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Marburg Reise in ein neues Leben
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08:56 09.03.2022
Tetiana Baum empfängt die Geflüchteten vor der „Ukrainehilfe“ mit kostenlosen Getränken.
Tetiana Baum empfängt die Geflüchteten vor der „Ukrainehilfe“ mit kostenlosen Getränken. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Ein rotes Herz auf grauem Pflaster. Der kleine Eugen malt das Herz, seine große Schwester Arina schreibt in kyrillischen Buchstaben „Marina“ daneben. So drücken die beiden Geschwister auf dem Vorhof des Georg-Gaßmann-Stadions ihre Liebe für ihre Tante Marina Hein aus. Bei ihr haben sie mit ihrer Mutter vor den Wirren des Krieges Zuflucht gefunden. „Den Kindern geht es ganz gut, aber für ihre Mutter, meine Schwägerin, ist es sehr schwer“, sagt Marina Hein und nimmt lächelnd ein Gänseblümchen entgegen, das ihr die neunjährige Arina gepflückt hat.

Auch sie, die seit 20 Jahren in Marburg wohnt, muss mit den Tränen kämpfen, als sie erzählt, dass ihr Bruder, der Vater von Arina und Eugen, noch in der Ukraine ist, weil Männer zwischen 18 und 60 Jahren nicht ausreisen dürfen. „Er versucht vor Ort den Menschen zu helfen, er fährt mit seinem Auto vor allem ältere Leute an die Grenze nach Polen“, erzählt sie von ihrem Bruder, der rund 300 Kilometer entfernt von Kiew lebt. Dann bricht ihre Stimme. „Charkiw ist zerbombt und in unserer Heimatstadt ist ein Bus mit vielen Waisenkindern angekommen, vielleicht kann mein Bruder zwei adoptieren und sie zu uns bringen, damit wir diese Kinder retten können“, sagt die Erzieherin und wischt sich eine Träne weg.
Es sind bewegende Schicksale, die derzeit vor dem Georg-Gaßmann-Stadion erzählt werden.

Zentrale Anlaufstelle

Dort hat die Stadt Marburg die Ukraine-Hilfe eingerichtet, die zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine. Bis Montagabend sind neben Marina Heins Schwägerin und ihren Kindern insgesamt rund 130 Geflüchtete dorthin gekommen, erklärt Regina Lang, Leiterin des Ordnungsamtes. Mitarbeiter der Ausländerbehörde, Sozialamt und Fachdienst Migration und Flüchtlingshilfe arbeiten hier Hand in Hand mit Freiwilligen. Sie alle koordinieren die Hilfe in einem Raum der Sporthalle der Kaufmännischen Schule. An zwei langen Tischreihen wird den Geflüchteten ihr Ankommen so leicht wie möglich gemacht.

„Die Ukrainerinnen und Ukrainer können sich an dieser zentralen Anlaufstelle für das Stadtbüro anmelden, ihre Daten für die Ausländerbehörde abgeben und auch die Nothilfe für die Sozialen Leistungen beantragen“, erläutert Lang.

Montagnachmittag herrscht rege Betriebsamkeit. Zahlreiche Familien sitzen an den Tischen, lassen ihre Pässe fotokopieren und sich über das Leben in Marburg informieren. Neben Erstinformationen, der Hilfe bei Anmeldungen und Anträgen zur finanziellen Unterstützung, wird den Menschen hier auch mitgeteilt, dass sie sich völlig unbürokratisch auf Corona testen und gegen Covid impfen lassen können. Auch um die medizinische Versorgung wird sich gekümmert. So sei zum Beispiel organisiert worden, dass zwei Frauen, die aufgrund ihrer Flucht ihre Chemotherapie unterbrechen mussten, nun im UKGM weiter behandelt werden, erzählt Lang.

Einer der freiwilligen Helfer im Raum in der Sporthalle am Gassmann-Stadion ist Pavlo Hryuyavskyy. Vor zweieinhalb Jahren kam der BWL-Student zum Studium nach Marburg. Seine Gedanken sind bei seiner Familie in Lemberg, dem derzeitigen Dreh- und Angelkreuz für Flüchtende. „Die letzten Tage bin ich nur damit beschäftigt, mir Sorgen zu machen. Ich hatte Klausurphase, aber lernen konnte ich nichts“, gibt er zu. Für den Ukrainer ist es deshalb selbstverständlich, am Georg-Gassmann-Stadion den Menschen zu helfen, die aus seinem Heimatland fliehen. „Diese Arbeit lenkt mich ein bisschen ab“, sagt er. Er hofft, dass auch seine Familie bald zu ihm kommen kann.

So können Sie helfen

Die „Ukrainehilfe“ ist zu finden am Georg-Gassmann-Stadion, Leopold-Lucas-Straße 46B und ist montags bis freitags jeweils von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Die eingerichtete Hotline ist wochentags von 9 bis 16 Uhr unter der Nummer 0 64 21 / 201 40 00 oder per E-Mail an ukrainehilfe@marburg -stadt.de erreichbar.

Große Schilder in den ukrainischen Farben Blau und Gelb weisen den Weg vom Parkplatz an der Leopold-Lucas-Straße zur „Ukrainehilfe“ und den Ansprechpersonen der Stadt. Hier arbeiten alle zuständigen Fachdienste der Stadt wie Ausländerbehörde, Sozialamt und Fachdienst Migration und Flüchtlingshilfe zusammen. Alle Ankommenden werden gebeten, sich hier zu melden. Sie erhalten hier alle wichtigen Erstinformationen, Hilfe bei Anmeldungen und Anträgen, zu finanzieller Unterstützung, medizinischer Versorgung oder auch Corona-Infos zum Testen und Impfen – alles in deutscher und ukrainischer Sprache.

Außerdem kümmert sich die „Ukrainehilfe“ um die Unterbringung und Unterkünfte für die Menschen. Nach Angaben von Regina Lang, der Fachbereichsleiterin für Öffentliche Sicherheit, Ordnung und Brandschutz, sollten keine Spenden zur „Ukrainehilfe“ gebracht werden. Stattdessen sollen Bürgerinnen und Bürger ihre Hilfsangebote per E-Mail oder über die Hotline anmelden, damit diese eingetragen und koordiniert werden können. „Egal, ob Sprachkenntnisse, Umzugshilfe, freie Wohnungsangebote – wir tragen alle Hilfen zusammen und vermitteln sie bedarfsgerecht weiter“, sagte Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies dazu in einer Mitteilung.

von Nadine Weigel