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Marburg „Das Maß ist voll“
Marburg „Das Maß ist voll“
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12:00 29.06.2022
Bettina Böttcher beim SPD-Bezirksparteitag Hessen-Nord in Stadtallendorf über das Universitätsklinikum.
Bettina Böttcher beim SPD-Bezirksparteitag Hessen-Nord in Stadtallendorf über das Universitätsklinikum. Quelle: Thorsten Richter
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Stadtallendorf

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) muss zurück in öffentliche Hand. Und das so schnell wie möglich. Unter den Teilnehmern des SPD-Bezirksparteitags Hessen-Nord am vergangenen Samstag in Stadtallendorf gab es dazu keine abweichende Meinung.

Einstimmig wurde eine Resolution verabschiedet, dass sämtliche Missstände „sofort abgestellt werden“, um das überlastete Personal zu schützen und den Patienten die bestmögliche Behandlung und Betreuung zu garantieren.

Um das zu erreichen, wäre der Rückkauf durch das Land Hessen eben die beste Option. Ob und wenn ja wie das möglich ist, wird derzeit auch über ein entsprechendes Gutachten ausgelotet. Die aktuelle Situation sei aber so prekär, dass im Sinne der Gesundheit der überstrapazierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch sofort gehandelt werden müsse. Das Thema UKGM wurde deshalb etwas ausführlicher behandelt. So wurde Bettina Böttcher, die ehemalige Vorsitzende des Betriebsrates des UKGM am Standort Marburg, als Gastrednerin eingeladen, um eine weitere Einschätzung der Gesamtsituation zu erhalten.

Bettina Böttcher trat als Gastrednerin beim SPD Bezirksparteitag Hessen-Nord in Stadtallendorf auf. (Foto: Götz Schaub)

„Unser Klinikum ist zu einem Spielball geworden“, sagte Böttcher. Und das in einem Spiel, in dem es primär um die Vermehrung des finanziellen Gewinns gehe. Das veranlasste Sören Bartol als Vorsitzender des Unterbezirks Marburg-Biedenkopf zu dem Zwischenruf „Schande“.

Die Aufforderung an den neuen hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU) und die zuständige Ministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen), endlich im Sinne der Patienten und Mitarbeiter des UKGM zu handeln, wurde zwar formuliert, doch glauben mochte daran von den Sozialdemokraten eigentlich niemand. Von Dorn habe man eigentlich nur zur Kenntnis genommen, dass sie zwar persönlich den Verkauf des UKGM als Fehler bezeichnet, aber innerhalb der Regierungskoalition jetzt auch keinen echten Versuch unternehme, der die Betreiber Rhön AG und Asklepios, die ihrerseits unverhohlen mit der Aufkündigung der Vereinbarung mit dem Land Maximalpositionen durchsetzen wollen, verärgern könnte.

„Das Tauziehen der Machtspiele des Kapitals muss beendet werden. Das Maß ist voll“, so Böttcher. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien schon längst über die Grenze des Machbaren hinausgegangen. Ihnen müsse man jetzt „einen sicheren und gesunden Arbeitsplatz“ garantieren.

Spies: Jede Chance muss ergriffen werden

Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies, der die Versammlungsleitung innehatte, warf in diesem Zusammenhang noch ein, dass man Sorge tragen müsse, dass nicht auch niedergelassene Arztpraxen in die Hände von privaten Betreibern gelangen. Dabei vergaß er auch nicht, eine Lanze für die Bürgerversicherung in einem einheitlichen Krankenversicherungssystem zu brechen.

Dann sprach er von einer persönlichen Begegnung mit einer Krankenschwester, die er schon sehr lange kenne. Sie habe ihm völlig verzweifelt geschildert, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen alles geben würden, aber ihrer Verantwortung aufgrund des Personalstandes nicht mehr gerecht werden könnten. Das mache sehr betroffen. „Deshalb muss jede Chance auf einen Rückkauf ergriffen werden“, sagte Spies.

Sophie Frühwald von der SPD Marburg machte deutlich, dass man überall davon höre, dass Menschen im UKGM über ihre Belastungsgrenzen gehen aus Verantwortungsbewusstsein für ihre Patienten. Dieser Dauerzustand werde von den jetzigen Betreibern einfach ausgenutzt. Auf längere Sicht werde das aber nicht für „gute Behandlungsbedingungen sorgen“, machte Frühwald deutlich. Was das irgendwann für den Ruf des Klinikums bedeuten könnte, ließ sie offen.

Von Götz Schaub

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