittel geführt haben.

Diese Krise der vergangenen acht Jahre wurde durch zahlreiche Gebete ukrainischer Frauen begleitet. Bereits während der Majdan-Revolution standen manche katholischen und orthodoxen Priester Schulter an Schulter mit dem Volk und standen sogar beim Gebet unter Beschuss. Damals waren es noch kräftige Ukrainer eines Sonderkommandos, die von der prorussischen Regierung beauftragt wurden, auf das eigene Volk zu schießen.

So, wie es immer wieder im Verlauf der Jahrhunderte war, ist es auch heute: Das ukrainische Volk muss sein Territorium gewaltsam gegen Fremdbestimmung verteidigen und dabei bis ans Äußerste gehen. „Wir werden unsere Seele und unseren Körper für unsere Freiheit hingeben, und wir werden zeigen, dass wir, Brüder, von kosakischer Abstammung sind“, singen die Ukrainer gerade jetzt ihre Hymne, bis sie sich in eine Art Gebet verwandelt. Auch inmitten der Kämpfe der Majdan-Revolution ist sie erklungen. Patriotismus ist im ukrainischen Kontext keineswegs mit Nationalismus gleichzusetzen. Er ist der Grund, warum die Ukraine existiert.

Von Olga Kusmina*

*Olga Kusmina ist Ethnologin und sieht sich selbst als Weltbürgerin und Ukrainerin. Für diesen Gastbeitrag hat sie vor allem den Patriotismus in der Ukraine im Blick gehabt.

Standpunkt

von Götz Schaub

Die Bilder aus der Ukraine sind nicht erst seit jenen aus Butscha nicht auszuhalten. Doch Deutschland hält eisern an seinen Interessen fest, wenn es um Sanktionen gegen Putin geht und weist stattdessen lieber nur russische Diplomaten aus. Das wird dem Ernst der Lage nicht gerecht. Die Ukrainer kämpfen verzweifelt um ihr persönliches Überleben, aber auch um das Überleben ihrer Wertvorstellung wie ein Staat ausgerichtet sein sollte. Sie kämpfen für den Erhalt ihrer noch jungen Demokratie. Sie kämpfen auch für unsere Werte und unsere Freiheit. Es ist absolut zu verstehen, dass Präsident Selenskyj und Kiews Bürgermeister Klitschko enttäuscht sind von Deutschland. Wenn wir schon als Nato-Land nicht direkt eingreifen können, um nicht gleich den Dritten Weltkrieg herauszufordern, müssen wir alles tun, damit dieser Krieg möglichst schnell und effektiv beendet wird, indem die Ukraine über die notwendigen Waffen verfügt und Russland so hart sanktioniert wird, dass Putin aus Rest-Europa keinen einzigen Rubel mehr für die Kriegskasse bekommt. Schöne Forderung, aber unrealistisch, sagen viele, auch unsere Regierung. Die Frage ist nur, wie soll sonst der Krieg möglichst schnell beendet werden? Während wir denken, schafft Putin jeden Tag Fakten und legt ganze Städte mit Mann und Maus, Frauen und Kindern in Schutt und Asche. Die Bürgerbewegung Campact steht für eine progressive Politik, die pro Ukraine eingestellt ist. Kriegsverbrechen müssen Konsequenzen haben. Gleich heute, damit nicht noch mehr geschehen. Deshalb fordert Campact: Import von russischem Öl stoppen, Gas-Pipeline Nord Stream 1 abdrehen, Einfuhr von Metallen aus Russland beenden. Richtig so. Wir können nicht weiter nur zuschauen, wie Menschen erst gedemütigt und vergewaltigt werden, bevor sie auf welche Weise auch immer getötet werden, bei Angriffen verbrennen oder unter den Trümmern ihrer Häuser ihr Leben aushauchen. Putin lenkt niemals von sich aus ein. Wenn nichts passiert, führt er uns weiter nur vor und es wird weiter unschuldige Menschenleben kosten, auf ukrainischer und auch auf russischer Seite.