Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Krieg verschärft Lage der Bauern
Marburg Krieg verschärft Lage der Bauern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 28.04.2022
Auf einem Feld wird mit einem Mähdrescher Roggen gedroschen. Die Ernten werden angesichts des Krieges in der Ukraine künftig geringer ausfallen, sodass heimische Bauern vor großen Herausforderungen stehen.
Auf einem Feld wird mit einem Mähdrescher Roggen gedroschen. Die Ernten werden angesichts des Krieges in der Ukraine künftig geringer ausfallen, sodass heimische Bauern vor großen Herausforderungen stehen. Quelle: Patrick Pleul
Anzeige
Sarnau

Preise steigen rapide an, die Lebensmittelindustrie ächzt, Tierhalter geben ihre Tiere mangels Futter-Nachschub ab. Der Krieg in der Ukraine hat enorme Auswirkungen, auch heimische Landwirte spüren das. Der Kreisbauernverband Marburg-Kirchhain-Biedenkopf hat sich zuletzt mit dem Thema befasst und einen Blick auf die Marktlage und die europäische Agrarpolitik geworfen.

In der Gaststätte „Zur Aue“ in Sarnau hält auch der Präsident des Hessischen Bauernverbandes (HBV), Karsten Schmal, einen ganz und gar nicht optimistischen Vortrag: Er weist darauf hin, dass 400 Millionen Menschen weltweit von der Produktion der Ukraine abhängig seien. Deren Produktion laufe derzeit gebremst, da etwa 30 Prozent der Flächen nicht verfügbar sind. Die Auswirkungen des Krieges auf die Rohstoffmärkte seien nicht einschätzbar, da unklar sei, welche Mengen fehlen.

Die Unsicherheit führe bei der Nahrungsmittelproduktion nicht nur zu extremer Preistreiberei, dieser Krieg habe auch Einfluss auf die gesamte Lebensmittelproduktion Deutschlands. Er verschiebe die globalen Exportströme von Winter- und Sommergetreide, Hülsenfrüchten, Sojabohnen, Sonnenblumenkernen, Winterraps, Mais und Honig weil die Anbauflächen zu fünfzig Prozent im Kriegsgebiet liegen.

Dünger-Preis steigt um 500 Prozent

Zudem führen hierzulande die Abhängigkeit von Düngerexporten Russlands zu weiteren großen Problemen in der Landwirtschaft. Die Exportbeschränkungen ließen nicht auf eine stabile Versorgungslage hoffen. Schon jetzt seien die Preise für Dünger um 500 Prozent gestiegen, zudem machen die hohen Gaspreise eine eigene Düngerproduktion vollkommen unwirtschaftlich, so Schmal.

Sein Vortrag wirft im Publikum und bei der anschließenden Diskussion unter anderen die Frage unter den Verbandsmitgliedern auf, ob man es sich in der aktuellen Situation noch leisten könne, Flächen stillzulegen. Darauf antwortet Kreislandwirt Frank Staubitz mit deutlichen Zahlen: Seit 1975 seien bereits eine Million Hektar Anbaufläche verschwunden – in den vergangenen 40 Jahren kamen in Marburg-Biedenkopf 12.000 Hektar Anbaufläche abhanden. 3. 000 Hektar Ackerland und 20.000 Hektar Grünland stehen derzeit noch zur Verfügung.

Aktuell stiegen regionale Tierhaltungsbetriebe in großer Zahl aus der Tierhaltung aus, da unter anderem die Ukraine als wichtiger Futtergetreidelieferant wegbricht und die Mischfutterpreise rapide gestiegen sind. Die Anzahl der Milchkühe sei bundesweit von 4,3 Millionen auf 3,7 Millionen gesunken. Auch werden Ernten künftig geringer ausfallen und somit auch die Herausforderungen an die hiesige Landwirtschaft um ein Vielfältiges steigen, so lautet das Fazit der Diskussion.

Rückkehr zur konventionellen Landwirtschaft?

Der Branche, die die Ernährung auch künftig sichern soll, fehlt nicht nur der Nachwuchs. Sie hat insbesondere mit den (Klima)Auflagen der EU und Politik zu kämpfen. Der Verbraucher habe sich zwar seit der Corona-Krise in Verbindung mit den Hamsterkäufen an den Anblick leerer Regale im Supermarkt gewöhnt, doch wird er das auch in Zukunft tun müssen, weil nicht mehr alles verfügbar sein wird.

Hinsichtlich der steigenden Preise und Nachfragen sei zu überlegen, ob es trotz der Agrarreform GAP 23, die für freiwillige, einjährige Umweltmaßnahmen in der Landwirtschaft eine Förderung von insgesamt eine Milliarde Euro vorsieht, ein Zurück zur konventionellen Landwirtschaft geben muss. Die Erträge könnten damit pro Hektar je nach Bodenbeschaffenheit etwa doppelt so hoch liegen. Auch sei die Kohlenstoffdioxid-Bilanz beim konventionellen Anbau durch wesentlich mehr Pflanzen auf dem Quadratmeter höher als bei Biopflanzen.

Verbandsvorsitzende Karin Lölkes hofft nun auf gute Ernten und Erträge, damit die Versorgungssicherheit und der Zusatzbedarf, der auch durch mehr Geflüchtete entstehe, ebenso wie die Bezahlbarkeit gewährleistet werden können.

„Wie es weitergeht, ist absolut nicht abschätzbar, wir werden aber keinen Hunger leiden müssen“, betont Lölkes.

Von Elvira Rübeling