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Marburg UKGM: Die Furcht vor Ausgliederungen wächst
Marburg UKGM: Die Furcht vor Ausgliederungen wächst
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14:00 09.12.2021
Ein Teil der Pflegekräfte, die gestern für bessere Arbeitsbedingungen am UKGM in Gießen protestierten.
Ein Teil der Pflegekräfte, die gestern für bessere Arbeitsbedingungen am UKGM in Gießen protestierten. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Gießen

Sollen auch am Uni-Klinikum Gießen und Marburg bald Arbeitsbereiche ausgegliedert und in eigene Firmen überführt werden? Die Befürchtung gibt es derzeit. Denn, so verdeutlicht Fabian Dzewas-Rehm, zuständiger Gewerkschaftssekretär bei Verdi: „Ausgliederungen sind quasi die DNA von Asklepios – Outsourcing gehört zur Unternehmenspolitik des Konzerns.“ Das sei konzernweit schon länger zu sehen – doch rücke dieses Outsourcing nun deutlich näher, sagte Dzewas-Rehm gestern im Gespräch mit der OP am Rande einer Protest-Aktion des Pflegepersonals am UKGM-Standort Gießen.

Denn: Im ehemaligen Kreiskrankenhaus Lich, das mittlerweile zu Asklepios gehört, „finden nun massive Ausgliederungen statt. Die Radiologie wird ebenso ausgegliedert, wie die Physiotherapie und das Labor – ich muss wohl niemandem erklären, wie wichtig diese Abteilungen für die Abläufe im Krankenhaus sind“, so der Gewerkschafter. Ärztliche Diagnostik ohne Radiologie sei nicht vorstellbar, „und dass gerade ein Labor in Zeiten von notwendigen PCR-Tests ausgegliedert wird, ist eine absolute Schweinerei“. Dzewas-Rehm forderte von der Politik „eine klare Zusage, dass an unserem Klinikum keine Abteilungen ausgegliedert werden, dass es ein Krankenhaus und eine Belegschaft ist“. Das Land zahle jährlich viele Millionen an Klinikum und Konzern, „für diese viele Millionen ist es wirklich nicht zu viel erwartet, dass es eben keine Ausgliederungen gibt, dass es weder Änderungskündigungen noch betriebsbedingte Kündigungen gibt“. Auch müssten die Ausbildungsstätten erhalten werden – „und das, was wir eigentlich wollen: Dass die Arbeitsbedingungen endlich besser werden“.

Noch sind Outsourcing und Kündigungen durch die Vereinbarung zur Trennungsrechnung – dem sogenannten „Zukunftspapier“ – bis Ende kommenden Jahres ausgeschlossen.

Verhandlungen laufen

Das Papier wird jedoch gerade neu verhandelt, wie die zuständige Marburger Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) gegenüber der OP erläutert hatte. „Wir haben Sorge, dass dem Konzern im neuen Zukunftspapier mehr unternehmerische Freiheit zugestanden wird und eventuell die Ausgliederungen in manchen Bereichen erlaubt werden“, verdeutlicht Fabian Dzewas-Rehm die Befürchtungen.

„Man gliedert ja nicht aus um des Ausgliederns Willen, sondern weil man damit ein Ziel verfolgt – nämlich die Löhne weiter zu senken, die Arbeitsbedingungen zu prekarisieren und die Belegschaft zu zerschlagen“, sagt Dzewas-Rehm gegenüber der OP. Das, was in Lich geschehe, könne Auswirkungen haben – „und es sollte ein Alarmsignal für die Politik sein“.

Der Gewerkschafter ging in seiner Ansprache vor rund drei Dutzend Zuhörern – Beschäftigten und Besuchern gleichermaßen – auch auf die Situation in Marburg ein. Dort habe man „den großen Knall gehört, weil eine ganze Station das Klinikum verlassen hat“.

Hilferufe ignoriert

Zuvor hätten Geschäftsführung, Pflegedienstleitung und Pflegedirektion nicht auf die Signale der Beschäftigten reagiert, „alle haben weggehört“. Dabei hätten die Pflegekräfte der Station lange auf ihre Situation aufmerksam gemacht, Bettenschließungen oder mehr Personal gefordert – nichts habe gefruchtet. „Die Kolleginnen und Kollegen sind im Frei angerufen worden, sie wurden genötigt, doch zur Arbeit zu kommen, wenn die Kinder krank waren, und es ist massiver Druck ausgeübt worden – also haben sie das gemacht was ihnen noch übrig blieb: Sie haben gekündigt“, fasste Dzewas-Rehm zusammen. „Wenn eine ganze Station geht, dann zeigt das, dass es wirklich im Argen liegt und es nicht nur ein kleines Problemchen ist.“

Dass es die Probleme der schlechten Bedingungen nicht nur in Marburg gibt, verdeutlichte Intensivpfleger Ulrich Stroh. Ja, Corona sei eine Belastung. „Aber es ist nicht das größte Problem im Klinikum“, sagte er. Er arbeite auf einer kardiologischen IMC-Station, „und bei uns sind schon seit mehr als zwei Jahren 15 Betten ganz geschlossen, seit den letzten vier bis sechs Wochen weitere sechs Betten – weil wir einfach kein Personal haben“, sagte er. Kollegen würden kündigen oder die Arbeitszeit reduzieren. „Das zeigt die Situation, wie sie hier im Haus und wahrscheinlich in ganz Deutschland ist. Es muss sich was bewegen – wir brauchen mehr Personal“, so Stroh. Andere Häuser hätten bereits in einem Tarifvertrag Entlastung erstreikt, „den müssen wir nächstes Jahr auch erkämpfen“, forderte der Pfleger – notfalls eben mit Streik. Denn: „Wenn wir nichts machen, wird sich nichts bewegen.“

Von Andreas Schmidt