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Marburg „Ich will hier nicht weg“
Marburg „Ich will hier nicht weg“
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13:00 20.09.2020
Ubah Qule soll abgeschoben werden. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Wieder gab es eine Absage. Wieder wurde Ubah Qule vom Regierungspräsidium Gießen unmissverständlich klar gemacht, dass sie in Deutschland nicht willkommen ist. „Der Aufenthalt ihrer Familie in der Bundesrepublik Deutschland soll durch eine Beschäftigung ihrerseits nicht weiter verfestigt werden“, heißt es in dem Schreiben der Ausländerbehörde.

Dabei hat die 35-Jährige aus Somalia alles dafür getan, um mit ihren beiden Söhnen in Deutschland und in Marburg anzukommen. Sie hat die Sprache gelernt, ihren Hauptschulabschluss geschafft, sich eine Arbeitsstelle besorgt, sogar einen Ausbildungsplatz als Pflegehelferin hatte sie schon gefunden. Doch jeder Antrag auf Asyl oder für eine Beschäftigungserlaubnis wurde abgelehnt. „Ich möchte hierbleiben, aber Deutschland will mich nicht“, sagt sie und senkt die Augen. Dabei ist ihr zweiter Sohn schon in Marburg geboren, eine deutsche Staatsbürgerschaft hat er aber nicht bekommen. Die drei werden seit 2015 geduldet, das Damoklesschwert der Abschiebung hängt seitdem täglich über ihnen.

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Hoffnung schwindet

Das Regierungspräsidium beruft sich in seinen Ablehnungen auf die Dublin-III-Verordnung, die auf einen völkerrechtlichen Vertrag beruht. Der bestimmt, welcher Staat für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaft gestellten Asylantrags zuständig ist. Also drängt Hessen darauf, dass Ubah Qule zurück nach Spanien gehen soll. Dorthin, wo sie nach ihrer Flucht das erste Mal einen Fuß auf europäischen Boden gesetzt hat. „Sie und ihr (ältester) Sohn sind seit 2014 vollziehbar zur Ausreise aus der Bundesrepublik verpflichtet. Ihr Zielstaat ist Spanien, weil sie dort internationalen Schutz zuerkannt bekommen haben“, schreibt das Regierungspräsidium immer wieder in seinen Bescheiden. Gleiches gilt auch für ihren jüngsten Sohn. Auch er wird zur Ausreise aufgefordert. „Der Zielstaat ist aus familiären Gründen ebenfalls Spanien“, heißt es weiter. Ubah Qule hat dagegen Einspruch eingelegt, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, deswegen darf sie noch weiter in Marburg bleiben. Ihr Ausweis wurde erst einmal wieder bis November verlängert.

„Wir können nicht nach Spanien“, sagt sie traurig. „Dort müssen wir auf der Straße leben. Es gibt dort keine Hilfen und wir können uns auch nicht verständigen“, hat sie große Angst vor der Abschiebung. Sie weiß von anderen Geflüchteten, dass die Spanier die Rückkehrer aus Deutschland gar nicht haben wollen, weil sie schon jetzt mit der Situation völlig überfordert sind. „Wenn ich über eine andere Route nach Deutschland gekommen wäre, dann wäre eine Bewilligung überhaupt kein Problem. Nach Italien wird beispielsweise niemand abgeschoben“, sagt die gelernte Friseurin. Ebenso wird von Bundesland zu Bundesland anders entschieden. Ihre Mutter lebt mit einigen von Ubah Qules Geschwistern in Nordrhein-Westfalen, „deren Asylantrag wurde problemlos bewilligt.“ Warum zieht sie nicht um? „Ich darf Marburg nicht verlassen, solange ich nur geduldet bin. Es sind nur kurze Besuche erlaubt“, erklärt sie und schiebt nach: „Manchmal fühle ich mich wie im Gefängnis, nur mit offenen Türen.“

Dolmetscherin, Familienpatin und Kinderbetreuerin

Sie ist verzweifelt, hat nur noch wenig Hoffnung auf einen positiven Bescheid. Trotzdem hat sie sich jetzt Unterstützung durch einen Anwalt gesucht. „Freunde helfen mir finanziell. Ohne sie hätte ich wohl schon aufgegeben“, ist sich Ubah Qule sicher. Denn mit einem Umzug nach Spanien würde sie ihr komplettes soziales Umfeld verlieren und das Waldtal eine ihrer sozial sehr engagierten Frauen. Weil die Somalierin vier Sprachen spricht, wurde und wird sie oft als Dolmetscherin beim AKSB (Arbeitskreis soziale Brennpunkte) eingesetzt. Sie war eine Zeit lang als Familienpatin im Stadtteil unterwegs und hat sich auch in der Deutschkurs-Kinderbetreuung engagiert. „Ich fühle mich sehr wohl im Waldtal, werde dort schon als die ,internationale Frau’ begrüßt“, erzählt die gläubige Muslimin und muss lächeln. „Ich lebe gern in Marburg. Es ist wunderbar, vor allem die gute Nachbarschaft“, betont sie und berichtet, dass ihre beiden Söhne aktiv beim VfL Marburg Fußball spielen. Das Regierungspräsidium in Gießen möchte das alles nicht, legt der Familie „eine freiwillige Ausreise nach Spanien“ nahe.

Jedes Mal, wenn es Post aus Gießen gibt, dann fließen in Marburg viele Tränen. „Der Stress, der Druck und die Ungewissheit werden immer größer. Auch bei meinen Kindern“, beschreibt Ubah Qule, was in ihr vorgeht. „Aber ich kann nicht aufgeben“, bleibt sie trotz allem kämpferisch. Ihr Jüngster hat sich überlegt, mal mit Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies Kontakt aufzunehmen. „Er hofft so sehr, dass der vielleicht helfen kann“, sagt die Mutter und sie schöpft wieder ein bisschen Hoffnung.

von Katja Peters

Standpunkt

von Katja Peters

Ubah Qule hat alles gemacht, was die Gesellschaft von einem Flüchtling erwartet: Deutsch gelernt, sich sozial engagiert, Schulabschluss nachgeholt, einen Ausbildungsplatz als Krankenpflegehelferin gefunden. Gelungene Integration sozusagen. Alles richtig gemacht. Oder doch nicht? Denn jetzt kommt die oberste Behörde und zerstört das alles. Das Regierungspräsidium Gießen hat den Asylantrag abgelehnt. „Sofort zurück nach Spanien“ ist zwischen den Zeilen des Ablehnungsbescheides zu lesen. Denn dort war die Mutter nach ihrer Flucht als erstes gelandet. Derzeit wird Ubah Qule geduldet, weil sie gegen den Bescheid Einspruch eingelegt hat. Fünf Jahre lebt sie nun schon mit der Ungewissheit über ihre Zukunft, aber mit der Gewissheit, dass die deutschen Behörden lieber heute als morgen die Abschiebung vollstrecken möchten. Für mich das falsche Zeichen und ein Schlag ins Gesicht derer, die bei der Integration helfen und auch derer, die sich integrieren wollen. Dabei werden doch gerade in der Pflege dringend Leute gebraucht. Während Ubah Qule abgeschoben werden soll, werden aufgrund eines anderen Abkommens gerade tausende Asiaten nach Deutschland geholt und für den deutschen Arbeitsmarkt als Krankenpfleger und -schwestern fit gemacht. Ob die aber langfristig in der Bundesrepublik bleiben, steht nicht fest. Ubah Qule möchte gerne bleiben und eines Tages als Krankenschwester arbeiten. Aber Deutschland will sie nicht, jedenfalls nicht die Behörden.

19.09.2020
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