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Marburg UKGM zahlt erstmals „Kopfprämie“
Marburg UKGM zahlt erstmals „Kopfprämie“
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20:00 27.10.2021
Wird die „Willkommensprämie“ auch am UKGM in Marburg kommen? Dazu blieb die Antwort leider aus.
Wird die „Willkommensprämie“ auch am UKGM in Marburg kommen? Dazu blieb die Antwort leider aus. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Krisenmeldungen in Sachen Personalmangel am UKGM Marburg reißen nicht ab: Nahezu täglich melden sich Patienten bei der OP, dass sie schlimme Situationen aufgrund der Engpässe am Klinikum erlebt haben. So zum Beispiel Alfred Ritterpusch, der seine 88 Jahre alte Mutter, die am Ortenberg stationär behandelt wird, am Dienstag zu einem Termin in die Radiologie auf den Lahnbergen gebracht hat. Um 10 Uhr sollte sie ihre Untersuchung bekommen. Dass es auch in der Radiologie personelle Engpässe gibt, ist bereits bekannt – auch darüber berichtete die OP bereits. Doch die Untersuchung von Ritterpuschs Mutter war erst um 15 Uhr beendet – nach satten fünf Stunden Wartezeit.

„Dann sollte sie auf den Abholdienst warten“, so Ritterpusch. Man habe seine Mutter in ein kleines Zimmer gesetzt – „Daraufhin erwähnte meine Mutter, dass die Tür bitte offen bleiben soll – sie hat nämlich Platzangst.“ Doch sei die resolute Antwort gekommen, dass die Tür zubleibe. Erst nach der mehrmaligen eindringlichen Bitte, die Tür offen zu lassen, „schaltete sich ein Mitarbeiter der Security ein, danach blieb die Türe auf“, so Alfred Ritterpusch.

„Ich finde es furchtbar, wie dort mit älteren Menschen umgegangen wird“

Er war derzeit zu Hause, rief gegen 17 Uhr auf der Station am Ortenberg an und erfuhr, dass seine Mutter noch nicht da sei. „Wir haben auch schon nachgeforscht, wo sie bleibt“, habe die Antwort geheißen. „Um 19.30 Uhr rief ich noch mal auf Station am Ortenberg an“ – doch seine Mutter war immer noch nicht da. „Also habe ich mich ins Auto gesetzt und meine Mutter auf den Lahnbergen abgeholt und zum Ortenberg gefahren.“ Für Ritterpusch steht fest: „Man kann eine 88-jährige Patientin nicht ohne Begleitung ins UKGM schicken.“ Er habe bereits die Beschwerdestelle am UKGM und auch den Leiter am Ortenberg, Professor Tilo Kircher, informiert, denn: „Ich finde es furchtbar, wie dort mit älteren Menschen umgegangen wird.“

Diese Situation zeigt: Personal wird am Klinikum dringend gebraucht. Vor diesem Hintergrund sorgt eine Stellenanzeige am Uni-Klinikum Gießen derzeit für Aufruhr. Denn das UKGM sucht Gesundheits- und Krankenpfleger für seine Intensivstationen – so weit nicht außergewöhnlich. Neu ist jedoch, dass das Klinikum nun eine „Willkommensprämie“ in Höhe von 5 000 Euro für eine Vollzeitstelle verspricht, wenn sich Pflegekräfte für mindestens zwei Jahre am Klinikum verpflichten.

Das ist ein Paradigmenwechsel. Denn noch vor zwei Jahren hatte Dr. Gunther K. Weiß, Vorsitzender der UKGM-Geschäftsführung, eine solche Prämie noch kategorisch ausgeschlossen. Schon damals gab es einen Pflegenotstand am UKGM, und schon damals hieß es, andere Häuser würden mit Prämien gezielt Kräfte abwerben – ein Vorwurf, der erneut laut wurde, als bekannt wurde, dass nahezu alle Pflegekräfte einer chirurgischen Station in Marburg geschlossen ans Evangelische Krankenhaus in Gießen wechseln (die OP berichtete). Weiß sagte damals: „Wir beteiligen uns als UKGM nicht an derartigen Abwerbekampagnen für Pflegekräfte. Mit solchen Prämien schädigen sich Kliniken aus unserer Sicht nur gegenseitig und am Ende ist niemandem geholfen.“

Fabian Dzewas-Rehm

„Die Kolleginnen und Kollegen nehmen die Auslobung von 5 000 Euro Prämie als Affront wahr“

Fabian Dzewas-Rehm, Gewerkschaftssekretär

Nun also ein Umdenken. Wie kommt es dazu? Und: Ist ein solches Vorgehen auch für Marburg denkbar? Diese Frage wurde gestern auf OP-Anfrage vonseiten des Geschäftsführungsvorsitzenden nicht beantwortet. Allerdings äußerte sich Professor Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des Uni-Klinikums Gießen.

Corona habe in den vergangenen eineinhalb Jahren „zu einer sehr hohen Belastung des Pflegebereiches auf den Intensivstationen in Gießen geführt. Hieraus resultiert teilweise ein erhöhter Krankenstand, und Pflegekräfte sind aus Altersgründen oder um sich eine neue Funktion zu suchen, ausgeschieden“, so Seeger. Vor dem Hintergrund der ansteigenden Zahlen mit Covid-19-Fällen und der Versorgungspflicht, die das Uniklinikum in Gießen für die mittelhessische Region habe, müsse man nun zusätzliches Personal gewinnen.

„Wir wissen sehr wohl, dass ein Eintritt in diesen Bereich mit einer hohen persönlichen Belastung und zum Teil auch mit einem persönlichen Infektionsrisiko verbunden sein wird. Dieses wollen wir anerkennen, indem wir Pflegekräften, die sich dieser Aufgabe stellen wollen, und unter den anstrengenden Bedingungen einer Maximalversorgungsklinik zu arbeiten bereit sind, einen zusätzlichen Bonus zukommen lassen“, so Seeger. Daher zahle man nun diese Prämie, „bis wir den notwendigen Stand der Personalausstattung erreicht haben“.

Man wolle damit auch die Notwendigkeit des Einsatzes „kostenintensiver und ständig fluktuierender Leiharbeitskräfte zurückführen und die Belastungsdichte unserer Mitarbeiter im Intensivbereich nachhaltig reduzieren“.

Auf harsche Kritik stößt diese Prämie bei der Gewerkschaft Verdi. Der zuständige Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm verdeutlicht: „Die Kolleginnen und Kollegen nehmen die Auslobung von 5 000 Euro Prämie als Affront wahr.“ Denn: Alle würden sich über neue Kräfte freuen und diese auch wollen. „Diese können aber dauerhaft nur gewonnen werden, wenn sich strukturell etwas verändert. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und deutlich höhere Löhne“, so Dzewas-Rehm. Für ihn steht fest: „Der angebliche ,Fachkräftemangel’ ist ein Mangel an guten Arbeitsbedingungen. Viele Beschäftigte reduzieren ihre Stellen oder flüchten ganz aus dem Beruf.“ An dieser Stelle müsse das UKGM ansetzen. „Gerade die Kollektivkündigung am Uniklinikum Marburg müsste eigentlich ein Weckruf für die Geschäftsführung sein.“

Von Andreas Schmidt und Till Conrad

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