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Marburg Überholen von Radfahrern kann verboten werden
Marburg Überholen von Radfahrern kann verboten werden
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19:56 07.05.2020
Ein Radfahrer fährt am Pilgrimstein neben einem Fahrzeug. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wenn es zu eng und unübersichtlich an einer Stelle auf der Straße wird, kann die Stadt Marburg ein neues Verkehrszeichen aufstellen – und so ein Überholverbot von Fahrrädern anordnen. Das sieht die neue bundesweit geltende Straßenverkehrsordnung (StVO) vor.

„Zur Verbesserung der Sicherheit des Radverkehrs“ fordern die Linken nun eine solche Regelung – zuerst in der Ketzerbach, im Anschluss und nach Prüfung für weitere Straßen.

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Es ist eine Forderung, die schon von der Bürgerinitiative Verkehrswende bei der Radverkehrs-Zählung im Sommer 2019 erhoben wurde. So könne es ein Ende „der gefährlich engen Überholpraxis“ geben, was in der Ketzerbach speziell die Gefahr durch Lkw minimieren würde, wie Linken-Verkehrspolitiker Henning Köster sagt. Die Voraussetzungen zur Einrichtung eines Überholverbotes seien in der Ketzerbach „mit Sicherheit gegeben“.

Spies: Wer überholt, gefährdet im Ernstfall andere

Zentral bei der bundesweiten Neuregelung der Straßenverkehrsordnung ist eine klare Festschreibung des Mindestabstands beim Überholen – auch von Fußgängern – durch Kraftfahrzeuge von 1,5 Meter innerorts und zwei Meter außerorts. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) betonte in der Vergangenheit immer wieder, dass schon jetzt Autos „praktisch in vielen Teilen der Stadt“ keine Radfahrer überholen dürften.

Wer das doch tue, etwa entlang des Pilgrimsteins „gefährdet im Ernstfall andere“. Das Platzproblem droht sich speziell in Marburg eher zu verschärfen: Denn laut Neu-StVO müssen Radfahrer nun auch nicht mehr hinter-, sondern dürfen nebeneinander fahren.

Auf den Radwegen wird es eng

Köster nagelt Spies jedenfalls auf die Überhol-Problematik fest und verlangt an den engsten Stellen in der Stadt eine Überholverbots-Beschilderung samt regelmäßigen Kontrollen. „Es gibt immer mehr Radfahrer und die brauchen mehr Platz, mehr Sicherheit. Dafür kann man, dafür sollte man jetzt sorgen“, sagt er.

Der Rad-Anteil am Gesamtverkehr sei speziell in den vergangenen Corona-Lockdown-Wochen massiv gestiegen. Und auf einigen Radwegen – die auch von Spaziergängern und vermehrt von Sportlern benutzt werden – sei es „unangenehm eng geworden“, selbst das geltende Corona-Abstandsgebot von 1,5 Metern zueinander sei so „nicht immer einzuhalten“.

Gratis-Verleihe haben Nachfrage erhöht

Laut Nahverkehrsplan aus dem Jahr 2018 entfallen in der Universitätsstadt auf Autos, Motorräder und Mopeds 64,5 Prozent, auf den Bus- und Schienenverkehr 15,4 Prozent, auf Fußgänger 14,7 Prozent und auf Radverkehr 5,4 Prozent am Gesamtanteil der täglich zurückgelegten Wege. Aber nicht zuletzt das Gratis-Radleihsystem, E-Bikes und der Aufbau des Campus Firmanei dürften den Velo-Anteil mittlerweile erhöht haben.

Neben der Überholverbots-Regel will Köster auch eine vermehrte Ausweisung von Radstreifen-Markierungen und Fahrradstraßen. Die bislang einzige ihrer Art, die zwischen Frankfurter Straße und dem Hirsefeldsteg nach Weidenhausen verlief, wurde wegen der Kollisionsgefahr speziell von Radlern und Fußgängern Höhe Seniorenwohnheim „Auf der Weide“ zwar kritisch gesehen.

„Autos müssen raus aus der Straße“

Zuletzt mehrten sich aber die Stimmen auch aus der ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU, die Uferstraße als Fahrradstraße ins Auge zu fassen; etwas, das bereits vor drei Jahren im Radverkehrsentwicklungsplan auftauchte. Auch der Pilgrimstein ist in Kösters Visier: „Autos müssen raus aus der Straße.“ Von Pkw dürfte sie nur für die Parkhaus zu- und abfahrt befahren werden.

So läuft Hygiene bei Gratis-Rädern

Vom Einkaufswagen bis zum Türgriff – überall in der Universitätsstadt wird desinfiziert. Doch wie sieht es bei den Leihrädern in Marburg aus? Beobachter bemängeln die mangelnde Pflege, vor allem die unregelmäßige Reinigung der „Nextbike“-Räder. Wie die Stadtverwaltung auf OP-Anfrage mitteilt, gibt es derzeit 230 Fahrzeuge an 34 Stationen. Je drei Mal täglich sei jedes „Nextbike“ in den vergangenen beiden Jahren durchschnittlich ausgeliehen worden – insgesamt waren es je rund 250.000 Ausleihen.

In den ersten drei Wintermonaten im laufenden Jahre wurde jedes Fahrrad im Schnitt ein bis zwei Mal täglich ausgeliehen – insgesamt 28.300 Ausleihen. Das ist aber ein Einbruch um 13.000 im Vergleich zum Vorjahr. Interpretation der Stadt: „Dies liegt sicherlich auch daran, dass viele Menschen der Aufforderung nachkommen, zu Hause zu bleiben.“

Für die Wartung und Reinigung der Räder sei jedenfalls geschultes Servicepersonal des Anbieters zuständig. Nach Auskunft von Nextbike überprüfe man die Mietfahrräder „regelmäßig auf Funktionstüchtigkeit“ und lege „nochmal ein besonderes Augenmerk auf die Reinigung und Desinfektion berührungsintensiver Oberflächen, wie etwa Lenkergriffe und Sattelspanner“.

Die Desinfektion nach jeder Nutzung könne aber „nicht gewährleistet werden“, Infomaterial zu Hygiene und Sauberkeit lasse man aber Nutzern etwa auch über das Internet zukommen. Wie auch bei anderen Oberflächen im öffentlichen Raum liegt die Hygiene-Beachtung bei den Rädern laut Stadtverwaltung auch in der Verantwortung der Nutzer. Bei der Bewegung im öffentlichen Raum könne mit den Leihfahrrädern jedenfalls der Mindestabstand zu anderen Menschen leicht eingehalten werden.

Von Björn Wisker

07.05.2020
07.05.2020
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