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Marburg "Überlastung auf Kosten der Patienten"
Marburg "Überlastung auf Kosten der Patienten"
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18:00 22.11.2019
Am UKGM Marburg brodelt es – unter anderem, weil 30 Pflegekräfte nach Gießen versetzt werden sollen, um dort auszuhelfen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Wolfgang Demper, Betriebsratsvorsitzender am UKGM Marburg, ist „sprachlos über die jüngste Darstellung der Geschäftsleitung über die Zustände am Klinikum“. Er wisse, dass „die Pflegekräfte und alle, die am UKGM arbeiten, alles tun, um die Patienten bestmöglich zu versorgen“, so Demper.

Doch müsse der Arbeitgeber dringend etwas an den Arbeitsbedingungen verbessern. „Die Geschäftsführung kennt das Thema Überlastungsanzeigen sehr gut – denn jede Anzeige geht an Betriebsrat, Geschäftsführung und die Compliance-Beauftragte“, verdeutlicht Demper.

„Wir sehen in einigen der Überlastungsanzeigen durchaus strafrechtlich relevante Tatbestände, die eigentlich dazu führen müssten, dass rechtliche Konsequenzen gezogen werden müssten. Aber das passiert nicht.“

Kein Patient erhielt Unterstützung bei der Körperpflege

Konkret: „Wenn ich einen Patienten ohne ärztliche Anordnung fixiere, weil ich keine Zeit habe – oder weil ich Patienten über eine Magensonde ernähre, weil ich wegen Personalmangels keine Zeit habe, dann ist das Körperverletzung.“

Betriebsrat Klaus Gerber dokumentiert im Gremium die Anzeigen – 289 seien es alleine in diesem Jahr gewesen, „und das ist noch nicht rum. Es werden bestimmt noch deutlich mehr als 300“. Und: Gerber hat auch den Überblick darüber, wann wegen Überlastung der Mitarbeiter das Patientenwohl gefährdet ist.

So zitiert er – anonymisiert – aus einer der Anzeigen: Zehn schwerst Pflegebedürftige hätten auf einer Station gelegen – zwar habe das Personal noch sicherstellen können, dass alle zu den Hauptmahlzeiten etwas zu essen bekommen hätten.

Doch dann habe man nur noch darauf achten können, „dass niemand länger als 30 Minuten in seinem eigenen Stuhlgang und / oder Urin liegen musste. Kein Patient erhielt Unterstützung bei der Körperpflege, es wurde sich lediglich um akute Probleme gekümmert.“ Es sei teilweise nicht möglich gewesen, „wichtige Parameter im Bereich Vitalzeichen zu messen – geschweige denn die Patienten zu überwachen“, heißt es in der Anzeige weiter.

Patienten lagen auf Flur – statt auf Intensivstation

Gerber verdeutlicht: „Das ist ganz klar eine Patientengefährdung.“ Und: Das sei kein Einzelfall, wie sein Ordner mit Überlastungsanzeigen und ein weiterer mit diesen patientengefährdenden Situationen verdeutlicht.

So berichtet er auch von einem Fall, bei dem Patienten laut ärztlicher Anweisung auf eine Intensivstation gehört hätten – wegen Platzmangels jedoch mit den Betten auf dem Flur gestanden hätten. Oder eine Anzeige, dass ein Mitarbeiter von 7.30 Uhr bis nachts um 3.30 Uhr gearbeitet haben – mit ledigliche 30 Minuten Pause. „Das ist eine Gesamtarbeitszeit von mehr als 19 Stunden“, so Gerber.

Auch einen weiteren Ordner, prall gefüllt mit Arbeitszeitverstößen, hat er. Und was passiert? „Wenig bis nichts“, sagt Demper. Denn: Zu jeder Überlastungsanzeige müsse nicht nur eine Stellungnahme, sondern auch ein Abschlussprotokoll geschrieben werden – das sei in den vergangenen Jahren nie geschehen.

Das Klinikum habe sich im Tarifvertrag Entlastung verpflichtet, 104 Kräfte zusätzlich einzustellen. Stattdessen würden aufgelaufene Überstunden – laut Betriebsrat 145.000 – gegengerechnet. „Angeblich habe man 26 Vollzeitkräfte eingestellt – aber man kann uns nicht sagen, wo“, so Demper.

Auch werde derzeit kein Personal aufgebaut, „wir haben einen Einstellungsstop, weil wir angeblich 17 Kräfte über dem Plan haben“, so Demper. Und für Marburg soll es noch schlimmer kommen: 30 Pflegekräfte sollen nach Gießen versetzt werden, um die dort bestehenden Lücken zu schließen. „Obwohl es dort bei ähnlicher Bettenzahl rund 120 Pflegekräfte mehr als in Marburg gibt.“

Pflegekräfte aus Marburg sollen Löcher stopfen

Dass die Kräfte abgezogen werden sollen, „um in Gießen Löcher zu stopfen obwohl wir nicht einmal die eigenen Ausfälle in Marburg gewuppt bekommen, ist schon ein herber Schlag“, fasst es der Betriebsratsvorsitzende zusammen.

Was könnte das Abziehen der 30 Kräfte bedeuten? „Das steht noch nicht fest. Aber eines ist klar: Besser wird die Situation in Marburg nicht. Und das, obwohl sich alle hier oben auf Deutsch gesagt den Arsch aufreißen, um den Laden am Laufen zu halten – und die Patienten so gut wie nur irgend möglich zu versorgen“, ärgert sich Demper.

Ein UKGM-Mitarbeiter, der nicht erkannt werden möchte, behauptet gegenüber der OP, dass es sowohl Bettenschließungen in Marburg gebe – entgegen der Aussage der Geschäftsführung. „Seit fast einem Jahr sind auf einer IMC vier Betten aufgrund von Personalmangel gesperrt. Vor über einem Jahr wurde eine unfallchirurgische IMC geschlossen, aufgrund von Personalmangel“, sagt er.

Geschäftsleitung und die Pflegedirektion täten nichts, um die Arbeitssituation zu verbessern. Und zum Thema Überlastungsanzeigen sagt er: „Das Personal ist zu müde, welche zu schreiben, da keine Reaktionen zu erwarten sind.“

Die Marburger Linke hat für die Stadtverordnetenversammlung am Freitag, 22. November, einen Dringlichkeitsantrag eingebracht. Laut diesem soll die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat beauftragen, Gespräche sowohl mit der Klinikleitung des UKGM als auch mit dem Betriebsrat zu führen, um zu eruieren, inwieweit auch in Marburg die Einschränkung von medizinischen Leistungen droht und inwieweit die umfassende Versorgung der Patienten gewährleistet beziehungsweise Leistungen eingeschränkt sind. Auch solle die Landesregierung aufgefordert werden, in diesem Sinne tätig zu werden.

von Andreas Schmidt