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Marburg Fachärztin klagt gegen ihre Entlassung
Marburg Fachärztin klagt gegen ihre Entlassung
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10:00 03.03.2021
Ein Bett auf einer Intensivstation – hier in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universitätsmedizin Rostock.
Ein Bett auf einer Intensivstation – hier in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universitätsmedizin Rostock. Quelle: Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild
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Gießen

Einer Fachärztin am UKGM Marburg im Bereich der Intensivstation wurde gekündigt – unter anderem, weil das „Vertrauensverhältnis zerrüttet“ sei. Außerdem steht der Vorwurf der fahrlässigen Tötung im Raum, denn in der Schicht der Frau war ein Intensivpatient verstorben. Der Vorgang wird vonseiten der Staatsanwaltschaft geprüft. Die Ärztin wurde offenbar mit einem Beschäftigungsverbot belegt, außerdem sei ein Hausverbot ausgesprochen worden. Gegen die Kündigung geht die Frau gerichtlich vor – vor dem Arbeitsgericht Gießen wurden gestern mehrere Zeugen in der Sache gehört.

Der Haupt-Belastungszeuge, ein Assistenzarzt, schilderte, dass er nach eineinhalb Jahren unter anderem auf der hämatologischen und onkologischen Station auf die Intensivstation der Klägerin gekommen sei, um dort im Rahmen seiner Rotation sechs Monate zu arbeiten. Ein älterer Patient, der bereits drei Jahre zuvor wegen Krebs behandelt worden sei, habe sich erneut in der Klinik vorgestellt – es wurden auffällige Lymphknoten im Bauchbereich entdeckt. Die Knoten sollten, so der Zeuge, punktiert werden, um Gewebe zu entnehmen und dieses zu untersuchen. „Bei der Punktion kam es zu Komplikationen, es wurde die Bauchspeicheldrüse verletzt, wodurch sie sich entzündet hat“, schilderte der 33-jährige Assistenzarzt die Vorgänge aus dem vergangenen Frühjahr. Auch habe es wohl eine Gefäßverletzung gegeben – mit der Folge, dass sich ein großes Hämatom im Bauchraum gebildet hatte, wodurch eine Verengung – eine Stenose – unterhalb des Magens im Bereich des Zwölffingerdarms entstanden sei. Auch habe es weitere Komplikationen gegeben. Unter anderem sei dem Patienten, so der Zeuge, ein sogenannter „Donnertropf“ angehängt worden – ein Medikamentencocktail, der abführend wirken soll.

Reanimation: Gab es Hinweis auf der Patientenakte?

Ende April sei der Assistenzarzt zum Spätdienst gekommen, „bei der Übergabe habe ich gehört, dass es dem Patienten seit etwa einer Stunde nicht mehr besonders gut gehe“, erinnerte er sich. Da er noch recht unerfahren auf der Intensivstation gewesen sei, habe er immer wissen wollen, ob der Patient bei einer Verschlechterung des Zustands reanimiert oder zur Beatmung intubiert werden solle – oder ob es sogenannte „DNR- und DNI-Anordnungen“ gebe, die dies quasi verbieten. Diese Anordnungen werden in der Regel auf der Patientenakte, der sogenannten „Kurve“, die sich am Fußende eines jeden Patientenbettes befindet, deutlich sichtbar vermerkt.

Dem Patienten sei es während des Dienstes des 33-Jährigen rapide schlechter gegangen – er habe ihn reanimieren wollen, doch die hinzugerufene Klägerin „hat mich angeschrien, ich soll sofort weg und mich von dem Patienten zurückziehen“, schilderte der Zeuge. Der Ton der Klägerin sei „oft sehr laut und angespannt“ gewesen, sie habe ihn in diesem Ton aufgefordert, dem Patienten beim Sterben zuzusehen. Und als er verstorben war, habe ein Pfleger gesagt: „Oh Gott, das war der Donnertropf“, worauf die Ärztin wieder aggressiv geworden und in ihr Zimmer gegangen sei. „Ich bin hinterher und wollte wissen: Was ist hier passiert?“ Wieder sei die Ärztin sehr aggressiv ihm gegenüber geworden, er solle nicht so viele Fragen stellen, er solle lieber den Totenschein schreiben. „Aber ich wusste nicht, was ich als Todesursache eintragen sollte“, und in diesem Zuge habe er sich vergewissern wollen, ob denn der Vermerk auf der „Kurve“ eingetragen sei, dass der Patient nicht reanimiert werden dürfe. Doch sei dies nicht der Fall gewesen. Im Nachgang der Ereignisse habe ein Kollege, mit dem er sich unterhalten habe, gesagt: „Das ist medizinischer Mord“.

Pfleger sieht keinen „aggressiven Grundton“

Der Zeuge berichtete von weiteren Fällen: Einmal seien während kürzester Zeit drei Neuzugänge im Nachtdienst auf die Intensivstation gekommen – er habe die Klägerin zur Hilfe gerufen, doch habe die sich nur ins Arztzimmer an den Computer gesetzt. „Ich habe inständig um Hilfe gebeten“, so der Assistenzarzt, doch habe die Klägerin geantwortet, sie sei „nicht zum Arbeiten hier“. Insgesamt ließ der Zeuge kein gutes Haar an der Klägerin, bemängelte Ton und Arbeitsauffassung ebenso wie den Umgang. „Das ist nicht normal.“ Zum Glück habe er nun auch andere Stationen kennengelernt „und erlebe dort, dass es durchaus anders ist“.

Ein Intensivpfleger, der als Zeuge gehört wurde, konnte sich an die Vorfälle speziell aus dem ersten Fall nicht erinnern. Aber dass eine Reanimation von der Klägerin verboten wurde, wolle er ausschließen, denn das wäre durchaus eine Besonderheit gewesen – „und daran könnte ich mich bestimmt erinnern“, so der 36-Jährige. Er wisse nichts „abweichend von unserem Stationsalltag“. Einen aggressiven Grundton der Klägerin konnte er jedoch nicht bestätigen – „grundsätzlich habe ich sie nie laut und harsch erlebt“, sagte er – schon gar nicht bei einem Patienten, der im Sterben lag.

Therapeutisch „keine Optionen“

Eine weitere Ärztin berichtete, wie die Frühvisite an dem Tag abgelaufen sei – es habe keine Besonderheiten gegeben. Und: Letztlich habe das Team der Frühvisite an dem Tag, an dem der Patient verstorben war, entschieden, dass er nicht reanimiert werden solle und dies auch auf der „Kurve“ vermerkt. Denn: Therapeutisch habe es für den Mann keine Optionen mehr gegeben. Und dann „lasse man ihn gehen“, wenn sich der Zustand dramatisch verschlechtern sollte. „Wir hatten keine einzige Stellschraube mehr, die wir verbessern können“, so die Ärztin. Das sagte auch ein weiterer Arzt aus: Es habe „für uns kein sichtbares Therapieziel“ gegeben – und das sei auch mit den Angehörigen so kommuniziert worden.

Auch der zuständige Professor erläuterte, dass die DNR-Entscheidung letztlich „eine Team-Entscheidung“ sei, es werde der gesundheitliche Zustand mit allen Facetten bilanziert „und jeder aufgefordert, ob er noch eine andere Idee hat“, schildert der Mediziner. Der DNR-Hinweis habe „an der richtigen Stelle“ gestanden – „für mich war es eine völlig klare Situation“, so der Professor.

Der Prozess wird am 16. März um 9 Uhr vor dem Arbeitsgericht mit einem Verkündungstermin fortgesetzt.

Von Andreas Schmidt

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