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Marburg Auf zweite Welle vorbereitet
Marburg Auf zweite Welle vorbereitet
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08:00 22.09.2020
Das UKGM ist eines von sechs koordinierenden Krankenhäusern in Hessen, das für ein Versorgungsgebiet zuständig ist. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Was ist seit März gut gelaufen, was ist zu verbessern, für den Fall, dass wirklich eine neue Covid-19-Welle über den Landkreis schwappt? Darüber sprach die OP mit den Professoren Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer und Direktor des Instituts für Klinische Chemie, und Andreas Jerrentrup, Oberarzt der Intensivmedizin am UKGM.

„Wir haben eine wahnsinnig steile Lernkurve hinter uns“, blickt Harald Renz nicht ohne Stolz auf das Geleistete in den vergangenen Monaten zurück. „Vor sechs Monaten überrollten uns die Tatsachen, weshalb wir an allen Ecken und Enden improvisieren mussten.“ Daraus folgten „unheimlich viele Konsequenzen“, zum Beispiel genügend Schutzausrüstung wie Masken oder Schutzkittel vorrätig zu haben. Oder den Aufbau eines eigenen Labors durch die Krankenhaus-Hygieniker, um die Dichtigkeit von Masken testen zu können. Es entstand auch eine neue Diagnostikschiene, zum richtigen Einteilen der Patienten, nachdem feststeht, ob sie eine Erkältung oder Corona haben. Demnächst soll noch die Unterscheidung auf Influenza hinzukommen, weil sich das UKGM schon auf eine eventuelle Grippewelle vorbereitet.

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Besonders beeindruckt ist Renz von der „enormen wissenschaftlichen Bewegung“, die der Ausbruch der Pandemie in Gang gesetzt habe. „Einen solchen positiven Impuls und weltweiten Zusammenschluss von Medizinern habe ich so noch nie erlebt.“ Daran sind auch Wissenschaftler aus Marburg beteiligt, zum Beispiel über das Netzwerk der Universitätsmedizin, eine Initiative der Bundesregierung, koordiniert von der Charité in Berlin. Bei diesem Netzwerk wirken auch Marburger Wissenschaftler mit, zum Beispiel die Professoren Claus Vogelmeier und Max Geraedts, die sich mit dem systematischen Aufarbeiten von Folgeerscheinungen – was auf der Prioritätenliste weit oben steht – befassen. Oder die Professoren Stephan Becker und Stefan Bauer zum Verhalten des Immunsystems sowie Renz‘ Bereich, der der Frage nachgeht, wie sich Covid-19 im kirchlichen Umfeld – in Gottesdiensten und bei sonstigen seelsorgerischen Tätigkeiten – verhält.

In der Klinik auf den Lahnbergen entwickelte sich zudem eine „extrem positive interdisziplinäre Kooperation“ auf Basis der freiwilligen Teilnahme von fast allen Patienten der Intensivstation an klinischen Studien. „Viele Kollegen entwickelten innovative Ideen, die auch an anderen Standorten aufgegriffen werden“, sagt Renz. Als Beispiel nennt er den therapeutischen Ansatz von Professor Neubauer zum Unterdrücken der bei vielen Patienten überschießenden Reaktion des Immunsystems. Die Universitätsklinik beteiligte sich auch an Studien anderer Zentren oder erforschte selbst, wie das Immunsystem mit dem Virus umgeht und welche Rolle vorhandene Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD dabei spielen.

Neben der Forschung stand natürlich die Behandlung der Patienten im Vordergrund. Insgesamt befanden sich seit dem Auftreten des ersten Corona-Falles im Landkreis vor rund sechs Monaten 19 Patienten auf den Lahnbergen in intensivmedizinischer Behandlung, ergänzt Jerrentrup. Vier Todesfälle gab es zu beklagen, erinnert Renz, die anderen Intensivpatienten hätten sich alle relativ gut erholt und wurden entlassen beziehungsweise nahmen die weiterführende Reha auf.

Ob und welche Folgeerscheinungen diese als geheilt entlassenen Patienten eventuell noch erleiden, ist nicht nur für die UKGM-Mediziner schwerlich abzuschätzen. Schon jetzt gebe es den ersten Post-Covid-Patienten, der allerdings kein Intensivpatient war, sagt Jerrentrup. Denn auch bei leichtgradig Erkrankten können noch Wochen oder Monate lang nach der akuten Phase rneut Beschwerden auftreten. Diese äußerten sich zumeist mit neurologischen Symptomen wie starker Erschöpfung, die die Mediziner als Fatique bezeichnen, Kopf-, Gelenk- und andere Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Husten, Belastungsluftnot und weitere Symptome. Diese Folgeerscheinungen habe eine Sars-CoV-2-Infektion mit anderen Infektionserkrankungen gemein.

Mit solchen Folgeerkrankungen sei zu rechnen gewesen, meint Renz, immerhin erlitten einige Patienten durch das Virus auch ernsthafte Schäden an der Lunge und anderen Organen. Deshalb ist das Thema der Folgeerscheinungen von ganz großem medizinischen Interesse und am wissenschaftlichen Aufarbeiten sind auch Ärzte des UKGM beteiligt. Im Moment gibt es aber, abgesehen von einzelnen Beobachtungen und kleineren Untersuchungen aus einigen Ländern wie zum Beispiel Italien, noch ganz wenige Erkenntnisse dazu. Richtig systematisch sei dieses Feld noch nicht aufgearbeitet. Renz glaubt, dass in dieser Hinsicht noch einiges auf die Mediziner zukommt, denn es gebe immer mehr Fallberichte, dass es eben nicht so einfach sei wie: „Ich habe Covid gehabt, aber jetzt ist alles okay.“

Zumal es auch kein Medikament zur Behandlung von Corona-Patienten gibt. „Es wurde vieles ausprobiert, zum Beispiel das Malariamittel Hydroxychloroquin, um das es einen regelrechten Hype gab“, blickt Renz zurück. Aber die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu dessen Wirkung bei Covid-19-Erkrankten waren dann doch „ernüchternd“.

Das war bei weiteren Studien ebenso und so waren viele Erwartungen nicht zu halten. Es stehen allerdings noch Ergebnisse von vielen weiteren Studien zu vorhandenen und neuen Medikamenten aus. „Die müssen wir abwarten, und wir hoffen auch auf einen Impfstoff“, sagt Renz, der aber auf eine Erkenntnis verweist: „Wenn notwendig kommt es darauf an, eine exzellente Intensivmedizin zu betreiben. Hierbei haben unsere Intensivmediziner einen exzellenten Job gemacht.“ Nicht nur deshalb sieht Renz das UKGM auf eine eventuelle zweite Corona-Welle gut vorbereitet. „Wir haben Notfallpläne in der Schublade und wir haben die Patientensteuerung geregelt.“ In diesen Notfallplänen ist das UKGM eines von sechs koordinierenden Krankenhäusern in Hessen, das für ein Versorgungsgebiet zuständig ist. Dieses ist für das UKGM fast deckungsgleich mit dem Landkreis.

In diesem neuen System gibt es für jedes der sechs Krankenhäuser einen Eskalationsplan, an dessen Entstehung Jerrentrup beteiligt war. „Je nachdem, wie viele Intensiv-Betten wir benötigen, können wir diese in einem kurzen Zeitraum zur Verfügung stellen.“ Im absoluten Notfall wären dies maximal 203 Intensiv- und IMC-Betten. Die meisten wären mit einer invasiven Beatmungsmöglichkeit ausgestattet, auf den anderen Betten ist eine nicht-invasive Beatmung oder eine Sauerstofftherapie mit hohen Sauerstoffflüssen möglich.

Um alle Betten zu benutzen, müssten aber an anderen Stellen, zum Beispiel in Ambulanzen, „Kapazitäten heruntergefahren werden, da wir für diese 203 Betten natürlich auch entsprechend Personal benötigen.“ Und: Es können nicht alle 203 Betten mit Covid-19-Patienten belegt werden, da es weiterhin auch andere intensivpflichtige Patienten geben wird. Dennoch stünden deutlich mehr Intensiv-Betten zur Verfügung, als während der ersten Corona-Welle.

Ob eine zweite kommt, ist trotz des derzeitigen Anstiegs der Zahlen an Infizierten in Deutschland unklar. „Im Gegensatz zu anderen Regionen würde ich bei uns nicht von einer zweiten Welle sprechen. Aber die Anstiege besorgen uns schon“, sagt Renz.

Von Gianfranco Fain