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Marburg Auch Ärzte beklagen massive Überbelastung
Marburg Auch Ärzte beklagen massive Überbelastung
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20:00 10.11.2021
Nicht nur das Pflegepersonal am UKGM Marburg klagt über die Arbeitsbedingungen – auch die Ärzte sind überlastet.
Nicht nur das Pflegepersonal am UKGM Marburg klagt über die Arbeitsbedingungen – auch die Ärzte sind überlastet. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Situation am Marburger UKGM ruft nun auch den Personalrat auf den Plan, der für die gut 800 Landesbediensteten – also beispielsweise Ärzteschaft und wissenschaftliches Personal – an der Klinik zuständig ist. „Wir haben hier einen seit Jahren bestehenden Exodus von Personal sowie Schwierigkeiten bei der Akquise von neuen qualifizierten Mitarbeitern in allen Berufsgruppen“, heißt es vonseiten des Gremiums im Gespräch mit der OP. Dies habe zum einen mit den Arbeitsbedingungen, „zum anderen mit der mangelnden Wertschätzung sowie diversen Fehleinschätzungen der Geschäftsführung im Hinblick auf den täglichen Betrieb – ohne Einbeziehung der Mitarbeiter – zu tun“, heißt es. Und auch aufgrund des Umgangs mit ärztlichen und nichtärztlichen Mitarbeitern „im Sinne unbegründeter Vorwürfe und rechtlicher Auseinandersetzungen“ sei es „zu erheblicher Unruhe gekommen“, das führe zu einer Verunsicherung und Abschreckung potenzieller Bewerber von extern.

Damit spielt der Personalrat auf eine noch laufende Reihe von Prozessen gegen eine Oberärztin an: Ihr war wegen angeblicher Pflichtverstöße und des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung gekündigt worden. Die Frau gewann zwar den Arbeitsgerichtsprozess in erster Instanz, doch hatte das Klinikum ein Hausverbot ausgesprochen – und es auch bisher noch nicht zurückgenommen, sodass die Ärztin weiterhin nicht arbeiten kann. Die Kündigungsschutzklage ist mittlerweile am Landesarbeitsgericht Frankfurt anhängig, beim Hausverbot entscheidet das Arbeitsgericht Gießen erst im Dezember, ob es überhaupt zuständig ist.

Überlastungsanzeigen und Patientengefährdung

Dr. Christian Haas verdeutlicht: „Wir versuchen, für unsere Mitarbeiter einzutreten und suchen die Zusammenarbeit mit der Universität und der Klinikführung – aber wir sehen keine Fortschritte – im Gegenteil, und so kann es nicht weitergehen.“ So seien auch die Wissenschaftler von Überstunden und Mehrarbeit, Überlastungsanzeigen mit Patientengefährdungen und Verstößen gegen den Arbeitsschutz in nicht geringem Maße betroffen. Entgegen den tariflichen Vereinbarungen gebe es weiterhin keine objektive Erfassung der Arbeitszeit am UKGM, „insbesondere erfolgt in der Regel keine Berücksichtigung der Arbeitszeit in Forschung und Lehre“, heißt es vom Personalrat. Unter der Arbeitszeitverdichtung leide auch die Qualität der medizinischen Versorgung. „Über 46 500 dokumentierte Überstunden allein bei den Ärztinnen und Ärzten sprechen eine deutliche Sprache.“

Professor Ulrich Koehler verdeutlicht dazu: „Das Primat dieses Hauses ist die Krankenversorgung – und keinesfalls Forschung und Lehre, wie es sein sollte. Denn wir sind ein Ausbildungsbetrieb und haben die Verantwortung gegenüber unseren Studenten und den Weiterbildungsassistenten.“ Die Studierenden könnten sich noch beim Dekanat beschweren, dass zum x-ten Mal Unterricht ausgefallen sei. „Aber es gibt keine Lobby für den Aspekt der Forschung“, so Koehler. Drittmittel würden weit weniger eingeworben, „die Universität per se und auch der Fachbereich Medizin sind im Ranking mit Sicherheit deutlich zurückgefallen“. Man sei mittlerweile „in solch ein enges personelles Korsett eingezwängt, dass es kaum noch möglich ist, Freiheiten für Forschung und Lehre zu haben“, sagt Koehler – und widerspricht damit der Äußerung von Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne), die im OP-Gespräch noch gesagt hatte, Forschung und Lehre seien am UKGM weiterhin gewährleistet.

Koehler weist auf ein weiteres Thema hin. Die Ärzteschaft sei angehalten, marktstrategisch zu denken – das bringe das DRG-Abrechnungssystem mit seinen Fallpauschalen mit sich. „Wenn aber Abteilungen nicht mehr richtiggehend arbeiten können, dann kostet das im Endeffekt richtig Geld“, sagt er – mit Hinblick auf die Radiologie, die laut Koehler „die absolut wichtigste Schnittstelle in diesem Haus für alle Kliniken ist“. Es könne nicht sein, dass man als Hochleistungshaus die Patienten wegschicken müsse, damit sie beispielsweise ein MRT bekämen.

Personalrat: Immer mehr Exzellenz geht verloren

Und: Beispielsweise müsse ein Patient, so die DRG-Vorgaben, nach zehn Tagen entlassen sein – doch wenn es schon mehrere Tage dauere, eine entsprechende bildgebende Diagnostik oder einen Port zu erhalten, verrinne die Zeit, „dann führt das zu einem künstlichen Problem – und das nur, weil entsprechende Abteilungen personell nicht gut besetzt sind“. Stellenweise sei nicht einmal ein normales Röntgenbild möglich gewesen – „eine Woche lang“, wie Christian Haas sagt.

Letztlich, so bemängelt der Personalrat, geht am UKGM immer mehr Exzellenz verloren. „Universitäre Medizin heißt nicht nur Hochleistungsmedizin, sondern auch hohes Niveau und Ausbildung auf hohem Niveau. Dazu muss ich aber auch alle Geräte zur Verfügung haben“, so Haas. Das Dekanat scheue sich davor, die Lehrleistungen in den Kliniken abzufragen sowie auch die Lehrmittelzuteilung entsprechend Quantität und Qualität zu realisieren, heißt es vom Gremium. „Ein großer Teil unserer wissenschaftlichen Beschäftigten hat noch nicht einmal die Zeit, selbst zu promovieren, wissenschaftliches Arbeiten findet zumeist in der Freizeit oder am Wochenende statt.“ Unklar sei, inwiefern Stellen tatsächlich für Forschung und Lehre genutzt würden – oder ob diese „im Rahmen der Krankenversorgung eingesetzt werden. Weder Klinikum noch Universität können bis dato hierzu Angaben machen“. Der Personalrat sieht „eine Zweckentfremdung von wissenschaftlichen Stellen aufgrund vielfältiger Berichte aus den Kliniken als gegeben an“.

Doch es gehe noch weiter: Die Zahl der Promotionen würde stetig zurückgehen, liege nur noch bei rund 190. „An einer Promotion interessierte Medizinstudenten finden häufig nicht einmal einen Betreuer für eine Dissertation“, bemängelt der Personalrat. Hinzu komme, dass qualifizierte Fach- und Oberärzte aufgrund der teils katastrophalen Bedingungen das Haus verlassen würden. „Das Hauptproblem ist offenbar, dass in einigen Bereichen die Patienten unter den derzeit herrschenden Arbeitsbedingungen nicht mehr adäquat und auf universitärem Niveau versorgt werden können, was den Kollegen zunehmend zu schaffen macht.“

„Erste Garnitur“ kommt erst gar nicht mehr

Insgesamt werde es immer schwieriger, „hoch qualifizierte Bewerber im Rahmen von Berufungen nach Marburg zu locken – es scheint so, als ob die ,erste Garnitur’ schon gar nicht mehr kommt“.

Universität und Land nehmen „unserer Einschätzung nach ihre Verantwortung nicht ausreichend wahr“. Dies zeige sich etwa daran, dass Anfragen des Personalrates an die Uni „trotz Nachfragen nicht einmal beantwortet werden oder sich teilweise sogar unwissend gezeigt wird“.

Dabei sehe man auch, dass der Handlungsrahmen für die Geschäftsführung durch den Vorstand und die Vorgaben von Asklepios „sehr eng begrenzt wird. Die hessische Landespolitik, welche in allererster Linie für die Zustände am UKGM verantwortlich zu machen ist, reagiert offenbar nur, wenn die Öffentlichkeit involviert wird und öffentlicher Druck ausgeübt wird. Da hat man hier wahrscheinlich viel zu lange die Augen vor der Realität verschlossen“.

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Aktionsbündnis hat Petition übergeben

Am Donnerstag (11. November) findet ab 17.30 Uhr ein Treffen des Aktionsbündnisses „Gemeinsam für unser Klinikum“ statt – bei der GEW im Schwanhof, Schwanallee 27. Es handele sich um ein offenes Treffen, man freue sich über weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter, um sich gemeinsam für eine Rücküberführung des UKGM in öffentliches Eigentum einzusetzen, aktive Solidarität mit den Beschäftigten am Klinikum auszudrücken und sich für ein gemeinwohlorientiertes Gesundheitssystem einzusetzen, heißt es vonseiten des Bündnisses.

Das Bündnis hatte am Dienstag (9. November) die Petition zur Rückführung des UKGM in die öffentliche Hand an den Petitionsausschuss des Landtags übergeben – 18.203 Menschen hatten diese unterschrieben.

Intensivpfleger Mark Müller,Sprecher des Aktionsbündnisses und Initiator der Petition, sagte dazu in einem Fernsehbeitrag von Sat1: „Die Leute sind ausgelaugt, fertig mit den Nerven, die können nicht mehr. Wir schaffen die Patientenversorgung nicht mehr.“ So arbeite man während der 24-Stunden-Dienste im OP 22 Stunden durch, weder auf Normal- noch auf den Intensivstationen gebe es Zeit für Pausen.

Im selben Beitrag verdeutlichte Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm die Wünsche nach einer Rücküberführung: „Wir hoffen, dass man dann eben ein Gewinnerzielungsverbot festschreiben könnte.“ Dann solle kein Geld mehr aus der Krankenversorgung in private Taschen abfließen, sondern für die Patienten genutzt werden – und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Dass ein Umdenkenvonseiten der Landesregierung kommen wird, ist fraglich. Denn schon im OP-Gespräch hatte Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) gesagt, sie kenne „keinen realisierbaren Vorschlag“, das Klinikum zurück in öffentliches Eigentum zu bringen – sie hält offenbar sowohl die Petition, die auf einem Rechtsgutachten basiert, als auch den Vorschlag des CDU-Abgeordneten Dirk Bamberger für utopisch.

Von Andreas Schmidt

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