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Marburg UKGM nimmt Patienten aus Südhessen auf
Marburg UKGM nimmt Patienten aus Südhessen auf
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11:59 20.12.2021
Dr. Christian Höftberger, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, im Gespräch mit der OP.
Dr. Christian Höftberger, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, im Gespräch mit der OP. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg richtet sich darauf ein, weitere Corona-Patienten aus dem südhessischen Raum aufzunehmen. Das sagte UKGM-Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Christian Höftberger in einem Gespräch mit der OP. Der promovierte Jurist ist auch Vorstandsvorsitzender der Rhön AG.

Die Versorgungsregion Südhessen rund um die koordinierende Klinik in Darmstadt ist wegen Corona überlastet, hat keine freien Betten mehr auf ihrer Intensivstation. Es greift das sogenannte „Kleeblatt“-Prinzip, also eine Verlegung von Corona-Patienten in Regionen, in denen Kliniken noch Kapazitäten haben. In den vergangenen Tagen sind Patienten aus Darmstadt bereits in andere Kliniken verlegt worden – sechs auch ans UKGM. „Und es geht noch mehr“, sagt Höftberger.

Und das, obwohl in Marburg und Gießen 90 Prozent der vorzuhaltenden Intensivstrukturen mit Covid-Patienten belegt sind; davon wiederum waren in Gießen 80 bis 90 Prozent nicht geimpft, in Marburg 70 bis 80 Prozent.

Am Mittwoch lagen in Gießen zehn Covid-Patienten auf der Intensiv-Station, in Marburg sechs. Hinzu kamen 18 Corona-Patienten auf der Normalstation in Gießen, fünf in Marburg. Geplant ist, sagt Höftberger, bis zu acht oder neun Covid-Intensiv-Patienten im Versorgungsgebiet Gießen-Marburg noch aufzunehmen. Hinzu kommen bis zu zehn Patienten, die auf Normalstation behandelt werden sollen. Im Versorgungsgebiet Gießen-Marburg gibt es insgesamt 96 Covid-Betten, davon 56 Intensivbetten.

Um das Pensum zu bewältigen würden elektive Operationen – also die, die nicht absolut notwendig seien – weiter verschoben, „das geschieht in der Zeit zwischen den Jahren, wo Patienten ohnehin nicht gerne im Krankenhaus sind, sowieso“, sagt Höftberger.

Corona-Intensivpatienten: Etwa die Hälfte verstirbt

Auch in Gießen und Marburg liegt die Zahl der Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer Corona-Erkrankung auf die Intensivstation verlegt werden müssen und dort trotz aufopferungsvoller Behandlung versterben, bei etwa 50 Prozent, sagt Höftberger. Und das nach einer Liegezeit von durchschnittlich mehr als drei Wochen.

Besonders dramatisch ist es, wenn Patienten an der „ECMO“ – also der künstlichen Lunge – behandelt werden. ECMO steht für „Extra corporal membrane oxidation“ und bedeutet, dass das Blut des Patienten außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert werden muss, weil es der Körper einfach nicht mehr schafft. ECMO sei das letzte Mittel bei der Therapie für Covid-Patienten.

Angesichts der heraufziehenden Omikron-Variante ist diese Situation ein starkes Argument, sich impfen zu lassen, so der Aufsichtsratsvorsitzende. „Die Impfung schützt in den allermeisten Fällen vor einem schweren Verlauf.“ In Marburg beteiligt sich die UKGM-Geschäftsleitung deswegen auch an Impfaktionen, Dr. Silvia Heinis und Dr. Gunther K. Weiß fungieren als Impfärzte am klinikinternen Impfzentrum.

Angesichts der hohen Belastungen für die Beschäftigten bietet das UKGM eine Hotline für Pflegende (und alle weiteren Mitarbeiter) an, die psychische Unterstützung brauchen. Es bleibt aber das Problem, dass die Zahl der Menschen, die Covid-Patienten pflegen, kleiner geworden ist – ein bundesweiter Trend, der auch vor Marburg und Gießen nicht Halt macht (die OP berichtete).

Wie hält es Höftberger aufgrund der geschilderten Erfahrungen mit der Diskussion um die allgemeine Impfpflicht? „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“, zitiert der Vorstandsvorsitzende Immanuel Kant und leitet daraus die Forderung nach einer allgemeinen Impflicht ab. Als Jurist weiß er aber um die Schwierigkeiten in der Umsetzung schon bei einer branchenbezogenen Impflicht. Die Intention des Gesetzgebers, den Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu erhöhen, erkennt er an – gestützt werde sie ja beispielsweise schon dadurch, dass Ungeimpfte in Quarantäne keine Lohnfortzahlung bekämen.

Müssen nicht geimpfte Pflegekräfte also künftig mit ihrer Kündigung rechnen? „Dafür muss der Gesetzgeber die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen schaffen“, sagt Höftberger. Doch fest stehe, dass das Unternehmen diese Kräfte nicht ausschließlich in pflege-fernen Bereichen einsetzen könne.

Ob die baldige Zulassung eines Tot-Impfstoffs die Impfquote bei den Beschäftigten des UKGM erhöhen würde? Höftberger ist da skeptisch: „Dann kommt halt das nächste Argument von denen, die sich nicht impfen lassen wollen.“

Denn schließlich seien die Beschäftigten in der Klinik ein Spiegelbild der Gesellschaft – „auch bei uns liegt die Impfquote längst nicht bei 100 Prozent“, doch mit jenseits der 90 Prozent sehr hoch.

Von Till Conradund Andreas Schmidt