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Marburg Experten bilden Netzwerk für besseren Schlaf
Marburg Experten bilden Netzwerk für besseren Schlaf
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10:00 16.09.2021
Diese Experten zur Behandlung von Schlafstörungen bilden das Netzwerk Somnologicum.
Diese Experten zur Behandlung von Schlafstörungen bilden das Netzwerk Somnologicum. Quelle: Gianfranco Fain
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Marburg

Ein komplexes Krankheitsbild, fünf Fachrichtungen der Medizin, ein Ziel: Die beste Therapieform für die Patienten finden. Dazu bilden namhafte Marburger Spezialisten der Schlafmedizin ein Netzwerk aus ambulanter und stationärer Betreuung. Das Netzwerk nennen sie Somnologicum, das Patienten eine schlafmedizinische Behandlung aus einem Guss anbietet. Neben der vollständigen schlafmedizinischen Diagnostik im Schlaflabor können die Patienten auch ambulant von dem Angebot des Somnologicums profitieren.

„Der Anteil des ambulanten Betreuens wird zunehmen“, ist Dr. Lukas Jerrentrup als Leiter des Somnologicums überzeugt. Dort können Patienten untersucht werden und die für sie beste Therapieart bestimmt werden. Für Patienten, die bereits eine Therapie vollziehen oder diese aus diversen Gründen unterbrechen, kann das Netzwerk wertvolle Dienste leisten. Dazu gehört auch aufwendige Doppeluntersuchungen zu vermeiden, da die diversen Spezialisten direkt Zugriff auf bereits erhobene Test haben.

Patienten haben ein „völlig neues Lebensgefühl“

So sollen zum Beispiel auch standardisierte Fragebögen vermeiden, dass ein Patient bei jedem neuen Arzt einen Erhebungsbogen wiederholt ausfüllen muss. Eine zum Teil schon umgesetzte Digitalisierung werde die Arbeit erleichtern, wodurch die Patienten einen Vorteil erfahren. Ein weiterer Vorteil ist: Betroffene, die meinen, selbst ihre Wunschtherapie gefunden zu haben und sich einen Termin bei einem Spezialisten buchen, blockieren deren wertvolle Arbeitszeit nicht mehr. Jeder Patient wird dahin gelenkt, wo es für ihn am besten ist. Das werde zum Beispiel wertvolle Kapazitäten in der Pneumologie freisetzen, bemerkt Professor Claus Franz Vogelmeier.

Die Experten von Somnologicum haben insbesondere die optimale Betreuung von Patient mit schlafbezogenen Atmungsstörungen im Fokus. Das Konzept sieht vor, den Patienten alle passenden Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu erklären. Zusätzlich soll es ermöglichen, Probleme mit einer Therapie zu lösen, entweder den Patienten umzustellen oder auch eine Kombination verschiedener Möglichkeiten vorzuschlagen. Denn rund vier Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Schlafstörungen und den negativen Auswirkungen des Schnarchens wie verringerte Leistungsfähigkeit am Tag, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder den berüchtigten Sekundenschlaf am Steuer.

Warteliste bis in den Januar

Therapieformen gibt es mittlerweile einige, die in den Anfangstagen der Schlafmedizin vorherrschende operative Methode ist mittlerweile eine unter vielen. So vermittle zum Beispiel die CPAP-Therapie, bei der der Mund- und Rachenraum mittels Luftdruck offen gehalten wird, vielen Patienten ein „völlig neues Lebensgefühl“, sagt Professor Ulrich Koehler als Leiter des Schlaflabors.

In dem erneuerten Teil des Uni-Klinikums untersuchen und behandeln die Experten – ob privat oder gesetzlich versichert – rund 2 500 Patienten im Jahr. Die Warteliste reicht bis in den Januar hinein, womit Marburg im Vergleich zu anderen Häusern immer noch sehr gut sei.

Das Behandeln von Schlafstörungen sei keine Nischenmedizin, bemerkt Professor Harald Renz bei der Vorstellung des neuen Netzwerkes. Schlafstörungen gebe es häufiger, als sich mancher vorstelle, fährt der Ärztliche Geschäftsführer des Universitätsklinikum Marburg fort. Er freut sich wie die anderen Ärzte darüber, dass auch Jens Uwe Albrecht von der Adipositaschirurgie am Krankenhaus in Lich ins Netzwerk eingebunden ist.

Marburg als Exzellenzzentrum der Schlafmedizin

Die Vielfalt an Experten sorge dafür, Marburg als Exzellenzzentrum der Schlafmedizin zu erhalten, ist sich die Kaufmännische Geschäftsführerin Sylvia Heinis sicher. Der Schlaf sei zum Teil noch ein Mysterium, doch der Zusammenschluss von Experten in Marburg und Umgebung ermögliche, die beste Therapie zu finden, damit „die Patienten am Ende besser schlafen können“.

Im Netzwerk Somnologicum arbeiten zusammen: Dr. Lukas Jerrentrup, Facharzt für Schlafmedizin, Innere Medizin und Pneumologie – Leiter des Somnologicums; Professorin Heike Korbmacher-Steiner, Direktorin der Zahnklinik und Klinik für Kieferorthopädie Universitätsklinikum Marburg; Professor Boris A. Stuck, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Universitätsklinikum Marburg; Professor Claus Franz Vogelmeier, Direktor der Klinik für Innere Medizin Schwerpunkt Pneumologie; Professor Ulrich Koehler, Klinik für Innere Medizin, Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin Universitätsklinikum Marburg; Dr. Christian Viniol, Klinik für Innere Medizin, Pneumologie, Schlafmedizinisches Zentrum Universitätsklinikum Marburg.

Therapiemöglichkeiten

Nächtliche Atmungsstörungen oder auch Atempausen treten häufig auf, bei Männern zwei- bis dreimal so häufig wie bei Frauen. Diese sogenannte Schlafapnoe ist häufig Ursache von Tagesmüdigkeit, auch erhöhtem Blutdruck und erhöhtem kardiovaskulären Risiko.

Als Therapien kommen neben Gewichtsabnahme, keinen Tabakkonsum, Alkohol vermeiden und andere leicht selbst anzuwendende Maßnahmen in der Regel mehrere Behandlungsoptionen in Betracht.

Eine schwere Schlafapnoe mit vielen Atemaussetzern lässt sich mit einer CPAP-Nasenmaske behandeln. CPAP steht für „kontinuierlichen Atemwegsüberdruck“. Der Patient trägt jede Nacht eine spezielle Nasenmaske, die über ein Atemgerät den Atemwegen Raumluft zuführt und dadurch das Kollabieren der Muskulatur verhindert. Effekte stellen sich erst ein, wenn man die Maske regelmäßig und für mindestens fünf Stunden nutzt.

Eine Unterkieferprotrusionsschiene besteht aus Kunststoff. Sie wird nachts im Mund getragen und hilft, den Unterkiefer weiter vorne zu halten, damit die Zunge nicht in den Rachen zurückfällt. Auf diese Weise sollen die Atemwege frei bleiben. Auch eine Operation kann möglicherweise helfen. Bei den meisten Eingriffen wird Gewebe zum Beispiel im Gaumen gestrafft oder entfernt, um die Atemwege freier zu machen. Ein „Zungenschrittmacher“ hält eine atmungsgesteuerte Stimulation des Unterzungennervs den oberen Atemweg über Muskelaktivierung offen. Das System wird ähnlich wie ein Herzschrittmacher implantiert und über eine Fernbedienung vom Patienten selbst gesteuert.

Mit einer Lagetherapie werden nächtliche Atmungsstörungen behandelt, die vordringlich in Rückenlage auftreten. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: mechanisch mit einer Schaumstoffpolster-Weste, die einen Schlaf in Rückenlage verhindert; oder über eine sogenannte „Konditionierung“ durch ein kleines Gerät mit Gürtel, das über dem Bauch getragen wird. Mit einem intelligenten Mechanismus und Vibrationen bei Rückenlageerkennung kann man so das Rückenschlafen erfolgreich „verlernen“.

Von Gianfranco Fain

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