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Marburg US-Reisestopp: Kind bangt um Krebs-Therapie
Marburg US-Reisestopp: Kind bangt um Krebs-Therapie
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21:58 16.03.2020
Mathilda (6) bekommt seit Monaten in New York eine Krebs-Therapie. Wegen des gültigen US-Einreisestopps droht sie, den nächsten Behandlungs-Termin dort zu verpassen - mit eventuell dramatischen Folgen. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Das US-Einreiseverbot trifft einige Mittelhessen ebenso unvorbereitet wie hart. Doch kaum jemand droht so unter den Konsequenzen zu leiden, wie die kleine Mathilda, die seit einiger Zeit regelmäßig in New York City therapiert wird. Die Sechsjährige leidet an einem Neuroblastom, einer bösartigen Krebserkrankung im Kindesalter. Bundesweit erkranken jährlich rund 120 Kinder an dieser Art Tumor – also ein relativ seltenes Krankheitsbild. Eines, auf das nur eine ebenso spezielle, neuartige Therapie passt. Und Mathilda bekommt diese seit mehr als einem Vierteljahr in New York. Ihre einst in Niederwalgern lebende Familie fliegt seit November 2019 regelmäßig in das Memorial Sloan Kettering Cancer Center; dort bekommt das Mädchen Krebs-Impfungen. Doch jetzt ist die Angst um die Gesundheit von Mathilda riesig: „Niemand weiß, wie und wann es für uns weitergehen kann“, sagt ihre Mutter Rebecca Schmidt im OP-Gespräch. Die Englisch-Lehrerin, die in Marburg unterrichtete und bei einem Spendenaufruf im vergangenen Jahr auch von Ex-Schülern etwa der Elisabeth-Schule Unterstützung bekam, kämpft seit der Trump-Entscheidung vergangene Woche um eine Lösung. „Wir müssen irgendwie hin- oder an das Medikament kommen“, sagt sie.

Arznei muss schnell verabreicht werden

Das Problem: Die experimentelle Arznei hat nicht nur eine Geheim-Rezeptur, sie muss auch spätestens 20 Minuten nach der Herstellung in der Klinik verabreicht werden – ein Transport des fertigen Impfstoffs von New York nach Deutschland ist also unmöglich. Am 5. Mai müsste Mathilda eigentlich die nächste Therapie-Spritze bekommen, maximal ein paar Tage später. Hauptgrund für das enge Zeitfenster ist die nachlassende Wirksamkeit der jeweils vorangegangenen Impfung –die es am 11. Februar gab. Zudem ist das Mädchen Teil einer internationalen Studie, in der für alle Erkrankten dieselben Bedingungen gelten müssen. Mathilda sei nach den ersten drei von insgesamt sieben Spritzen bis Ende dieses Jahres in einer „ganz kritischen Phase“, da ihr Körper laut den Ärzten nun zeigen müsse, was er in den vergangenen Monaten gelernt habe: Greift das Abwehrsystem neue bösartige Zellen an oder bleibt das aus, gibt es gar einen Rückfall? „Eine Katastrophe, wenn alles daran scheitert, dass wir nicht einreisen dürfen."

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Nachdem alle Möglichkeiten in Deutschland ausgeschöpft waren, entschied sich die Familie vor einem Jahr für eine 200 000 Euro teure und von Spenden auch von Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf finanzierte Antikörper-Therapie in Barcelona (die OP berichtete). Sozusagen als Vorstufe des New-York-Ansatzes, sollte Mathildas Immunsystem dort lernen, ständig bösartige Zellen zu erkennen und bekämpfen zu können. Das war erfolgreich, die Werte gut, woraufhin für die heute Sechsjährige in den USA der nächste Schritt anstand. Ein Weg, ein Experiment das deutsche Mediziner skeptisch sehen. „Als Eltern müssen wir aber einfach alles für unser Kind versuchen, ihr alle Waffen geben, die sie für ihren Kampf kriegen kann“, sagt Rebecca Schmidt.

Dramatische Situationen erlebt

Was Mathilda schon durchgemacht habe und weiter durchmache – darunter Chemotherapien samt Schwerhörigkeit – „ist die Hölle. Aber sie ist es, die unsere Familie mit ihrer Art, mit ihrem Wesen trägt. Sie lebt einfach und will das, was Kinder so wollen: spielen, lernen – und Ärztin werden, weil sie schon so viele Freunde, die wie sie krank waren und es nicht geschafft haben, verloren hat." Auch wenn Rebecca und Patrick Schmidt ihren Kindern – auch Mathildas kleiner Schwester, der vierjährigen Paula – die aktuelle Angst nicht zeigen wollen: Manchmal werden sie von Emotionen, von Tränen überwältigt. Wenn Mathilda einen Rückfall hat, geschwächt ist und gar vom Tod spricht. „Sie musste schon so viele furchtbare Szenen und dramatische Situationen erleben. Kinder merken es, unsere wissen schon so viel, zu viel über das alles.“ 18 Mal flog die Familie für die Krebs-Heilung vergangenes Jahr zwischen Barcelona und Mittelhessen hin und her, bisher ging es drei Mal in die USA und zurück – samt Sightseeing mit Mathilda, die wegen Kinderfilmen New York, dessen Wahrzeichen, liebt.

Doch der Familie bleibt derzeit nur die Hoffnung, dass es – was Experten für unwahrscheinlich halten – beim 30-tägigen Einreisestopp bis Mitte April bleibt. Oder, dass sich im täglichen Austauch mit US-Klinik und Behörden für Mathilda die Regelung umgehen lässt und so ihr „Wunder von Manhattan“ wahr werden kann.

Von Björn Wisker

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