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Marburg Offener Rücken wird geschlossen
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09:00 02.01.2022
Das Operationsteam bei der vorgeburtlichen "Spina"-Operation im Uni-Klinikum.
Das Operationsteam bei der vorgeburtlichen "Spina"-Operation im Uni-Klinikum. Quelle: UKGM
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Marburg

Operieren am Fötus im Mutterleib: Was im vergangenen Jahrhundert noch Medizin-Science-Fiction war, hält mittlerweile Einzug in spezialisierte Krankenhäuser. Das Ziel solcher innovativer Operationen ist es, per Ultraschall diagnostizierte Defekte noch während der Schwangerschaft zu beheben.

Im Fall einer Spina bifida bleibt ein Bereich der Wirbelsäule offen, das Rückenmark liegt blank. Wenn die Erkrankung nicht schon vorgeburtlich operiert wird, droht „Spina bifida“-Patienten eine lebenslange Behinderung. Die deutschlandweit einmalige vorgeburtliche Operation von „Spina bifida“ mit einer in den USA entwickelten speziellen, schonenden Operationsmethode erfolgte jetzt in zwei Fällen erfolgreich am Uni-Klinikum in Marburg. Zudem gab der Leiter des Marburger Teams, Dr. Siegmund Köhler, auch die Erfolgsmeldung bekannt, dass die Geburten der beiden Mädchen im November 11 beziehungsweise 13 Wochen nach den Eingriffen komplikationslos erfolgt sind. Weltweit gibt es nur sechs Zentren, die die besondere Operationsmethode verwenden.

Die Grafik zeigt, wie die Operation am Ungeborenen im Mutterleib ausgeführt wird. Quelle: Texas Children Hospital

Über einen der beiden Marburger Fälle berichtete das Team im Gespräch mit der OP:

Siebeneinhalb Stunden lang dauerte am 27. August im Marburger Uni-Klinikum die besondere Operation, bei der in Marburg zum zweiten Mal ein innovatives Verfahren der pränatalen Chirurgie angewendet wurde. Unter Beobachtung des US-Spezialisten Michael Belfort (Texas Children’s Hospital) wurde ein Mädchen in der 26. Schwangerschaftswoche im Mutterleib operiert, bei dem eine Fehlentwicklung der Wirbelsäule festgestellt worden war. „Anschließend konnte die Schwangerschaft problemlos noch 13 Wochen weitergeführt werden“, berichtete jetzt Dr. Siegmund Köhler, Leitender Oberarzt der Geburtshilfe in der Uni-Frauenklinik, der das Team in Marburg bei dem Eingriff leitete. „In dieser Zeit konnte der Defekt nahezu abheilen“, berichtet er. Am 21. November um 7.19 Uhr kam das Mädchen dann im Marburger Uni-Klinikum zur Welt.

„Der Defekt des Kindes muss so korrekt wie möglich verschlossen werden und das Kind so lange wie möglich in der Gebärmutter bleiben“, erläutert Dr. Siegmund Köhler, Leitender Oberarzt der Geburtshilfe in der Uni-Frauenklinik die Prioritäten aus medizinischer Sicht.

„Wissenschaftliche Daten zeigen, dass eine Operation vor der Geburt besser ist, als eine Operation nach der Geburt, da sich wesentliche Funktionen der Nerven besser erhalten lassen“, macht Köhler im Gespräch mit der OP deutlich.

Seit 2010 wurden „Spina bifida“-Operationsverfahren im Mutterleib erprobt. Bei dem sogenannten „offenen Operationsverfahren“ werden der Bauch und die Gebärmutter der Mutter mit größeren Schnitten aufgeschnitten, so dass dann der „offene Rücken“ des Fötus verschlossen wird. Verbunden ist diese Methode jedoch mit erheblichen Traumata für die Mütter sowie Komplikationen bei der Geburt und möglichen Frühgeburten.

Operation ist schonend, aber anspruchsvoll

Es gibt eine zweite, schonendere Methode mit minimalinvasiven chirurgischem Eingriff, bei der eine Bauchspiegelung erfolgt und darüber der Zugang zu Gebärmutterwand und Fruchtblase erfolgt. Das Besondere der in den USA entwickelten und jetzt in Marburg angewandten vorgeburtlichen Operationsmethode ist: Bei der „mikrochirurgischen Hybridtechnik“ erfolgt der Zugang zu dem Kind im Mutterleib zwar auch mit den Methoden einer Bauchspiegelung – aber direkt über die Gebärmutter.

Diese Operation ist jedoch sehr anspruchsvoll und erfordert ein extrem spezialisiertes und minutiös aufeinander abgestimmtes Team aus verschiedenen Fachrichtungen von der Geburtsheilkunde über die Anästhesie bis hin zur Neurochirurgie. Monatelange theoretische und praktische Vorüberlegungen und „Trockenübungen“ waren für das Team vom Uni-Klinikum Marburg und Gießen aus Marburg und Gießen notwendig. Zur Vorbereitung verfolgten die Teammitglieder unter anderem die Originalübertragungen dieser Operationen der US-Spezialisten und übten die Operation mit Puppen im Dr. Reinfried-Pohl-Lehrzentrum.

Eingriff ist minimalinvasiv und dauerte siebeneinhalb Stunden

Es ist ein minimalinvasiver Eingriff, bei dem drei millimetergroße Röhrchen an der äußeren Gebärmutterwand angebracht werden: jeweils eines für die Kamera sowie für die linke und rechte Hand des Operateurs. Auch die Operations-Instrumente haben ein Miniaturformat wie eine drei Millimeter breite Schere oder eine 0,5 Millimeter dünne Nadel.

Mit Hilfe von Ultraschall wurde die optimale Lage festgelegt, wie das Kind im Mutterleib positioniert werden musste, erläutert Diagnostik-Spezialistin Dr. Ivonne Bedei (Uni-Klinikum Gießen). Dazu wurde der Fötus durch leichte Druckbewegungen von außen bewegt und musste anschließend auch mehrere Stunden lang exakt in dieser Position von außen festgehalten werden. „Das hat gut funktioniert, auch wenn man es manchmal korrigieren musste“, berichtet Bedei.

Eine tiefe Narkose für die Mutter und indirekt über die Nabelschnur auch für das Kind führte dazu, dass auch die „Patientin“ im Mutterleib ebenso wie die Mutter die Operation schmerzfrei und entspannt überstand. Die regelmäßige Überwachung der Vitalparameter wie der Herzfrequenz für die Dauer der Operation war ebenso Pflicht. Die Freilegung der Nerven und des Muskelbereichs der Wirbelsäule bildeten die Vorbereitung dafür, dass dann der Muskelbereich und die Haut mit Methoden der Neurochirurgie verschlossen wurde.

Mit Vor- und Nachbereitung dauerte der komplette Eingriff siebeneinhalb Stunden. Die reine Operationszeit betrug vier Stunden. Für die Zukunft der pränatalen Chirurgie sieht Köhler durchaus noch Innovationspotenzial wie die Verfeinerung der Operationsmethoden und möglichen Krankheitsfelder sowie den Einsatz von Laserkabeln oder der Roboterchirurgie.

Spina bifida

Rund 600 Neugeborene werden pro Jahr in Deutschland mit dem Wirbelsäulen-Defekt „Spina bifida“ geboren, im Volksmund „offener Rücken“ genannt. „Spina bifida“ kann in Deutschland statistisch bei einer von 1 000 Geburten auftreten.

Wenn es nicht behandelt wird, drohen unter anderem gelähmte Beine und ein Wasserkopf. Es gibt auch weitere massive Symptome der „Spina bifida“-Patienten wie Muskelschwäche in den Beinen, in der Blase und im Darm. Meistens bestehen erhebliche Probleme im Bereich des Bewegungsapparates wie Fußfehlstellungen oder Ausrenkungen der Hüften sowie die erhebliche Einschränkung der Mobilität und Selbstständigkeit der Patienten.

Von Manfred Hitzeroth