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Marburg Appell aus "Covid-City": Vergesst uns nicht
Marburg Appell aus "Covid-City": Vergesst uns nicht
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21:50 26.11.2021
Daniel Gran, Intensivpfleger, steht auf der Intensivstation der Uniklinik Gießen am Bett eines jungen Corona-Patienten.
Daniel Gran, Intensivpfleger, steht auf der Intensivstation der Uniklinik Gießen am Bett eines jungen Corona-Patienten. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Marburg/Gießen

Krankenpfleger Tobias Kempff hat einen kleinen Mutmacher dabei, wenn er auf der Corona-Intensivstation des Gießener Uni-Klinikums im Einsatz ist. Ein Zettelchen mit aufgemalter Sonne und einem «Wir schaffen das!» in Filzstiftschrift. Am Anfang der Pandemie ließ ihm ein mitfühlender Unbekannter den Motivationsspender zukommen, und der 48-Jährige hat ihn sich aufs Namensschild an seiner Arbeitskleidung geklebt. Zuspruch in der Corona-Krise - das scheint derzeit noch nötiger zu sein als zu deren Beginn.

«Es ist so, dass wir personell, körperlich und emotional am Anschlag agieren», sagt Kempff über seine Lage und die der Kolleginnen und Kollegen. «Der überdurchschnittliche Einsatz über so eine lange Zeit fordert irgendwann seinen Tribut. Nach drei Wellen ist die Pflege erschöpft, weniger belastbar, hat kaum Zeit sich zu regenerieren.» Der Krankenstand sei zurzeit hoch. Jetzt ist die vierte Corona-Welle da «und wir wissen nicht, was kommt und wie lange sie dauert».

Seit Anfang Oktober steigt die Zahl der Covid-19-Kranken auf Hessens Intensivstationen. Das zeigen Daten des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Der Tiefpunkt dieses Jahres war am 30. Juni erreicht, als 37 Covid-Patienten dort lagen. Das Maximum war am 5. Januar gezählt worden mit 523 Patienten. Derzeit sind es fast 260.

"Covid-City"

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) gehört mit seinen zwei Standorten bundesweit zu den größten Uni-Kliniken. Im Gießener Haus liegen aktuell rund 30 Covid-19-Patienten, etwa 20 davon auf Intensivstationen.

«Covid-City» nennen sie jenen abgetrennten Bereich der Station 2.5, wo Ärzte und Pfleger um das Leben der schwerst kranken, ansteckenden Corona-Intensivpatienten kämpfen. Auch davor gibt es Zimmer, in denen Menschen an Beatmungsmaschinen hängen. Das Virus ist aus ihren Körpern verschwunden, die Verwüstung aber noch da. Bewusstlos und beatmet liegt hier etwa ein 24-Jähriger im Bett. So weit hätte es nicht kommen müssen: Der junge Mann hat keine Corona-Schutzimpfung, wie die allermeisten der Patienten hier.

Das UKGM in Gießen hatte vor fast einem Jahr sogar 120 Infizierte in Behandlung, davon 50 in Intensivbetten. Doch die Situation damals ist nicht mit heute vergleichbar, eben weil das Personal ausgedünnter und müder ist. «Man kann nicht andauernd mit Maximaleinsatz arbeiten und alle Reserven verbrauchen. Das macht es in dieser Phase deutlich schwieriger», sagt Werner Seeger, Pneumologe und Direktor jener Klinik am UKGM, die sich um Lungen- und Intensivpatienten kümmert. 195 Intensivbetten hat das Gießener Krankenhaus nach seinen Angaben. Wegen des Pflegemangels könnten aktuell aber nur 154 belegt werden.

«Wenn wir heute neue Zugänge bekommen, mehr als wir freie Betten haben, bedeutet es, dass wir sagen müssen: Okay, damit stehen weniger Intensivbetten für Operationen oder andere Interventionen zur Verfügung», erklärt Seeger (68). Also werden Eingriffe abgesagt. Je voller die Klinik werde, desto mehr müsse alles, was planbar sei, zurückgestellt werden. «Das müssen wir jeden Tag neu anschauen und im Laufe eines Tages neu umstellen. Das führt permanent zu Verschiebungen dessen, was verschiebbar ist.»

Überwiegend Ungeimpfte auf der Intensivstation

In «Covid-City» liegen die Patienten nicht selten wochenlang. Die Abläufe im Umgang mit den Patienten sind eingespielt. Sie sind besonders, aber Stationsleiter Tobias Kempff ist es wichtig zu betonen, dass es sich dabei um kein «Horrorszenario» handele. Das Pflegeteam ist aufgeteilt, die einen Kollegen arbeiten mit den Covid-Patienten, die anderen mit jenen ohne Corona-Infektion.

Dass überwiegend ungeimpfte Covid-Patienten auf den Intensivstationen liegen, beschäftigt jene, die sich um sie kümmern. «Es herrscht ein gehöriges Maß an Enttäuschung und Fassungslosigkeit, weil es nicht gelungen ist, trotz optimaler Versorgung mit Impfstoffen eine höhere Impfquote zu erreichen», sagt Lungenforscher Seeger.

Intensivpfleger Kempff wünscht sich von seinen Mitmenschen: «Wir wollen durchhalten und wer uns dabei wirklich unterstützen will, der lässt sich impfen.» Und der eigentlich wunderschöne Pflegeberuf brauche wirklich mehr Anerkennung und Attraktivität in Form besserer Bezahlung und Bedingungen. «Unser Appell ist: Vergesst uns nicht. So ist das nämlich bisher nach jeder Welle gewesen.»     

Von dpa

26.11.2021
26.11.2021